Präsidenten-Porträt: Der steinige Weg des Monsieur Hollande

Präsidenten-Porträt: Der steinige Weg des Monsieur Hollande

Der Sozialist François Hollande ist am Ziel seiner Träume angekommen: Schon mit 15 Jahren soll er dem Vater eines Freundes gesagt haben, sein Berufswunsch sei es, einmal Präsident Frankreichs zu werden. Viel Spott musste er auf dem Weg in dieses Amt ertragen. Seine frühere Lebensgefährtin warf gar die Frage auf, ob Hollande je etwas geleistet habe.

Neulich in Toulouse hat er schon einmal geprobt für den Sieg. Da stand er und strahlte hinter seiner randlosen Brille, im dunklen Anzug, der wie immer ein wenig zu klein wirkt. Vor allem, wenn er die Arme hochreißt und die weißen Hemdsärmel preisgibt, wie auch da wieder, umjubelt von Zehntausenden bunte Fahnen schwenkenden Menschen auf der Place du Capitole. Dort, wo schon sein großes Vorbild François Mitterrand 1981 seine letzte Wahlkampfkundgebung abgehalten hatte, der bisher einzige sozialistische Präsident Frankreichs — bis er kam: sein Vornamensvetter François Hollande.

Der Weg in den Elysée-Palast war weit und steinig für den heute 57-jährigen Hollande. Auch wegen des schier endlos wirkenden Wahlkampfs, für den er extra zehn Kilo abgespeckt hatte. Weniger Wein, weniger Käse und vor allem weniger "Moelleux au chocolat", wie die warmen Schokoladentörtchen mit flüssigem Kern heißen, die Hollande so liebt. Sein kulinarisches Faible, sein weiches Gesicht und sein eigener, vermeintlich weicher Kern hatten ihm den Spitznamen "Pudding" eingebracht. Auch "lebender Marshmallow" nannten sie ihn, "Walderdbeere" (die wächst im Schatten) — und "Monsieur Witzchen", wegen seines Humors.

Wer hätte es für möglich gehalten, dass der langjährige Oppositionspolitiker, der noch nie ein Regierungsamt innehatte, eines Tages in den Elysée-Palast einziehen würde? Vor einem Jahr etwa noch, als Dominique Strauss-Kahn als wahrscheinlichster Spitzenkandidat der Sozialistischen Partei (PS) galt, bevor er sich wegen einer Sex-Affäre selbst kompromittierte? Oder 2008, nach dem PS-Parteitag in Reims, als Hollande den Parteivorsitz an Martine Aubry abgab und danach in die Versenkung abtauchte? Wohl kaum jemand. Selbst seine Parteifreunde nicht. "Jeder war überzeugt, dass er ausgegrenzt war", sagt heute ein hoher Sozialist. Nur Hollande selbst schien an sich zu glauben. Vielleicht war es ausgerechnet dieser tote Punkt in seinem Leben, der ihn gestärkt hat; das tiefe Tal, durch das er gegangen ist, nachdem 2009 auch noch seine Mutter Nicole gestorben war. Sie hatte ihm im Leben den Halt gegeben, den der Vater, Georges Hollande — ein Arzt mit stramm rechter Gesinnung — vermissen ließ. Die Mutter, die anders als der Vater den Sozialisten anhing, hatte immer an ihren François geglaubt und daran, dass er zu Größerem berufen sei. "Ich will Präsident werden", erklärte der Junge bereits mit 15 Jahren dem verdutzten Vater eines Freundes.

1954 kam Hollande im normannischen Rouen zur Welt, in einem weinumrankten Haus mit weißen Fensterläden und Garten. Erst vor Kurzem hat Hollande das Haus zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder besucht. Ein Foto zeigt ihn, wie er, sichtlich bewegt, mit dem Finger auf das Fenster seines früheren Zimmers im ersten Stock deutet. Dort hatte er mit seinem Bruder Philippe gespielt — Indianer, Cowboys, was kleine Jungen in diesem Alter eben so machen. Es hätte eine rundum glückliche Kindheit sein können, wäre da nicht der autoritäre Papa gewesen. Den Rebellen Philippe schickte dieser zur strengeren Erziehung ins Internat. Dem gemäßigteren François warf er schon mal einfach die Zinnsoldaten-Sammlung in den Müll. Als der Vater angesichts der Studentenrevolte 1968 fürchtete, die Kommunisten könnten die Macht ergreifen, verkaufte er kurzerhand das Haus und zog mit der Familie in den reichen Pariser Vorort Neuilly — ausgerechnet in das Viertel, in dem auch Nicolas Sarkozy aufwuchs, den Hollande jetzt in der Stichwahl bezwungen hat.

