Countdown zum Brexit: Ein Psychogramm der Briten

Countdown zum Brexit läuft : Very British

Der Brexit rückt näher. Zeit also, eine Bilanz zu ziehen und unsere Beziehungen zu einem Inselvolk zu beleuchten, das immer schon anders sein wollte.

Wir müssten uns heute wegen der Briten vermutlich nicht so viele Gedanken machen, wäre da vor 450.000 Jahren nicht diese dumme Sache passiert. Eine Art prähistorischer Brexit, ganz ohne Volksabstimmung. Damals herrschte eine Eiszeit, und wo heute die Fähren zwischen Calais und Dover verkehren, verband ein Kalksteinriegel den europäischen Kontinent mit der Landmasse, die heute die britische Insel bildet. Anstelle des Ärmelkanals plätscherte nur ein Fluss, der in schönster europäischer Eintracht vom Rhein, der Seine und der Themse gespeist wurde. Doch dann wurde es wärmer, und Schmelzwasserfluten nagten an der Landbrücke, die schließlich in sich zusammenbrach und dann einige Zehntausend Jahre später dauerhaft überschwemmt wurde. Ohne diesen Zwischenfall wäre Großbritannien geologisch immer noch ein Teil Europas. Und die Briten wären wohl nie so geworden, wie sie sind – so anders, „so British“.

Britannien schwamm also dem Kontinent davon, und seither verorten seine Bewohner alles, was sich nicht auf ihrem Eiland befindet, „overseas“ – in Übersee. Von dort drohte freilich über Jahrhunderte immer wieder die Gefahr. Im Jahr 43 nach Christus eroberten die Römer einen großen Teil der von Kelten besiedelten Insel und richteten sich dort für fast vier Jahrhunderte häuslich ein. Als das Imperium Romanum schließlich zu bröckeln begann und die Besatzer wieder abzogen, stiegen im heutigen Norddeutschland und Dänemark die Angeln und Sachsen in die Boote und rissen sich einen großen Teil Britanniens unter den Nagel. Es dauerte dann ein halbes Jahrtausend, bis vom Festland erneut Ungemach nahte: 1066 führte Wilhelm der Eroberer seine Normannen über den Ärmelkanal und errichtete ein neues Königreich.

Nun mag man einwenden, dass das ja gar nicht so viele Invasionen waren. Da könnten andere Landstriche Europas gewiss lauter Klage führen. Aber auf der Insel verfestigte sich dennoch der Eindruck, dass der Kontinent ein Quell steter Gefahr sei. Und daraus zog man Konsequenzen. Großbritannien baute die mächtigste Kriegsflotte der Welt und raffte nach und nach sein Empire zusammen. Außerdem mischten sich die Briten in so ziemlich alle Händel auf dem Kontinent ein, um zu verhindern, dass dort ein mächtiger Feind entstand, der sie eines Tages auf ihrer Insel bedrohen könnte. Manche dieser Konflikte zogen sich über Jahrhunderte hin. Mit den Franzosen, also ihren engsten Nachbarn, lieferten sich die Engländer Scharmützel und Kriege mit einer derartigen Hingabe, dass sie schon die störenden Deutschen benötigten, um sich eines Tages wieder zusammenzuraufen.

Die Selbstwahrnehmung der Briten, ihr sehr spezieller Blick auf Kontinentaleuropa und den Rest der Welt, wurde schon Mitte des 18. Jahrhunderts in ein glühend patriotisches Lied gegossen, das bis heute als inoffizielle Nationalhymne Großbritanniens gilt: „Rule, Britannia!“ Niemals, so wird es im Refrain beschworen, dürften die Briten zu Sklaven werden. Deswegen müsse Britannien über die Ozeane herrschen. Und nicht nur über die Ozeane: 1922, als das Empire in seiner geografischen Ausdehnung den Zenit erreicht hatte, beherrschte Großbritannien gut ein Viertel der Erdoberfläche und ein Fünftel der damaligen Weltbevölkerung. Wen wundert’s, dass diese geballte und völlig ungenierte Ausübung von Macht tiefe Spuren im britischen Bewusstsein hinterlassen hat.

Wohl niemand hat das Gefühl einer zivilisatorischen Überlegenheit so kultiviert wie die Briten. Ganz besonders gegenüber den Cousins vom Festland. Von der Spanischen Armada über Napoleon bis zu Hitler ist es aus britischer Sicht immer das trutzige Inselvolk gewesen, das Despoten und Aggressoren auf dem Kontinent erfolgreich bekämpft hat und dabei gleichermaßen instinktiv auch moralisch immer auf der richtigen Seite stand. Unzweifelhaft handelt es sich um eine politische und militärische Erfolgsgeschichte, aus der sich freilich auch eine penetrante kulturelle Arroganz ableitete, deren Grundüberzeugung lautete: An Britanniens Wesen soll die Welt genesen.

