Der laute Knall von Caracas

Mutmaßlicher Anschlagsversuch : Der laute Knall von Caracas

In Venezuela soll es einen Attentatsversuch gegen Präsident Maduro gegeben haben. Dieser beschuldigt Kolumbien und will nun die Opposition im eigenen Land zerlegen.

Genau in jenem Moment, in dem Venezuelas sozialistischer Präsident Nicolás Maduro über die Wiederherstellung der Wirtschaftskraft spricht, gibt es einen lauten Knall. Ehefrau Cilia Flores blickt erschrocken gen Himmel, Soldaten fliehen auf der Avenida Bolívar wie auf Kommando in alle Himmelsrichtungen und das Staatsfernsehen unterbricht die Übertragung. „Heute hat man versucht, mich zu ermorden“, lässt Maduro anschließend in einer Erklärung wissen. Für Venezuelas Elite ist sofort klar: Es handelt sich um einen feigen terroristischen Anschlag. Vertreter von Parlament, Justiz und Regierung legen sich mit verbaler Unterstützung aus dem verbündeten Ausland so schnell fest, dass eine andere Interpretation gar nicht mehr möglich ist, obwohl sowohl in den Medien als auch von Augenzeugen vor Ort andere Versionen verbreitet werden. Es ist von einer explodierten Gasflasche die Rede, andere sprechen von einer inszenierten Explosion, die ein Attentat vortäuschen soll.

Maduro kündigt in einer ersten Reaktion umfassende Ermittlungen und Konsequenzen an. Damit hat der vor einigen Monaten in einer umstrittenen Wahl im Amt bestätigte Präsident alle Karten in der Hand, um die ohnehin schon durch Inhaftierung, Hausarrest, Berufsverbot oder Exil de facto in ihre Einzelbestandteile aufgelöste Opposition endgültig zu zerlegen. Erst vor wenigen Tagen hatte Maduro beim Parteitag der sozialistischen PUSV seine Machtbasis gefestigt und sogar erstmals öffentlich eine Verantwortung für die katastrophale wirtschaftliche Situation des ölreichsten Landes der Welt übernommen. Bis dato hatte er stets einen Wirtschaftskrieg des „Imperiums“, also der Vereinigten Staaten, für den Niedergang Venezuelas verantwortlich gemacht.

Doch nach dem lauten Knall von Caracas verfiel Maduro wieder in den alten Modus, dunklen ausländischen Mächten die Schuld für innenpolitische Entwicklungen zu geben. Die Verantwortung für das Attentat von Caracas trägt nach Lesart der Venezolaner ausgerechnet ein Friedensnobelpreisträger: der scheidende kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos. Er, der seit den erfolgreich abgeschlossenen Friedensverhandlungen mit der linksgerichteten und venezuelafreundlichen Guerilla-Organisation Farc ein international anerkannter und geschätzter Pragmatiker ist, soll, 48 Stunden bevor er in den politischen Ruhestand geht und sein Amt an den rechtskonservativen Nachfolger Iván Duque übergibt, noch mal eben ein Attentat ferngesteuert haben. Auch Donald Trump und die USA sollen die Strippen gezogen haben, berichtet Maduro mit Bezug auf die erstaunlich schnellen Ermittlungsergebnisse des venezolanischen Inlandsgeheimdienstes.

Für die venezolanische Opposition und die venezolanischen Nachbarn bedeutet all das nichts Gutes: Kolumbien, Brasilien, Ecuador und Peru haben in den vergangenen zwei Jahren bereits weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit und ignoriert von den meisten Nichtregierungsorganisationen, die ihren internationalen Fokus lieber auf Flüchtlinge im Mittelmeer legen, mehr als eine Millionen Geflüchtete aufgenommen. Die Länder sind auf sich allein gestellt bei dem Versuch, diese Menschen zu integrieren und zu versorgen, so gut es eben geht. Dass Maduro eine Säuberungsaktion ankündigt, die auch als Aufruf zur Lynchjustiz zu verstehen ist, wenn er davon spricht, dass nur er den Frieden derjenigen garantieren könne, die im Land leben wollten, dürfte neben der Hyperinflation und der zusammengebrochenen Produktion noch mehr Venezolaner dazu veranlassen, ihre Heimat zu verlassen, solange das noch geht.

In den Reihen der Militärs, in denen es bereits in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Säuberungsaktionen gab, beginnt nun das große Aufräumen. Maduro folgte damit einer Linie, die seit Beginn der venezolanischen Revolution vom damaligen Machthaber Hugo Chávez vorgegeben wird: Loyalität zum Sozialismus geht vor Kompetenz. Wer als Feind der venezolanischen Revolution verdächtigt wird, gerät ins Visier des gefürchteten Inlandsgeheimdienstes Sebin, der bereits jetzt Oppositionspolitiker auf Schritt und Tritt verfolgt und rund 300 politische Gefangene in den überfüllten Haftanstalten wegsperren ließ. Nach dieser Methode wurde bereits der staatliche Erdölkonzern PDVSA zugrunde gerichtet, nun droht diese Auslese auch noch den letzten verbliebenen Institutionen, die sich einen Hauch Unabhängigkeit bewahren konnten.

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