Konflikt jährt zum zehnten Mal: Der Irakkrieg - ein strategischer Irrtum

Konflikt jährt zum zehnten Mal : Der Irakkrieg - ein strategischer Irrtum

Vor zehn Jahren begann der Feldzug gegen Saddam Hussein. Der Krieg schadete dem Ansehen der USA, seine wichtigsten Ziele wurden verfehlt. Ein Debakel, das Amerikas außenpolitisches Auftreten erheblich verändert hat.

Vor zehn Jahren begann der US-geführte Einmarsch in den Irak — ein Krieg, der für Amerika ohne klaren Sieg endete. Eine Art zweites Vietnam, mit 150.000 toten Irakern, fast 4500 gefallenen GIs und Kosten von geschätzt bis zu zwei Billionen Dollar.

Es war aber vor allem ein Krieg, der die Glaubwürdigkeit der USA in der Welt nachhaltig erschüttert hat. Die Massenvernichtungswaffen, die Saddam Hussein angeblich gehortet hatte und die als wichtige Begründung für den Feldzug dienten, gab es nicht. Das hinter vorgehaltener Hand ebenfalls formulierte Ziel eines Regimewechsels in Bagdad wurde zwar mit dem Sturz des Diktators erreicht.

Stabile Demokratie - ein Traum

Eine stabile Demokratie, ein Leuchtfeuer der Freiheit für die Region, von dem Präsident George W. Bush träumte, konnte aber nicht geschaffen werden. Freilich: Auch wenn die Zustände im Irak immer noch höchst prekär sind, sie sind dennoch längst nicht mehr so völlig hoffnungslos wie manchmal behauptet.

Geostrategisch erwies sich der Einsatz im Irak aus amerikanischer Perspektive als kontraproduktiv, stärkte die Zerschlagung des Saddam-Regimes doch ausgerechnet die Position des Irans am Persischen Golf. Und der Irak-Krieg belastete über Jahre die Beziehungen der USA zu einigen engen Partnern. Selbst enge Verbündete, allen voran Deutschland, ließ die scharfe Freund-Feind-Rhetorik der Bush-Regierung auf Distanz gehen. Eine desaströse Bilanz, die wohl wenigstens teilweise den dezidierten Schwenk in der US-Außenpolitik unter Barack Obama zu erklären vermag: Zurückhaltung statt Interventionismus, lautet die neue Parole. Leises Auftreten, bloß keine militärischen Abenteuer mehr.

Männer wie Martin Dempsey verkörpern heute diesen neuen Kurs. Der Stabschef der US-Streitkräfte steht auf der Bühne des Center for Strategic and International Studies. Der britische Militärattaché hat ihn soeben gefragt, ob sich der Westen durch sein Nichteingreifen in Syrien nicht ebenso schuldig mache wie einst in Bosnien, als selbst nach dem grauenvollen Massaker von Srebrenica zunächst nichts geschah. Aber Dempsey rät ab von militärischem Eingreifen, zu ungewiss sei der Ausgang einer solchen Operation.

"War es das wert?"

Der Vier-Sterne-General gilt als Experte, nicht nur seines Postens wegen. Zwei Jahrzehnte lang kreiste sein Berufsleben um den Nahen Osten. Zweimal ist er dort einmarschiert, 1991 in Kuwait, 2003 im Irak. Und heute symbolisiert auch der kleine Mann mit dem schütteren Haar die ausgeprägte Abneigung in Washingtons Spitzenetagen, sich zehn Jahre nach dem quälend langen Einsatz im Zweistromland auf ein nächstes Abenteuer einzulassen. "War es das wert? Nun, die Diskussion wird weitergehen", sagt Dempsey über den Krieg im Irak.

Immerhin, Dempsey gehört zu den wenigen, die überhaupt Farbe bekennen. Ansonsten hat es den Anschein, als sollte der Irak-Jahrestag so rasch und beiläufig abgehakt werden, wie es nur geht. Selbst Barack Obama, der auch deshalb im Oval Office sitzt, weil er 2002 mitten im patriotischen Taumel vor einer Invasion gewarnt hatte und damit 2008 bei seinen ernüchterten Landsleuten punkten konnte, erwähnt den Krieg mit keiner Silbe.

George W. Bush widmet sich in Dallas seinem Privatleben, er spielt Golf und besucht die Baseballspiele der Texas Rangers, ohne ein öffentliches Wort über Politik zu verlieren. Wie er das Irak-Kapitel bewertet, hat er vor drei Jahren in seinen Memoiren "Decision Points" wissen lassen: "Trotz aller Schwierigkeiten, die dem Einmarsch folgten, ist Amerika sicherer ohne einen mörderischen Diktator im Herzen des Nahen Ostens, der Massenvernichtungswaffen anstrebte und den Terror unterstützte." Selbstzweifel schienen ihn damals nicht zu plagen, und falls sie es heute tun, behält Bush es für sich.

"Ein fundamentaler Fehler"

Donald Rumsfeld, Bushs Verteidigungsminister mit seiner Polemik von einem "neuen" Europa, das Amerika in den Krieg zu folgen bereit war, und einem "alten" Europa, das sich dafür zu undankbar zeigte, mag sich in diesen Tagen zum Irak-Krieg gar nicht äußern. Immerhin hat sich Paul Wolfowitz aus der Deckung gewagt, Rumsfelds Stellvertreter, der zu den Architekten des Feldzugs gehörte, später zur Weltbank wechselte, dort über die Affäre um einen Gehaltszuschlag für seine Lebensgefährtin stolperte und inzwischen beim konservativen American Enterprise Institute lehrt. "Wir brauchten zu lange, um zu verstehen, dass man die Bevölkerung auf seine Seite ziehen muss, will man einen Aufstand erfolgreich bekämpfen", räumt er ein. "Das war der fundamentale Fehler."

Aber Kriegslügen? Dossiers über Massenvernichtungswaffen als Täuschungsmanöver? In dem Punkt bleibt Wolfowitz hart. Saddam Hussein, sagt er, hätte sich weiterhin um solche Waffen bemüht, irgendwann hätte er sie besessen, und dann wäre Amerika eben nicht 2003, sondern erst 2005 oder 2007 in den Krieg gezogen. Und dann ist da noch Dick Cheney, der damalige Vizepräsident, den seine Kritiker nach Hollywoods finsterem Sternenkrieger nur noch "Darth Vader" nennen. "Wenn ich es noch einmal tun müsste, ich würde keine Minute darüber nachdenken", sagt er in einem neuen Dokumentarfilm.

Solche Selbstgewissheit braucht keine weiteren Argumente, aber einige Analysten bringen sie durchaus vor: Die Irak-Intervention habe, wenn vielleicht auch unbeabsichtigt, im Nahen und Mittleren Osten Erschütterungen ausgelöst, die den "Arabischen Frühling" begünstigt hätten, der seit 2011 die alten Machtverhältnisse erschüttert.

Hat also der ansonsten desaströse Irak-Krieg durch die Beseitigung des vielleicht brutalsten Herrschers der Region wenigstens die lähmende Angst hinweggefegt, auf die so mancher Despot seine Herrschaft gründete? Oder hat das Handeln der Bush-Regierung der Sache der Demokratie in der Region doch eher geschadet? Vielleicht wagen Historiker künftig eine Antwort darauf.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2011: Fünf Jahre Irak-Krieg - wie es den Menschen heute geht

(RP/nbe/das)