US-Präsidentschaftswahlen Der ungeliebte Mitt Romney

Washington · Der Republikaner Mitt Romney hätte die besten Chancen, Barack Obama bei der Präsidentschaftswahl 2012 das Amt abzujagen. Die Frage ist, ob seine Partei das auch so sieht. Denn Romney gilt der Basis als Wendehals und als Erzkapitalist.

US-Wahl: Pannen bei TV-Debatte der Republikaner
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Ächzend geht der Kandidat in die Knie. "Mein Gott, ist das Ding schwer", stöhnt Mitt Romney, scheinbar überrascht vom Gewicht eines dicken, sehr dicken Aktenordners. Eben hat ihm eine wasserstoffblonde Ärztin namens Betsy McCoy die Dokumentensammlung mit so düsterem Blick überreicht, als ginge es um die Pamphlete des Terrornetzwerks Al Qaida. In Wahrheit ist es das Gesetz zur Gesundheitsreform, vor knapp zwei Jahren durchgesetzt vom Weißen Haus. "Die reinste Papierverschwendung", ruft der Kandidat und reicht den Ordner weiter an einen herbeigeeilten Assistenten, wobei seine Miene blankes Entsetzen verrät.

Was für ein Verstellungsakt! Denn noch bevor der demokratische US-Präsident Barack Obama die allgemeine Pflicht zur Krankenversicherung in Angriff nehmen konnte, hatte der Republikaner Mitt Romney sie bereits durchgesetzt. Allerdings im Kleinen, im Bundesstaat Massachusetts. Dort, im liberalen Milieu der Bildungsmetropole Boston mit ihren vielbeneideten Spitzenuniversitäten, regierte er von 2003 bis 2007 als Gouverneur — ziemlich flexibel, politisch mehr oder weniger in der Mitte.

Zu Romneys Pech denken die meisten Republikaner allerdings heute ähnlich wie Betsy McCoy, die Tea-Party-Anhängerin, die Obamas Gesundheitsnovelle als verhängnisvollen Schritt in Richtung Sozialismus verdammt. Und Romney will republikanischer Präsidentschaftsbewerber für 2012 werden und damit Spitzenmann einer nach rechts gerückten Partei. "Wissen Sie, meine Reform passte damals auf 20 Seiten", verteidigt er sich. "Für Massachusetts war sie richtig, für ganz Amerika wäre sie sicher das Falsche gewesen."

Dann spricht er vom bevormundenden Kindermädchenstaat, angeblich Obamas Ideal. Er dagegen setze auf die unbegrenzten Möglichkeiten im Lande der Freien. Betsy McCoy nickt so heftig, als hörte sie die Worte zum ersten Mal, dabei gehören sie zum Standardrepertoire des Kandidaten. Genau wie die trotzige Liedzeile, die aus den Lautsprechern dröhnt, wenn Romney winkend die flaggengeschmückte Bühne verlässt: "Born Free" von Kid Rock. Und die blauweißen Mitt-Romney-Poster, die den Parkplatz des Kriegsveteranentreffs Nr. 5791 in Hudson, New Hampshire, säumen. "Believe in America" — "An Amerika glauben".

Es soll nach Ronald Reagan klingen, dem nostalgisch verklärten Übervater der Konservativen, der zuversichtlich von einem neuen Morgen in Amerika sprach. Das Durchschnittsalter im Saal liegt bei fast 60 Jahren. In der ersten Reihe sitzen, telegen arrangiert, vier optimistisch lächelnde Teenager, gleichsam zwangsverpflichtet. Es sind die Söhne der Tea-Party-Aktivistin Jennifer Horn, die den Wahlkämpfer eingeladen hat in die Veteranenbaracke. Romney (64) hat wohl von allen konservativen Anwärtern die besten Chancen, Obama das Amt abzunehmen, bei den schwankenden Wählern der Mitte zu punkten.

Übersteht Romney den Vorausscheid?

Die Frage ist, ob er den parteiinternen Vorausscheid übersteht. Seine Gegner porträtieren ihn gern als notorischen Wendehals, der seine Meinung öfter ändert, als andere ihre Hemden wechseln. Früher war er für strengere Klimagesetze, heute ist er dagegen. Früher befürwortete er das Recht auf Abtreibungen, heute lehnt er es ab. Einerseits hält er nichts von einem Fahrplan für den Abzug aus Afghanistan, weil die US-Armee am Hindukusch bleiben soll, "bis der Job erledigt ist". Andererseits betont er, dass Amerika nicht die Kämpfe einer anderen Nation kämpfen werde, was man durchaus als Rückzugssignal verstehen kann.

Ein Politiker, der es vermeidet, sich festzulegen. "Meine Spezialität ist es, Probleme zu lösen", sagt Romney: "Ich bin keine Kreatur Washingtons, ich bin ein Mann der Wirtschaft." Als Nächstes erzählt er, wie genügsam er seine Jugendjahre verbrachte, damals in Frankreich, wohin ihn seine Mormonenkirche zum Missionieren geschickt hatte. "Die meisten Wohnungen, in denen ich dort wohnte, hatten weder Dusche noch Badewanne. Und nur diese uralten Klos, mit dem Spülkasten hoch oben unter der Decke."

Es ist ein Versuch, ein Image loszuwerden — das Image eines Verwöhnten, der das wahre Leben nicht kennt, sondern nur dessen Sonnenseiten. Romneys Vater George war Autokonzernlenker und Gouverneur von Michigan. Er selber scheffelte ein Vermögen, als er Bain Capital führte, eine Investmentgesellschaft, die Industriekonglomerate aufkaufte und in Einzelteile aufspaltete, manche Betriebe bankrott gehen ließ und andere rank und schlank zum Erfolg führte, das alles mit sattem Gewinn.

Es gibt Fotos aus den 80ern, die einen Eindruck von der Goldgräberstimmung bei Bain vermitteln. Mit triumphierendem Lächeln zeigt Romney einen Dollarschein vor, manche seiner Partner haben Dollarscheine sogar zwischen den Zähnen. Diese Bilder sind heute seine Achillesferse, Munition für die Rivalen, mögen die Republikaner noch so oft den amerikanischen Traum vom schnellen Aufstieg aus eigener Kraft beschwören.

Newt Gingrich, der härteste Konkurrent, hat die Schwachstelle schon einmal getestet. Der liebe Parteifreund, giftete er, möge doch bitte all das Geld zurückzahlen, das er verdiente, indem er massenhaft Leute entließ.

(RP/felt/jre/pst)