Der Krieg um das Flüchtlings-Business in Libyen

Libyen : Nachrichten aus der Hölle

Der Filmemacher Michelangelo Severgnini hält Kontakt zu Migranten in Libyen. Der Krieg dort dreht sich auch um deren Ausbeutung.

Das Smartphone auf dem Opaltisch in einer Mietwohnung in der tunesischen Stadt Medenine gibt nur ein Freizeichen von sich. Michelangelo Severgnini wischt den Anruf weg und klickt einen neuen Kontakt in seinem Adressbuch an. Die Verbindung baut sich auf, aber niemand nimmt ab. „Hassan Libya“ antwortet nicht, genau wie die anderen vor ihm. Severgnini versucht es nun bei „George Libya“. Wieder ist nur der Freiton zu hören. Die Internetverbindung in das nordafrikanische Bürgerkriegsland ist unzuverlässig. Dann knackt es in der Leitung. „Hallo Bro, hier spricht Miche, wo bist Du? Wie geht es Dir?“, ruft Severgnini in sein Mobiltelefon. Durch das Rauschen in der Verbindung erzählt George, wie die Miliz von Misrata ihm sein Geld abgeknöpft hat. „Sie kommen in unsere Unterkünfte und bedrohen uns“. Er verschwand danach aus der Stadt.

George erzählt, dass er seinen Freund auf dem Weg zurücklassen musste. Ein Schuss hatte ihn ins Bein getroffen. Aber kein Krankenhaus wollte einen Afrikaner behandeln. Was er getan hat, um die Schmerzen des Freundes zu lindern? „Ich habe ihm Wasser gegeben“, sagt George. Er sei nun in der libyschen Hauptstadt Tripolis, erzählt er. Sie ist seit April umkämpft zwischen den Truppen der international anerkannten Regierung von Premierminister Fayiz as Sarradsch und jenen des mehr oder weniger offen von Ägypten, Russland und Frankreich unterstützen Herrschers über den Osten Libyens, Chalifa Haftar.

In Tripolis scheint das Spiel um Georges Leben erneut zu beginnen. Die Regierungstruppen des Premierministers bestehen aus unzähligen Milizen. Sie sind während und nach der Revolution von 2011 entstanden, die mit dem Sturz von Machthaber Gaddafi endete. An jedem der vielen Checkpoints in der Hauptstadt verrät seine dunkle Hautfarbe seine Herkunft aus dem Südsudan. George wird versuchen, Arbeit zu finden. Er braucht Geld, um die allmächtigen Milizen zu bestechen. Aber oft werde der Lohn in Libyen an Migranten nicht ausgezahlt, sagt er. Warum auch, wenn die Afrikaner mit dem Gewehr im Nacken sie auch umsonst verrichten? George sagt, er wisse, dass seine Überlebenschancen nicht gut seien. „Sie töten uns, als wären wir weniger wert als Tiere.“

Michelangelo Severgnini führt seit April 2019 jeden Tag solche Gespräche mit Migranten zwischen den libyschen Fronten. Der 44-jährige Filmemacher aus Italien begann im vergangenen Jahr damit, über den Messenger-Dienst Whatsapp Kontakt zu Tausenden Migranten in Libyen aufzubauen. Was er dafür benötigt, gibt die moderne Technik her. Severgnini will nicht allzu sehr ins Detail gehen. Er sorgt sich um die Sicherheit seiner Gesprächspartner in Libyen. Er verrät aber, dass er die Nummer von Menschen herausfinden kann, die sich in Libyen in soziale Netzwerke einwählen. So sei es ihm gelungen, Berichte über die Zustände innerhalb und außerhalb der Internierungslager für Migranten zu sammeln. Er veröffentlicht sie in einem Podcast im Internet. Er trägt den bezeichnenden Namen „Exodus“.

Severgnini hat sich schon lange vor dem Ausbruch des jüngsten Konflikts mit der Lage der rund 700.000 Afrikaner in Libyen beschäftigt. Die Lage im Land änderte sich seinem Eindruck nach für die Migranten nach 2016, sagt er. Fayiz as Sarradsch wurde im März 2016 Ministerpräsident einer international anerkannten Übergangsregierung. Die Hoffnung, er könne Libyen aus den Klauen der Milizen befreien, erfüllte sich jedoch nicht. Sarradschs Macht blieb selbst in der Hauptstadt Tripolis abhängig vom Wohlwollen lokaler Verbände. Seit Beginn der Offensive seines Gegners Chalifa Haftars im April ist er mehr denn je auf die Gunst der Warlords angewiesen. „Die Milizen bekamen für ihre Unterstützung von Sarradsch grünes Licht für ihr Geschäft mit den Migranten“, sagt der Italiener.

Severgnini nennt die circa 700.000 Afrikaner im Land die derzeit wichtigste Ressource für Libyens Milizen, bedeutender als das Öl des Landes. Die Kämpfer könnten in einem Land mit rund sieben Millionen Einwohnern Hunderttausende ohne Lohn für sich arbeiten lassen. Eine Menge Geld ließe sich auch mit Erpressung verdienen, meint Severgnini. Zunächst seien da die Ersparnisse für die Überfahrt nach Europa. Sind diese Mittel aufgebraucht, blieben die Verwandten zu Hause als Finanzquelle, sagt er. „Die libyschen Milizen arbeiten mit der Mafia in Nigeria oder Ghana zusammen. Sie schicken ihren Kontaktleuten Videos von gefolterten Migranten, und die stellen dann Lösegeldforderung an die Angehörigen“, sagt er. Außerdem böte die Kontrolle über die Migranten die Möglichkeit, Europa zu erpressen.

