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Die Christen verlassen Iraks einst christlichste Stadt Basra

Bedrohte Minderheit : Die Christen verlassen Iraks einst christlichste Stadt

In Basra, der zweitgrößten Metropole des Landes, üben die Schiiten enormen Druck auf die Minderheit aus – eine winzige Gemeinde von 400 Seelen.

Gut 500 Kilometer südlich von Bagdad wird der Gesang in der chaldäischen Kirche Sankt Ephrem immer lauter und inbrünstiger. Obwohl nur ein Drittel der Plätze besetzt ist, hört es sich an, als ob das Gotteshaus voll wäre. Wie einen Hilfeschrei schicken die Christen ihre Gebete zum Himmel. Ein alter Vorsänger mit klarer Stimme fängt an, die Gläubigen antworten ihm. Sie singen auf Aramäisch, in der Sprache Jesu, eine uralte semitische Sprache, die mit Hebräisch und Phönizisch verwandt ist. Erzbischof Habib Jajou hält seine Predigt auf Arabisch. Denn außer der Liturgie gibt es kaum noch Schriften in der alten Sprache.

Wir sind in Basra, der mit über drei Millionen Einwohnern mittlerweile zweitgrößten Stadt Iraks. Neben Mossul war sie einst die Stadt mit den meisten Christen im Land. Das Erzbistum von Habib Jajou zählt zu den ältesten der Ostkirche. Unzählige Kirchen, Klöster und christliche Kulturzentren wuchsen im ehemals südlichen Mesopotamien aus dem Boden. Sumerer, Chaldäer und Araber pflegten die aramäische Sprache und Kultur über Jahrhunderte hinweg. Der Bischof hat die Geschichte der Christen im Süden in einem Buch festgehalten. „Damit sie nicht vergessen wird“, sagt er resigniert nach der Messe. „Denn was seit 2003 hier passiert, kommt einer Katastrophe gleich“. Über 90 Prozent der Christen hätten seitdem Basra und Umgebung verlassen. Der Bischof schätzt, dass es derzeit lediglich noch 400 Christen in der Stadt gebe. „Christen aller Konfessionen wohlgemerkt, nicht nur Chaldäer.“

Dass Christen den Nordirak und auch Bagdad in Scharen verlassen, ist bekannt. Zuerst wurden sie von Al Kaida, dann vom IS verfolgt und vertrieben. Aber Basra? Wo keine der beiden Terrororganisationen jemals Fuß fassen konnte, es so gut wie keine Anschläge gibt, keine Kirchen brennen? Basra, das als einer der wenigen sicheren Orte im Irak gilt?

Habib Jajou ist 2014 in den Irak zurückgekehrt, nachdem der chaldäische Partriarch Louis Sako ihn eindrücklich gebeten hatte, eine christliche Präsenz im Süden Iraks aufrechtzuerhalten. Heute ist Basra eine fast ausschließlich schiitische Stadt. Im Bürgerkrieg vor zehn Jahren zwischen Schiiten und Sunniten haben Letztere den Kürzeren gezogen und Basra weitgehend verlassen. Jetzt gehen auch die Christen.

Jajou hat zehn Jahre lang in London gelebt, geboren wurde er 1960 in der nordirakischen Provinz Nineve, wo alle Christen ihren Ursprung haben. Seit er in Basra ist, muss er erfahren, dass nicht nur sunnitische Dschihadisten Jagd auf Christen im Irak machen, sondern auch Schiiten einen tödlichen Fundamentalismus entwickelt haben. Seit 2003, als die Amerikaner und Briten in den Irak einmarschierten und Saddam Hussein stürzten, seien allein 23 chaldäische Christen in Basra ermordet worden. Man habe ihre Leichnahme nicht in der Stadt selbst, sondern außerhalb gefunden. Auch Kidnapping sei an der Tagesordnung. Das zermürbende aber sei die subtile Verfolgung. „Sie beschimpfen uns als Affen und als unrein“, sagt der Bischof. Kaufe nichts bei Christen, sei die Schlussfolgerung. Christliche Kinder in den Schulen hörten oft, dass sie nicht erwünscht seien. Das Eigentum der Christen werde durch Muslime kontrolliert, außer Kirchen gebe es keine christlichen Institutionen mehr.

Nachdem ihr Sohn in der Schule nicht bei seinem Vornamen, sondern nur noch mit „der Christ“ gerufen wurde, schickte ihn seine Mutter nach Europa, erzählt Istefan, die bei der Messe in der Kirche dabei war und nun zusammen mit dem Erzbischof über die Situation der Christen in Basra berichtet. Der Druck seitens der gläubigen Schiiten auf die Christen im Süden sei so groß, dass auch Christinnen gezwungen würden, Schleier zu tragen und sich islamisch zu kleiden. „Früher, als wir noch mehr waren, war es ganz normal, neben Christen zu wohnen und Christen als Freunde zu haben“, erzählt Juliana, die zusammen mit ihren zwei Töchtern in die USA oder nach Kanada auswandern möchte. „Heute sind Christen selten und entsprechend Exoten. Man geht auf Distanz zu uns.“

Doch inzwischen geschieht etwas Bemerkenswertes. Immer mehr junge Leute wenden sich von der Religion ab. An der Uni seien die meisten Studenten Atheisten, sagt Ahmed, der im dritten Semester Medizin studiert. Fast alle seine Kommilitonen seien vom Glauben abgefallen. Dies liege vor allem am IS, der sich mit seiner brutalen Auslegung des Islam mehr Feinde als Freunde geschaffen habe. Und Erzbischof Jajou berichtet, dass etliche Muslime derzeit zum Christentum konvertieren wollten. „Aber das dürfen wir nicht zulassen, sonst bringen uns die Fundamentalisten um“, sagt er.