Kritische Geister wie George Orwell mochten sich darüber mokieren. „Unbestritten“, so lästerte der Schriftsteller, der in den 20er Jahren als Polizeioffizier in Burma diente, „sind die zivilisatorischen Errungenschaften, welche das britische Empire in alle Welt trägt. Wo immer wir uns niederlassen, werden eine Post, ein Bahnhof, ein Gefängnis und ein Club gegründet.“ Aber das änderte nichts daran, dass sich die britische Elite mit aufreizender Selbstverständlichkeit für den Nabel der Welt hielt. Und die Debatte um den Brexit hat gezeigt, dass sich diese Haltung wenigstens in gewissen Kreisen hartnäckig gehalten hat.

Wir wollen nicht ungerecht sein. Niemand kann bestreiten, dass die Briten der Welt viel gegeben haben. Angefangen mit ihrer Sprache, ohne die die globale Verständigung im 21. Jahrhundert wohl undenkbar wäre. Und dann die vielen bedeutenden Erfindungen, die von der Insel aus ihren Siegeszug antraten und unser Leben verändert haben: die Dampfmaschine etwa, das Penicillin oder auch so überaus nützliche Dinge wie der Regenmantel. Ohne das Empire und seine Offizierskasinos gäbe es womöglich keinen Gin Tonic, und die Welt wäre sicher ärmer ohne englische Gartenkultur, britische Popmusik oder den brillanten Klamauk einer Komikertruppe wie Monty Python.

Das sind Faktoren der „soft power“, der geschmeidigen Einflussnahme auf die Welt, die die Briten heute mindestens so gut beherrschen wie einst das Kriegshandwerk. Die Nostalgie jedoch, die Sehnsucht nach alter Größe, die viele Menschen auf der Insel heute wieder von einem Post-Brexit-Königreich träumen lässt, sie nährt sich aus der über Generationen weitergereichten Erinnerung an eine mythisch verklärte Vergangenheit, die geprägt war von imperialer Macht. Und beherrscht von einer ziemlich verlogenen, aber in diesen Tagen dennoch erfolgreich politisch instrumentalisierten Vorstellung, wonach Großbritannien im Grunde immer dann am stärksten war, wenn es allein stand.

Den vorläufigen Schlussstein in dieser Erzählung vom heroischen Britannien bildet der Sieg über Nazi-Deutschland, der undenkbar gewesen wäre ohne den aufopferungsvollen Widerstand, den die Briten 1940 gegen den Ansturm der braunen Horden vom Kontinent leisteten – auf sich allein gestellt, im Hagel der deutschen Bomben und mit dem Rücken zur Wand. Das Bild von der „stiff upper lip“, der steifen Oberlippe, mit der der Brite jeder Unbill trotzt, wurde zum Sinnbild jener Zeit und dient heute jenen als willkommene Argumentationshilfe, die die Folgen eines chaotischen Ausscheidens aus der EU kleinzureden versuchen: Alles halb so wild, wir haben weit Schlimmeres durchstanden. Oder wie es im Krieg auf millionenfach geklebten Propagandaplakaten hieß: „Keep calm and carry on“ – Ruhe bewahren und weitermachen.

Nur, weitermachen womit? Großbritannien scheint wie besessen von seiner Vergangenheit und vergisst darüber in diesen Tagen womöglich seine Zukunft. Vor zwei Jahren begann die damalige Premierministerin Theresa May plötzlich von „Global Britain“ zu sprechen. Es sollte wohl so etwas sein wie eine Verheißung von Weltoffenheit und den traumhaften Möglichkeiten des Vereinigten Königreichs, sobald der EU-Austritt erst einmal vollzogen sein würde. In Wirklichkeit haben sich die Briten politisch zuletzt immer stärker von der Welt abgewandt, und spätestens seit dem Brexit-Referendum 2016 kreist das Land nur noch um sich selbst.

Schon einmal hatte ein Schlagwort die britische Politik geprägt. Ende des 19. Jahrhunderts, als man in London mit dem mächtigsten Kolonialreich der Geschichte im Rücken die kontinentalen Nachbarn sich selbst überließ und sich höchstens gönnerhaft als Schiedsrichter einmischte, genoss man die „splendid isolation“, die wunderbare Isolation der Insel. Freilich, der wunderbare Zustand hielt nur einige Jahre an, dann zwang die harte weltpolitische Wirklichkeit die Briten aus der Reserve. Gut möglich, dass es dieses Mal auch wieder so ist und der mentale Rückzug auf die Insel nicht von langer Dauer. Wäre doch wirklich schade, wenn wir bis zur nächsten Eiszeit warten müssten.