Die Proteste in der Türkei: Das Ende der Toleranz

Die Proteste in der Türkei : Das Ende der Toleranz

Die türkische Metropole Istanbul kommt nicht zur Ruhe. Die Polizei geht mit Härte gegen die Demonstranten vor. Die Geduld von Ministerpräsident Erdogan ist am Ende, er lässt den Taksim-Platz stürmen. Die Situation eskaliert, es kommt bis in die Nacht zu Ausschreitungen. Unser Autor berichtet aus Istanbul.

Am frühen Dienstagmorgen fielen schon die vielen zivilen Busse auf, in denen Polizisten saßen, Zigarette rauchten und Simit, die traditionellen Sesamkringel aßen. Sie wirkten ausgeschlafen. Nach den Gerüchten von sechs Suiziden unter den Beamten, 120 Stunden-Einsätzen und der starken Kritik der Polizei-Gewerkschaft an den Demonstrationen schien es nunn als sei die verbrauchte Energie wieder da.

In den vergangenen Tagen passierte vieles, was als Zeichen der Entspannung interpretiert wurde. So teilte der stellvertretende Regierungschef Bülent Arinc mit, dass Erdogan am Mittwoch die Demonstranten treffen wolle. Dies passte zur friedlichen Volksfeststimmung im Gezi-Park mit Yoga am Morgen und Open-Air Bibliothek und Workshops. Doch diese hoffnungsfrohen Zeichen fegen die Wasserwerfer am Dienstagmorgen, einem Zeitpunkt, den so wohl kaum einer erwartet hatte, davon. Auch das Treffen mit den Demonstranten soll ein Bluff gewesen sein.

Gerüchte um Provokateure

Stein des Anstoßes waren gewaltbereite Demonstranten, die anrückende Polizisten mit Feuerwerkskörpern und Molotow-Cocktails attackierten. Dabei brannte ein Wasserwerfer aus. Oder waren es Provokateure, die von der Polizei selber engagiert wurden. Dafür sprechen laut der Demonstranten Videos, in denen die Demonstranten den Polizisten Signale geben.

Außerdem können die Wasserwerfer-Trucks der Polizei Brandsätze per eingebauter Technik löschen. Dies wurde aber nicht getan. Weiteren Gerüchten zufolge sollen die Militanten sogar Funkgeräte in der Hand gehabt haben. Wurde damit der Polizei ein Grund gegeben um die Proteste zu beenden und den Gezi-Park zurückzuerkämpfen? Indizien dafür häufen sich nun immer mehr.

Fakt ist: Zahlreiche Zivilpolizisten halten sich am Taksim-Platz auf, lenken die Schaulustigen weg von der Polizei, versuchen die Sicht für die Kollegen in Uniform freizuhalten und die Massen auf dem Platz zu steuern. Misstrauen statt vereintem Enthusiasmus derweil bei den Demonstranten. Drei Männer auf einem Balkon werden von der Erde mit Steinen beworfen. Man hält sie für Zivilpolizisten. Wo vor einigen Tagen noch Demonstranten mit Peace-Zeichen in die Kamera lächelten, heißt es jetzt oft: "No Photos".

Die heitere Volksfeststimmung der vergangenen Tage scheint nun wie ein absurder Traum. Wo im Gezi-Park Gummi-Bänder zwischen Bäume gespannt werden, damit daraus ein Steinkatapult wird, kann von gewaltfreien Protesten nicht mehr die Rede sein. Überall werden Pflastersteine in handliche Größe zerbrochen und gen Polizei geschleudert. Oft drohen friedliche Demonstranten dazwischen zu kommen.

"Es geht nicht nur um den Park"

Das sind vielleicht nicht die typischen Demonstranten, möge man zur Verteidigung sagen. Aber sie nehmen viel Platz ein und prägen die Proteste ungemein. Der liberale Familienvater, der den Park behalten will, oder die junge Studentin, der es darum geht, dass man seinen Partner doch in der U-Bahn noch küssen darf, sind eben auch nicht mehr die typischen Demonstranten hier.

"Es geht nicht nur um den Park", so sagen viele. Doch worum geht es? "Vor allem gegen Tayyip (Erdogan)", so ein Demonstrant vermummt hinter Schal, Bauhelm und Gasmaske. Überhaupt ist die Lage ungemein komplex geworden. Und so scheint es, dass einzig ein gemeinsames Feindbild die Sache vereinfacht. Es ist ernüchternd, wie die liberalen Ansätze der Demonstranten wenig Gehör im Kreuzfeuer von Steinen und Tränengas finden. So auch Zeynep, die von Anfang an bei den Protesten war, jetzt aber eher im Hintergrund bleiben will: "Zuviel Massen, zuviel Hin-und-Her, zu gefährlich".

Die Polizei reagiert nicht weniger aggressiv als die Demonstranten. So fliegt am Dienstag Tränengas auch in das Zeltlager des Gezi-Park, und ein Wasserwerfer rast quer über den Taksim-Platz. Wo fängt Polizeigewalt an? Was rechtfertigen die Steine der Demonstranten? "Ein Protest ist immer brutal", so ein Demonstrant mit Türkei-Flagge um den Schultern. "sonst kommt man doch nicht gegen diese Polizei an."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Eskalation auf dem Taksim-Platz: Hans Rusinek fotografiert

(das/csi)
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