Das Töten in Nordsyrien geht trotz Waffenruhe weiter

Konflikt zwischen Türkei und Kurden : Das Töten in Nordsyrien geht trotz Waffenruhe weiter

Eigentlich soll eine von den USA ausgehandelte Kampfpause den Rückzug kurdischer Kräfte ermöglichen. Bei einem Verstoß dagegen ist in Nordsyrien nun aber ein türkischer Soldat getötet worden.

Er sei bei einem Angriff kurdischer Kämpfer unter anderen mit Panzerabwehrwaffen tödlich getroffen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara am Sonntag mit. Präsidentensprecher Ibrahim Kalin verlangte den Rückzug syrischer Soldaten aus der Gegend. Die Türkei wolle dort zwei Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge ansiedeln, doch diese wollten nicht in Gebiete zurückkehren, die von der syrischen Regierung kontrolliert werden, vor der sei einst geflüchtet seien.

Nach der Rückzugsankündigung der USA für ihre Soldaten in Nordsyrien hatten die Türkei und ihre Verbündeten Mitte Oktober eine Offensive gegen kurdische Kämpfer in der Region begonnen. Die Kurden, die jahrelang an der Seite der USA gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gekämpft hatten, baten daraufhin die syrische Armee um Schutz gegen den Vormarsch. Daraufhin rückten syrische Truppen in das Gebiet vor, unter anderem nach Kobane und Manbidsch.

Die USA, die die Krise durch ihren Rückzug eingeleitet hatten, vereinbarten schließlich mit der Türkei eine Kampfpause, während der sich kurdische Kräfte aus einer von der Regierung in Ankara beanspruchten Sicherheitszone in Nordsyrien zurückziehen sollen. Trotzdem gab es weiter Kämpfe, vor allem um die Stadt Ras al-Ain. Nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums wurde die Kampfpause etwa 20 Mal verletzt.

Kalin sagte der Nachrichtenagentur AP, die Anwesenheit syrischer Truppen sei eine der Fragen, die die Türkei mit Russland besprechen wolle - der Schutzmacht des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. „Wir werden keine Flüchtlinge zwingen, irgendwohin zu gehen, wo sie nicht hinwollen“, sagte Kalin. Die Menschen sollten sich sicher fühlen. In die bisher von seinem Land kontrollierten Gebiete in Syrien sind nur sehr wenige der rund 3,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge zurückgekehrt, die vor dem Bürgerkrieg in der Türkei Zuflucht gesucht haben.

Die Kurden forderten freien Abzug ihrer verbliebenen Kämpfer und von Zivilisten aus dem belagerten Ras al-Ain. Erst dann würden sie sich aus der Grenzregion zurückziehen, sagte der ranghohe Vertreter der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), Redur Chalil. Die Räumung der Stadt sei um 48 Stunden verzögert worden, weil von der Türkei unterstütze Kämpfer die Stadt immer noch belagerten.

Das türkische Verteidigungsministerium gestattete 39 Hilfsfahrzeugen, nach Ras al-Ain zu fahren, die Verletzte und andere Personen herausholten. Chalil sagte, die Räumung der Stadt solle am Sonntag abgeschlossen werden. Kurdische Truppen würden sich aus einem 120 Kilometer langen und rund 30 Kilometer breiten Gebiet zwischen Ras al-Ain und Tell Ajbad entfernen - aber nur wenn die Türkei der Bedingung folge. Die Größe des Gebietes haben auch US-Regierungsbeamte bestätigt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verlangt jedoch den Abzug der Kurden aus einem mehr als 440 Kilometer langen Grenzstreifen vom Euphrat bis zur irakischen Grenze. Anderenfalls werde die Türkei ihre Offensive nach dem Ende der vereinbarten Kampfpause am Dienstag wieder aufnehmen. Sein Sprecher Kalin bestätigte zwar, dass die Kampfpause für das kleinere Gebiet gelte, die Türkei beanspruche aber das größere. Chalil dagegen sagte, die Kurden fühlten sich nur der US-Interpretation des Waffenstillstands verpflichtet, nicht aber der türkischen Lesart.

(lukra/AP)
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