Deutsche Wirtschaft warnt vor Brexit-Chaos

EU-Austritt : Deutsche Wirtschaft warnt vor Brexit-Chaos

Nach der erneuten Ablehnung des Brexit-Vertrags im britischen Unterhaus hat die deutsche Wirtschaft vor massiven Belastungen gewarnt. Jährlich drohten mehr als zeh Millionen Zollanmeldungen.

„Das Chaos ist nun perfekt“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer am Freitag in Berlin. „Damit taumeln Großbritannien und Europa auf einen ungeregelten EU-Austritt zu.“ Es sei nun allerhöchste Zeit für die Unternehmen, sich vorzubereiten. „Bereits in wenigen Tagen droht erhebliche Brexit-Bürokratie und der Abriss von Lieferketten, in die das Vereinigte Königreich eingebunden ist“, so Schweitzer. „Zusätzlich drohen den deutschen Unternehmen jährlich mehr als zehn Millionen Zollanmeldungen und mehrere Milliarden Euro an Zöllen.“

Der Brexit-Poker kenne schon jetzt nur Verlierer. Für die Briten sei es bitter, dass sich internationale Unternehmen von der Insel zurückziehen. „So planen aktuell allein zwölf Prozent der deutschen Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien Investitionsverlagerungen aus dem Vereinigten Königreich nach Deutschland oder andere EU-Länder“, sagte Schweitzer. Seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 seien die deutschen Exporte nach Großbritannien um mehr als fünf Prozent zurückgegangen. Die deutschen Exporte in die EU seien dagegen im gleichen Zeitraum um mehr als elf Prozent gestiegen. „2016 war Großbritannien noch der drittwichtigste Exportmarkt Deutschlands. Inzwischen ist das Land auf Platz fünf abgerutscht“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Für Deutschland sei das ein wichtiges Thema. „Denn rund 750 000 Arbeitsplätze hängen am Export ins Vereinigte Königreich.“

Schon jetzt bezeichne in einer DIHK-Umfrage nur noch jedes fünfte der befragten Unternehmen mit Beziehungen zu UK seine Geschäfte im Vereinigten Königreich als gut. 70 Prozent der Betriebe gingen für 2019 von einer weiteren Verschlechterung aus. Drei Viertel der Unternehmen erwarteten zusätzliche Zollbürokratie.

Nach dem Scheitern der Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus setzen die deutschen Familienunternehmer ihre Hoffnung jetzt auf ein mögliches zweites Referendum und den Verbleib Großbritanniens in der EU. „Auch wenn es im Moment schwer fällt, sich ein Szenario auszudenken: Vielleicht steht am Ende ein Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU. Dies wäre für alle Seiten das Beste“, sagte Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbandes Familienunternehmer, unserer Redaktion. „Je länger sich Europa unter dem politischen Management-Versagen in London mit sich selbst beschäftigt, desto mehr leidet das globale Image sowohl der EU wie auch des Vereinigten Königreichs“, sagte Eben-Worlée.

Bei aller Sympathie für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU dürfe sich Europa nun aber keinesfalls das britische Chaos auf das Festland holen. „Für den Fall, dass Großbritannien noch nach dem 22. Mai Mitglied der EU sein sollte, darf es vorerst im EU-Ministerrat nur noch eine beratende Stimme haben. Andernfalls könnte ein dauerhaftes britisches Veto die EU in Geiselhaft nehmen“, warnte Eben-Worlée.

Nachdem das ursprüngliche Brexit-Datum, der heutige 29. März, nicht zu halten war, ist nun der 12. April der neue Stichtag. Bis zu diesem Tag muss die britische Regierung der EU mitteilen, wie es weitergehen soll. Sie könnte eine weitere lange Verschiebung des Brexits beantragen und - zumindest theoretisch - auch einen Verbleib in der EU. Ohne neuen Plan droht ein ungeordnetes Ausscheiden Großbritanniens aus der EU mit potenziell schwerwiegenden Folgen für die Wirtschaft, in Großbritannien, aber auch im Rest der EU. Die EU-Kommission teilte mit, sie sei auf ein solches Szenario um Mitternacht am 12. April vorbereitet.