Während des Studiums — unter anderem an der Elitehochschule Ena — engagierte sich Hollande in linken Studentenverbänden und begeisterte sich für die Sozialistische Partei Mitterrands. Er mischte in dessen Wahlkampf mit und wechselte nach dem historischen Wahlsieg der Linken 1981 als Mitarbeiter in den Elysée-Palast — mitsamt seiner Freundin Ségolène Royal, die er an der Ena kennengelernt hatte. "Miss Eiswürfel" wurde Royal damals genannt. Doch Hollande taute sie auf. Vier gemeinsame Kinder brachte sie zur Welt — und das trotz einer ehrgeizigen politischen Karriere: Mehrmals war Royal Ministerin und vor fünf Jahren sogar Präsidentschaftskandidatin — ebenfalls gegen Nicolas Sarkozy, gegen den sie 2007 allerdings verlor.

Im Vergleich dazu verlief Hollandes Karriere vergleichsweise bescheiden: zehn Jahre Vorsitzender der Sozialistischen Partei; Abgeordneter; Bürgermeister der zentralfranzösischen Stadt Tulle; Regionalrat der ländlichen Corrèze.

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Von Tulle startete er auch im März 2011 in den parteiinternen Vorwahlkampf — zunächst als farbloser Außenseiter. "Nennen Sie mir eine Sache, die Hollande in 30 Jahren politischer Karriere geschafft hat", stichelte Royal gegen ihn, bevor sie selbst in der Urwahl ausschied. Zu diesem Zeitpunkt war sie freilich schon längst seine "Ex". Gleich nach ihrer Wahlniederlage gegen Sarkozy 2007 hatte Royal die Beziehung per Pressemitteilung öffentlich beendet. Hollande war da bereits mit der "Frau seines Lebens" zusammen: der elf Jahre jüngeren Valérie Trierweiler, damals Reporterin bei der Illustrierten "Paris Match". Inzwischen hat Trierweiler ihre journalistische Karriere wegen der politischen ihres Partners erst einmal hintangestellt. Im Wahlkampf trat die charmante Brünette an seiner Seite auf, schüttelte Hände, gab Interviews und Küsschen. Sie verpasste ihm ein neues Image inklusiver neuer Brille und Kleidung.

Der monatelange Wahlkampf hat Hollande jedenfalls Kontur verpasst. Seine Stimme ist fester, gefasster geworden, sein Auftreten präsidialer. Im letzten großen Fernseh-Duell zeigte Hollande Kante, ließ sich von den Attacken seines politischen Gegners nicht aus der Ruhe bringen und parierte Sarkozys Schläge mit seiner ihm eigenen Art Humor: Der Klage Sarkozys, Hollande sei nicht eingeschritten, als Sozialisten ihn "mit Franco, Pétain — und warum nicht Hitler" verglichen hatten, entgegnete er: "Sie werden Mühe haben, Monsieur Sarkozy, sich als Opfer hinzustellen."

Die Franzosen überraschte er zudem mit einer minutenlangen Vision seiner künftigen Präsidentschaft — ein Monolog im Stakkato-Ton, der bereits die Musik-Szene inspiriert hat und im Internet als neuer Rap kursiert: "Moi, Président de la République . . .", wiederholte er ganze 16 Mal und legte dar, was er im Falle seines Wahlsiegs anders machen würde: Er würde nicht gleichzeitig Regierungschef sein, er würde nicht alle Themen an sich reißen, er würde nicht die Chefs der öffentlichen Fernsehsender ernennen, erklärte Hollande in Anspielung auf den umtriebigen Sarkozy und versprach stattdessen mehr soziale Gerechtigkeit und eine unabhängige Justiz.

Vor allem den Tonfall will Hollande in Frankreich ändern und die Menschen nach fünfjähriger "Spaltung" wieder einen. So gibt sich der Sozialist gemäßigt, verlässlich, ja "normal"— was er mit Blick auf Sarkozy, der seine Landsleute nach seinem Wahlsieg 2007 durch seinen Hang zum Luxus vergrätzte, als positives Attribut sieht. Die wichtigsten Vorhaben seines 60-Punkte-Programms für Arbeit, Bildung und Jugend verspricht Hollande bereits im ersten Jahr seiner Amtszeit umzusetzen. Und er will auch Deutschland ein verlässlicher Partner bleiben — selbst wenn er weiß, dass seine Forderung nach einer Neuverhandlung des EU-Fiskalpakts in Berlin für Unruhe sorgt.

Doch inzwischen deutet sich immer mehr an, dass es ihm nicht mehr unbedingt um das Aufschnüren des Paktes gehe, sondern um dessen "Veränderung" und Ergänzung um "dringend nötige Wachstumsimpulse". Außerdem lässt Hollande keine Gelegenheit aus, zu betonen, dass er "haushaltspolitische Verantwortung" und zu einem ausgeglichenen Haushalt zurückkehren will.

Seine erste Reise als Präsident wird er nach Berlin machen — zu Angela Merkel, mit der er gestern Abend noch telefoniert hat. Die EU brauche in der Krise das deutsch-französische Paar, sagt er. Doch: "Man wird auf mich hören müssen", lässt François Hollande wissen — der vermeintliche "Pudding" mit hartem Kern.

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(RP/pst)
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