Die Kennedys – Ende einer Ära: Der alte Joe würde sich wohl im Grabe umdrehen

Die Kennedys – Ende einer Ära: Der alte Joe würde sich wohl im Grabe umdrehen

Washington (RP). Erstmals seit 64 Jahren ist die berühmteste Politikerfamilie Amerikas nicht mehr im Parlament vertreten. Mit Patrick J. Kennedy gab der letzte aus dem Clan unlängst sein Mandat ab. Und Nachwuchs, der in die Fußstapfen der berühmten Vorgänger treten könnte, ist nicht in Sicht. Der alte Joe, ein ehrgeiziger Patriarch, würde sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen.

Für den alten Joe war die Sache klar. Ein Kennedy im Kongress, das war der Ritterschlag. Es bewies, dass sein Clan, aus Irland eingewanderte Katholiken, sich durchgebissen hatte bis in die Spitzenetage. Dass er mit zur Elite gehörte in einer Republik, die traditionell von angelsächsischen Protestanten beherrscht wurde und in der ein "Irishman" Straßen pflastern, Eisenbahngleise verlegen, in Häfen malochen und ansonsten nur die zweite Geige spielen durfte.

Als Börsenbroker der Wall Street scheffelte er ein Vermögen, der alte Joseph Kennedy. Vor Ehrgeiz brennend, benutzte er Geld und Einfluss, um seinen Söhnen die Türen aufzustoßen. Joe junior, der Älteste, dem er am meisten zutraute, stürzte im Krieg über dem Ärmelkanal ab. Für ihn sprang der Zweitgeborene in die Bresche, John F., anfangs verspottet als leichtgewichtiger Schürzenjäger. Der ging, von den Bürgern Bostons mit klarer Mehrheit gewählt, ins sterile Washington mit seinen Marmordenkmälern.

Edward war der letzte Patriarch

In der "Freshman Row", der kargen Zimmerflucht für die Neulinge unter den Abgeordneten, soll er sich entsetzlich gelangweilt haben. Im Januar 1947 war das, lange bevor er den Sprung ins Weiße Haus schaffte.

Nun ist diese Ära zu Ende. Zum ersten Mal seit Johns Premiere sitzt kein Kennedy mehr im Kongress. Der letzte war Patrick, ein bisweilen linkisch wirkender Rotschopf, der immer im Schatten seines Vaters Edward stand, jenes wortgewaltigen Kämpfers, den sie den "Löwen des Senats" nannten.

Blamable Ausrutscher

Mit 43 schon ausgelaugt, möchte Patrick nur noch Mäzen sein, spendabler Förderer von Forschern, die die Geheimnisse des menschlichen Hirns ergründen. Dabei schien er seinen Sitz im Repräsentantenhaus, einen von zweien, die dem Zwergstaat Rhode Island zustehen, seit 22 Jahren förmlich gepachtet zu haben. Allerdings sprach er dem Alkohol kräftig zu und leistete sich blamable Ausrutscher, etwa, als er mit seinem Cabriolet eine Barriere am Kapitol rammte. Eine dieser halbmeterhohen Barrieren, die dazu da sind, Terroristen in sprengstoffbeladenen Fahrzeugen zu stoppen.

"Ein Meilenstein", sagt Allan Lichtman, Historiker an der American University. "Ganz ehrlich, ich sehe bei den Kennedys keine neue Generation, die mit Macht nachrücken wollte." Keiner von Joes Enkeln mehr im Rampenlicht der Politik– manche deuten es als Beleg für einen Rechtsruck, der 1980 eingeleitet wurde von Ronald Reagan und 2008 vielleicht nur kurz unterbrochen durch die Wahl Barack Obamas. "Je konservativer das Land, desto schwerer fiel es den Kennedys, hohe Ämter zu gewinnen", glaubt Darrell West, Vizedirektor der Brookings Institution, Washingtons angesehenster Denkfabrik.

Sie halfen Obama

Für die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, hatte es etwas Beruhigendes, einen Kennedy auf Capitol Hill zu wissen. Es bedeutete Kontinuität, mochte sich auch sonst vieles ändern. Vietnamkrieg und Ölpreisschock, die einstürzenden Zwillingstürme am 11. September, der Einmarsch im Irak: Einer von Joes Nachfahren mischte immer mit in der Legislative.

