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Das Milliarden-Geschäft im Amazonas geht weiter

Umweltzerstörung : Das Milliarden-Geschäft im Amazonas

Brasiliens Agrarindustrie boomt wie nie – auf Kosten des Regenwalds. Daran wird sich erst einmal nichts ändern, trotz aller Proteste.

Für das Image der wichtigsten brasilianischen Branche ist es wieder einmal ein Desaster: Nach einem Bericht des Wissenschaftsmagazins „ Science“ sind 20 Prozent der Soja- und Fleischexporte in die Europäische Union durch Abholzung „kontaminiert“. Bedeutet: Für ein Fünftel jener Agrarprodukte, die Europa aus Brasilien importiert, wurde der für das Weltklima so wichtige Regenwald abgeholzt, wurden indigene Völker von ihrem Land vertrieben, wurde ihre Lebensgrundlage zerstört und Biodiversität vernichtet.

Einschätzungen, zu der auch Amnesty International kommt: Gerade in der sensiblen Amazonas-Region wird die brasilianische Viehwirtschaft massiv ausgeweitet, berichtet Amnesty. So habe sich die Zahl der Rinder in diesem Gebiet von 1988 bis 2018 fast vervierfacht. Insgesamt sind aus 63 Prozent des zwischen 1988 und 2014 abgeholzten Regenwalds Weideflächen geworden.

Die Nachrichten kommen für Brasiliens Regierung zur Unzeit. Gerade erst sind europäische Investoren in Brasilia vorstellig geworden. Ihre Botschaft: So geht es nicht weiter. Seit Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro im Amt ist, steigen die Abholzungszahlen im Amazonas wieder. Es steht zu befürchten, dass Ende des Jahres die gigantische Fläche von 15.000 Quadratkilometern Regenwald unwiederbringlich vernichtet sein wird.

Noch vor ein paar Jahren war das für den Rest der Welt kaum ein Problem, inzwischen aber ist die westliche Gesellschaft eine andere. Die Fridays-for-Future-Generation übt Druck auf Europa aus: Diese brasilianische Regierung und ihre Politik können kein Partner für die EU sein.

Die Klimaschutzbewegung übernimmt dabei Umweltpositionen, die die indigenen Völker Brasiliens eigentlich schon seit Jahrhunderten vertreten, nur wurden sie in Europa nie gehört. Nun ändert sich das. Die europäischen Konzerne und Investoren haben Angst, dass sie am Pranger landen, wenn ihr Geschäftspartner Bolsonaro seinen Abholzungskurs ungeniert fortsetzt. „Die Tendenzen, die wir in Brasilien sehen, sind sehr besorgniserregend“, sagte Daniela da Costa-Bulthuis vom niederländischen Investor Robeco. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere vermeldete unlängst das brasilianische Landwirtschaftsministerium. Brasilien habe inmitten der Corona-Pandemie einen neuen Juni-Rekord aufgestellt. Um fast 25 Prozent seien die Exporte gegenüber dem Vorjahresmonat angestiegen. Mit über zehn Milliarden Dollar sei ein neuer Juni-Rekord aufgestellt worden. Rechnet man die Zahlen auf das Jahr hoch, so könnten die Einnahmen am Ende des Jahres rund 100 Milliarden Dollar betragen. Umsätze, auf die Brasilien nach Willen der Europäer verzichten soll – zumindest, wenn sie so erwirtschaftet werden wie bisher.

Die Umsatzsteigerungen erklären auch, warum inmitten der Pandemie die Wirtschaftsprognosen beispielsweise für Chile, Argentinien oder Mexiko so verheerend sind, während die brasilianische Wirtschaft schon wieder anspringt. Das größte lateinamerikanische Land könnte dank seiner umstrittenen Agrarindustrie ökonomisch besser und schneller aus der Krise kommen als die Nachbarn.

Noch vor ein paar Jahren wäre Brasilien dafür noch als Wachstums- und Wirtschaftslokomotive Südamerikas gefeiert worden. Inzwischen ist wirtschaftlicher Erfolg zumindest in Teilen der europäischen Gesellschaft nicht mehr das Maß aller Dinge. Ein großer Teil des Westens fordert Nachhaltigkeit und Klimaschutz statt Wachstum und Profit. In Brasilien aber gibt es noch keine breite Umweltschutzbewegung.

Trotzdem ist die Botschaft auch in Brasilia angekommen. Ob sie auch verstanden wird, ist eine andere Frage. Bolsonaro reagierte auf den Druck, indem er erst einmal für vier Monate Brandrodungen im Amazonas-Regenwald verbieten ließ. Vorangegangen war eine Initiative der europäischen Botschafter bei Vize-Präsident Herman Mourao. Der ehemalige General ist Chef einer Amazonas-Kommission, die das Image-Desaster abwenden soll. Zumindest nach außen wirkt und gibt sich Mourao höflicher, seriöser und verständnisvoller als sein überforderter Präsident.