Kurz: Je mehr Migranten nach Libyen kämen, desto reicher und mächtiger würden die Milizen der Regierung. Auch Chalifa Haftar wisse genau, was die Migranten für die verfeindeten Milizen bedeuten, sagt der Italiener. Haftar begann seine Offensive gegen die libysche Übergangsregierung im März nicht zufällig mit Eroberungen im Süden des Landes. „Er hat die wichtigste Fluchtroute unter seine Kontrolle gebracht, um die Milizen vom Nachschub an Migranten abzuschneiden“, sagt Severgnini.

Eigentlich ist die räumliche Nähe Medenines zur libyschen Grenze gar nicht so wichtig für Severgninis Arbeit. Alles, was er braucht, ist eine Internetverbindung. Dass er mit der Hilfe der modernen Technik Informationen über die schrecklichen Zustände in Libyen veröffentlichen kann, ohne das dies bisher ein öffentliches Echo hervorruft, beweist für ihn das Versagen Europas. Die Möglichkeiten seien vorhanden, die Blackbox Libyen auszuleuchten, aber es gebe kein Interesse daran, klagt er. Denn dann müsste gerade die italienische Regierung den Sinn ihrer Allianz mit Tripolis in der Flüchtlingspolitik hinterfragen.

Er schlägt eine Lösung für die humanitäre Krise in Libyen vor, die ihm zufolge freilich manchen in der Flüchtlingshilfe aktiven Organisationen nicht gefalle: Evakuiere die internationale Gemeinschaft die gestrandeten Afrikaner aus Libyen, könne sie danach entscheiden, wer Anrecht auf Asyl hat und wer als Wirtschaftsmigrant in seine Heimat zurückkehren muss. „Viele meiner Kontakte sind bereit zurückzugehen, wenn sie nur jemand aus Libyen herausholt“, sagt er.

Der Wind treibt das Elend an die Küsten Tunesiens und lässt Mongi Slim vom Roten Halbmond in Medenine keine ruhige Minute. Slim isst sein Mittagessen mit seinem Mobiltelefon am Ohr. Als ein weiteres Gerät klingelt, nimmt er es an das andere Ohr und spricht auf beiden Apparaten weiter. Slim ist eigentlich nur Apotheker in der 65.000 Einwohner zählenden Stadt. Er koordiniert aber ehrenamtlich für den Roten Halbmond die Betreuung von Flüchtlingen. Es sind bis auf wenige Ausnahmen nur Afrikaner. Libyer flüchten bisher noch in die ruhigeren Teile ihres Landes. Einige Migranten schafften es zu Fuß durch die Wüste, erzählt er.

Die libyschen Berber in der Küstenstadt Zuwara setzten die meisten Migranten gegen Geld in Schlauchboote. Der Wind treibe die Migranten dann in tunesische Gewässer, wenn sie nicht vorher kenterten. So wie jüngst ein Boot mit Flüchtlingen aus Bangladesch an Bord. Ein ägyptisches Schiff rettete sie vor dem Ertrinken und Slim verhandelte mit der tunesischen Regierung und Vertretern des südasiatischen Landes darüber, was mit den Menschen geschehen soll. Tunesien ließ sie schließlich an Land, nachdem Bangladesch die Rückführung akzeptiert hatte, erzählt Slim. Er erklärt, wie es sein kann, dass Menschen aus Südasien sich Tausende Kilometer entfernt im libyschen Bürgerkrieg wiederfinden, um dann die Flucht auf einer Gummischolle zu wagen: Es gebe Verbindungen zwischen der Mafia in Bangladesch und den libyschen Milizen, habe er bei seinen Verhandlungen erfahren. Es scheint, als hätte sich unter Kriminellen in aller Welt herumgesprochen, welche Goldgrube Libyen ist.

Slim bereitet sich auf das Schlimmste vor. So schwierig es für die Migranten sei, sich den Milizen zu entziehen, so verzweifelt versuchten sie es doch. Im Moment hielten sich 1200 Flüchtlinge in Medenine auf, sagt er. „Aber es werden jeden Tag mehr, und die Unterkünfte sind voll“, sagt er. Slim kann keine Logik in der Politik der Europäer erkennen. Die Tunesier bekämen keine Mittel, um Migranten zu versorgen, während Libyen, das sich um keine Menschenrechte schere, mit Geld nur so überhäuft werde. Tunesien könnte so zur Lücke im Zaun werden, der Europa vor den Migranten schützen soll. „Wir werden sie nicht aufhalten können“, sagt Slim.

In einem Gebäude abseits des Zentrums von Medenine leben jene, die vielleicht schon bald versuchen könnten, durch die tunesische Lücke zu schlüpfen. Der Sudanese Abdulrasur Omar Kharul aus der Konfliktregion Darfur trug seine Tochter auf den Schultern, als er vor wenigen Tagen nach Bestechung der Milizen zu Fuß die Wüste von Libyen nach Tunesien durchquert hatte. Sein Freund neben ihm, Zakira Ibrahim Kokada Abubakr, hat dagegen sein Baby in den Kämpfen um Tripolis verloren. Die beiden Männer berichten von Entführungen durch die Milizen, von Zufällen, denen sie ihr Leben verdanken. „Die Libyer nennen uns Afrikaner nur ,abd’ – Sklaven“, sagt Kharul. Der Sudanese wird sich erst einmal daran gewöhnen müssen, wieder Mensch sein zu dürfen.

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