Der syrische Krieg und die Rolle der Türkei: Die Angst vor dem Flächenbrand steigt

Der syrische Krieg und die Rolle der Türkei : Die Angst vor dem Flächenbrand steigt

Syrische Granaten schlagen in einem türkischen Grenzdorf ein, die Türkei feuert zurück – der bewaffnete Konflikt in Syrien hat eine neue Dimension erreicht und die Frage aufgeworfen, ob Ankara militärisch interventiert. Doch die Regierung dürfte gute Gründe haben, dies praktisch nicht zu tun.

Syrische Granaten schlagen in einem türkischen Grenzdorf ein, die Türkei feuert zurück — der bewaffnete Konflikt in Syrien hat eine neue Dimension erreicht und die Frage aufgeworfen, ob Ankara militärisch interventiert. Doch die Regierung dürfte gute Gründe haben, dies praktisch nicht zu tun.

Auch am Donnerstagmorgen setzte die Türkei ihre Angriffe in Richtung Syrien fort. Gemäß des Rechtes auf Selbstverteidigung ist dies durch die Charta der Vereinten Nationen legitimiert. Zugleich billigt das Parlament in Ankara Militäreinsätze in dem Nachbarland. Aus dem Bürgerkrieg innerhalb Syriens könnte so schnell ein grenzüberschreitender Krieg werden.

Doch Ibrahim Kalin, ein ranghoher Berater des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan beruhigte schon vor der Parlamentsabstimmung via Twitter. Die Türkei habe kein Interesse an einem Krieg mit Syrien, aber das Land sei in der Lage, seine Grenzen zu schützen und wenn nötig auch zurückzuschlagen. Dieser Satz zeigt die schwierige Lage des Landes in dem bewaffneten Konflikt.

Denn einerseits will man sich nicht in einem Krieg hineinziehen lassen, der ungeahnte Folgen haben könnte für die gesamte Region des Nahen Ostens. Andererseits gilt es auch, Stärke zu demonstrieren gegenüber Syrien. Und so halten Experten das Zurückschlagen als eine gesichtswahrende Maßnahmes der Regierung in Ankara. Als ebensolches dürfte die Entscheidung des Parlaments zu sehen sein. "Der Druck im Kessel steigt", bemerkt aber der Nahost-Experte Michael Lüders im WDR2.

Mittlerweile hat die türkische Regierung die syrischen Äußerungen über einen Fehler beim Angriff auf ein türkisches Grenzdorf als Entschuldigung akzeptiert. Die syrische Führung habe im Kontakt mit den Vereinten Nationen ihr Bedauern ausgedrückt, zitierte die türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Donnerstag den türkischen Vizeregierungschef Besir Atalay weiter. Die Syrer hätten versichert, "eine solche Sache werde von nun an nicht mehr passieren". Aus dem türkischen Außenministerium wurde auf Anfrage erklärt, es sei aber bisher keine direkte Entschuldigung aus Syrien eingegangen.

Tausende Flüchtlinge aufgenommen

Die Türkei sympathisiert zwar mit der syrischen Revolution und nahm tausende Flüchtlinge aus dem Nachbarland auf. Auch hat das Land den UN-Sicherheitsrat angerufen in Bezug auf den Beschuss. Bislang hat sich Ankara militärisch aber zurückgehalten, auch wenn die Regierung vom syrischen Regime immer wieder provoziert worden war. So gab es schon mehrmals Schüsse an der Grenze.

Denn Ankara dürfte durchaus bewusst werden, dass ein militärisches Einschreiten in Syrien weitreichende Folgen für die gesamte Region haben könnte. Der Iran etwa hat bereits mehrfach deutlich gemacht, dass er auf der Seite Syriens steht und das Land auch unterstützen werde. Und die Hisbollah im Libanon gilt als stärkster Verbündeter des Regimes in Teheran. Der oft befürchtete und auch von Syriens Präsident Baschar al Assad prophezeite Flächenbrand könnte eintreten.

"Je länger der Krieg dauert, umso mehr wird er internationalisiert"; so der Nahost-Experte Lüders im WDR2. Wenn die Türkei in syrisches Gebiet einmarschiere, "würde man die Büchse der Pandora" öffnen. Denn dann würde sich die Türkei vielleicht auf einen Konflikt einlassen, der militärisch nicht zu lösen sei. Schließlich hält sich das Assad-Regime schon wesentlich länger, als es etwa die Regierung in Ankara erwartet hatte.

Der Nahost-Experte und Journalist Arnold Hottinger sah im März aber noch andere Gründe, warum die Türkei sich in dem Konflikt zurückhält. In einem Gastbeitrag für den Schweizer "Tagesanzeiger" schrieb er vor allem über politische Hindernisse — innerhalb der Türkei selbst.

Die Rolle der türkischen Armee

Denn nicht nur, dass sich die Mehrheit der Türken gegen eine bewaffnete Intervention ausspricht, wie jüngst eine Umfrage ergab, auch das Verhätlnis zwischen Ministerpräsident Erdogan und dem Militär spielt laut Hottinger eine wichtige Rolle. "Eine Armee, die Krieg führt, hat ein sehr viel grösseres politisches gewicht in ihrem eigenen Staat, in dessen Namen sie blutet, als eine Armee in Friedenszeiten."

Erdogan, so Hottinger, sei es in den vergangenen Jahren gelungen, der Armee politisches Gewicht zu entziehen, doch die Wogen seien noch lange nicht geglättet zwischen beiden Seiten wie etwa die Militärprozesse zeigen würden. Sollte die Armee in Syrien eingreifen, vermutet der Experte, dann würde sie auch innenpolitisch ihr wachsendes Gewicht zur Geltung bringen.

Bleibt noch die Nato, deren Mitglied die Türkei ist. Im Ernstfall müsste sie ihren Bündnispartner unterstützen. Dementsprechend hat der Rat des Militärbündnisses den Angriff auch als flagranten Bruch des internationalen Rechts verurteilt.

Doch die Nato wird sich gut überlegen, ob sie militärische Unterstützung bietet. Denn auch sie weiß nicht, wie der Bürgerkrieg ausgeht. Man ist vorsichtiger geworden nach dem Einsatz in Libyen — aufseiten der Nato ebenso wie aufseiten der Türkei.

mit Agenturmaterial

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(das)