So schickte der Ex-General zur Beruhigung der internationalen Partner die Armee in die betroffenen Gebiete, um illegale Abholzung und Waldbrände zu stoppen. Die Weltraumbehörde INPE konnte allerdings keinerlei Erfolge dieser Initiative feststellen. Im Gegenteil: Im Juni – also in dem Monat, in dem die Agrarindustrie einen neuen Exportrekord aufstellte – wurden 2248 Brände im Amazonaswald registriert, der höchste Wert für einen einzigen Monat seit 2007. Auf die Nachricht reagierte die Bolsonaro-Regierung, indem die Leiterin der Abteilung für die Überwachungssysteme suspendiert wurde. Das schafft nicht gerade Vertrauen in den angeblich neuen Kurs der Regierung. „Die Armee sollte die Staatsanwälte unterstützen und nicht deren Platz einnehmen. Sie hat dafür gar nicht die technische Kompetenz, die Erfahrung. Das kann gar nicht funktionieren“, sagt Marina Silva, ehemalige grüne Präsidentschaftskandidatin und Umweltministerin.

Für einen „neuen“ Kurs wären ohnehin erst einmal personelle Änderungen im Kabinett notwendig. Dass Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles jüngst dazu aufrief, das mediale Interesse an der Corona-Krise zu nutzen, um in deren Schatten Gesetze und Vorschriften zugunsten der Agrarindustrie mit ihrem nie enden wollenden Hunger nach Fläche und Pestiziden zu ändern, hat internationale Umweltschützer fassungslos gemacht. Vorfälle wie dieser offenbaren das tatsächliche Umweltverständnis dieses Kabinetts. „Das war ein feiges Verhalten ohne jede Ethik und Respekt vor der Menschenwürde“, sagt Marina Silva. „Seine Erklärungen sind ein Attentat auf die Ethik, die Moral und die Verfassung, eigentlich auf alles, was man sich als wertvoll vorstellen kann.“ Bolsonaro ficht all das nicht an. Er erklärte, Salles sei ein außergewöhnlich guter Minister und bleibe im Amt.

Im Kreuzfeuer der Kritik steht auch Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina. Sie gilt als die fleißigste und erfolgreichste Ministerin im Kabinett Bolsonaro – rein ökonomisch betrachtet. Doch auch ihr haftet der Ruf an, für den Erfolg ihrer Industrie sozusagen über gefällte Bäume zu gehen. Inzwischen weiß die Ministerin, was auf dem Spiel steht, nämlich das Freihandelsabkommen der Mercosur-Staaten, zu denen auch Brasilien zählt, mit der Europäischen Union. Brasilien will seine Exporte nach Europa noch weiter ausdehnen. Gegen den Widerstand zahlreicher europäischer Nichtregierungsorganisationen, die das für verantwortungslos halten.

Europa steht indes vor der schwierigen Frage, auf das Abkommen und damit auch auf politische Einflussmöglichkeiten zu verzichten – oder den Markt komplett den Chinesen zu überlassen, die gerade Rekordmengen in Brasilien einkaufen und die nicht so unbequeme Fragen wie die Europäer stellen.

Theoretisch wäre Brasilien bei einer Umsetzung des Abkommens verpflichtet, sich dem Klimaschutzabkommen von Paris zu beugen und Wälder zu schützen, statt sie abzuholzen. Doch Maria Laura Canineu, Brasilien-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, macht sich da wenig Hoffnung: „Präsident Bolsonaro verspottet nicht nur die Umweltverpflichtungen des Abkommens, er macht es auch zunehmend unrealistischer, dass es selbst künftigen brasilianischen Regierungen möglich sein wird, diese Bedingungen zu erfüllen.“

Das alles nährt Zweifel, dass Brasilien überhaupt einen Kurswechsel will. Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina gibt ausgewählten Medien Interviews, in denen sie erklärt, dass die Agrarindustrie auch wachsen könne, ohne dass ein weiterer Baum gefällt werden müsse. Der chinesischen Agentur Xinhua durfte sie jüngst unwidersprochen erklären, die Sojaexporte nach China würden dem Amazonas in keiner Weise schaden. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Marina Silva: „Die Abholzung ist jetzt außer Kontrolle. Während im Rest der Welt versucht wird, die CO2-Emissionen zu reduzieren, steigen sie in Brasilien weiter an.“ Wie die Umsätze.