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Jetzt gehen die Babyboomer in Rente. Und die schillerndste Familie Amerikas, gleichsam die Royals der Republik, plagen akute Nachwuchssorgen. Noch vor zwei Jahren schien es so, als könnte Caroline Kennedy, einst fröhlich im Oval Office Seil hüpfende Präsidententochter, den Stab übernehmen. Nach mitreißenden Wahlkampfauftritten an der Seite Barack Obamas wollte sie Hillary Clinton auf ihrem New Yorker Senatssitz beerben, als diese Außenministerin wurde.

Sie tat es wohl aus Pflichtgefühl

Nur, mit dem Wollen war es so eine Sache. Man konnte schnell den Eindruck gewinnen, dass sie mehr ins Rampenlicht geschoben wurde als sich in selbiges zu drängen. Es lag wohl an Onkel Ted, der ihren Mutterwitz schätzte, ihre ironische Art, zwei herausragende Eigenschaften ihres Vaters. "Sweet Caroline" sollte die Fahne hochhalten, und Ted machte Druck. Er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, im Mai 2008 hatten Ärzte einen Gehirntumor bei ihm diagnostiziert, die Brücke zur nächsten Generation musste schnell gebaut werden. Die Brücke hieß Caroline, da ließ er sich nicht beirren.

"Ted hielt es für überaus wichtig, auch nach seinem Tod eine Kennedy im Senat zu haben", vertraute ein Berater der Familie neulich dem Magazin "Vanity Fair" an. "Er hat es Caroline wie einen letzten Wunsch angetragen. Und sie spürte, dass sie ihren Onkel nicht im Stich lassen konnte."

Quälend zähe Interviews

Deshalb die einprägsamen Bilder des Wahlkampfs 2008. Der löwenmähnige Ted mit seinem Charisma neben der rotblonden Caroline mit ihrer trocken-humorvollen Art: Es waren Auftritte, die die Aufbruchstimmung um den Kandidaten Obama kräftig anheizten. Später, auf sich allein gestellt, ließ die Wunsch-Erbin des Clans eine Stärke ihres Vaters allerdings schmerzlich vermissen. Die Eloquenz, das Talent fürs geschliffene Wort. Zeitungsredakteure berichteten von quälend zähen Interviews mit einer Frau, der es wohl irgendwie peinlich war, sich darstellen zu müssen. Vielleicht ist gerade dies das Sympathische an Caroline. Offenbar ist die Kunstliebhaberin zu schüchtern, zu zart besaitet für die Grabenkämpfe Washingtons, wo der Ton zwischen den Parteien immer bissiger wird.

Teddy Kennedy, Patricks älterer Bruder, lässt nach wie vor offen, ob er das Vakuum zu füllen gedenkt. Nach dem Abgang Patricks wächst der Druck, zumal Teddy rhetorisch zu brillieren weiß. Es war am Sarg seines Vaters, wo er eine bewegende Rede hielt, im Spätsommer 2009. Da erzählte er Anekdoten, lachte unter Tränen, schilderte die Kämpfe seiner Kindheit, die frühe Krebsdiagnose, die dazu führte, dass ihm als Zwölfjährigem ein Bein amputiert werden musste. Er erzählte vom Vater, der ihm auf geduldige, zugleich fordernde Art eisernen Willen einflößte. Damals waren sich die Amerikaner gewiss: Wenn es unter den Jungen einen Kennedy gibt, der es mit den Alten aufnehmen kann, dann ist es Teddy junior.

Jetzt bleibt nur noch Bobby aus dem Stadtrat

Folgt man der Gerüchteküche, will sich der Geschäftsmann einen Ruck geben und sich im Herbst 2012 um ein politisches Mandat bewerben. Nur gibt es außer vagen Vermutungen eben nichts, woran sich die Kennedy-Fans momentan aufrichten können.

Einziges Clan-Mitglied mit einem öffentlichen Amt ist Bobby Shriver. Ein Mittfünfziger, der im Stadtrat von Santa Monica sitzt, einem Badeort am Rande von Los Angeles. Seine Mutter Eunice hob die Behinderten- Olympiade aus der Taufe, sein Vater Sargent gründete das Peace Corps, ein Freiwilligenwerk. Fürs Rathaus kandidierte er nur, weil ihn empörte, dass er wegen einer zu hohen Hecke eine zu hohe Strafe berappen musste. "Man muss doch nicht in der Politik sein, um etwas bewirken zu können", lautet Shrivers Credo, womit er wohl nur offen ausspricht, was Caroline still denkt. "Meine Mutter hat die Welt verändert, ohne dass sie jemals einen Posten innehatte. Punkt. Ende der Story."

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(RP)