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Coronavirus: So wirkt sich die Pandemie auf Terror-Organisationen aus

IS, Al-Kaida, Taliban : So wirkt sich die Pandemie auf den Terrorismus aus

Auch die Mitglieder von Terrororganisationen wie dem IS sind vom Coronavirus bedroht. Einige von ihnen sehen jedoch im Chaos der Pandemie neue Chancen.

Die jüngsten Verlautbarungen der Terrororganisationen Islamischer Staat und Al-Kaida schwanken zwischen Sorge und Propaganda. Das Virus sei eine Strafe für die Ungläubigen, hieß es von einer Seite. Dann wurden aber auch die eigenen Anhänger aufgerufen, Buße zu tun. Die Al-Kaida riet Nicht-Muslimen am Dienstag, sich in der Quarantäne mit dem Islam zu beschäftigen. Der IS forderte seine Anhänger dagegen kürzlich dazu auf, keine Gnade zu zeigen und die Krise für Anschläge zu nutzen.

Die International Crisis Group (ICG) warnte diese Woche, die Pandemie stelle die weltweite Solidarität in Frage, die entscheidend im Kampf gegen Extremisten sei. Mit großer Sicherheit werde Covid-19 auf regionaler und internationaler Ebene die Zusammenarbeit gegen den IS behindern. „Das ermöglicht den Dschihadisten, besser spektakuläre Terroranschläge vorzubereiten“, erklärte die Nicht-Regierungsorganisation, die Analysen und Lösungsvorschläge zu internationalen Konflikten liefert.

Ende März verübten im Tschad Extremisten ihren bislang tödlichsten Anschlag, bei dem im Grenzgebiet zu Nigeria und Niger mindestens 92 Soldaten getötet wurden. In Ägypten berichten Militärvertreter von einem Anstieg bei den IS-Anschlägen im Norden der Sinai-Halbinsel im März. Zudem seien mindestens drei größere Anschläge vereitelt worden.

Syrien und der Irak melden dagegen bislang keinen Anstieg bei den IS-Aktivitäten, seit das Virus sich dort ausbreitet. Allerdings könnte dort ein Machtvakkum entstehen, dass den Extremisten wieder Auftrieb verleiht. Denn die USA und ihre Partner haben ihre Ausbildungsaktivitäten für Sicherheitskräfte im Irak wegen der Pandemie weitgehend gestoppt. Und auch anderswo ziehen sich ausländische Kräfte wegen des Virus zurück. Die Gefahr, dass dadurch Extremisten wieder erstarken, besteht unter anderem in Afrika an den Brennpunkten Sahelzone, in der Region um den Tschad-See und in Somalia.

„Jeder Staat, der sich aus Afrika zurückziehen wollte, wird die Gelegenheit dafür nutzen“, sagt Clionadh Raleigh, geschäftsführende Direktorin beim Armed Conflict Location & Event Data Project, das extremistische Aktivitäten weltweit erfasst. „Das wird sich unglaublich schlecht entwickeln.“

Eine Sprecherin des US-Afrika-Kommandos (AFRICOM) erklärte, man habe seine Aktivitäten zwar angepasst, um die Sicherheit der eigenen wie der einheimischen Soldaten zu gewährleisten. „Unser Engagement für Afrika bleibt aber bestehen“, fügte sie an.

Die britische Militärvertretung in Kenia, die unter anderem Ausbildungen im Antiterrorkampf begleitet, kündigte diese Woche an, sie werde alle Familien von Soldaten wegen des Virus zurück nach Großbritannien schicken.

Dagegen teilte das französische Verteidigungsministerium mit, dass man Frankreichs größte Militärmission im Ausland in Barkhane in Westafrika weiter mit 5100 Soldaten besetzt lassen werde. Ein französische, mit Al-Kaida sympathisierende Organisation, hatte die Soldaten dagegen aufgefordert, in ihrer Heimat zu bleiben und Leben zu retten.

Das Militär in vielen afrikanischen Ländern versucht, mit Schutzmaßnahmen zu verhindern, dass das Virus die eigenen Reihen weiter ausdünnt. In Nigeria, wo der Staat gegen die Extremisten von Boko Haram kämpft, hat das Militär große Zusammenkünfte und Trainings abgesagt. Der Chef der Militärpolizei erklärte in einem an die Öffentlichkeit gelangten Bericht, die Fahrzeuge seiner Einheit müssten womöglich für Krankentransporte und Massenbegräbnisse genutzt werden.

Auch Gefängnisse mit zu wenig Sicherheitspersonal sind im Fokus der Extremisten, wie Laith Alkhouri sagt, ein Terrorexperte für Westafrika. Sowohl der IS wie Kämpfer aus dem Al-Kaida-Umfeld hätten die Sahelzone zum brisantesten Krisenherd Afrikas gemacht und seien auch neue Kooperationen eingegangen.

Die Extremisten könnten aus der Pandemie Nutzen ziehen und neue Anhänger gewinnen, indem sie den Regierungen vorwerfen, die Krise nicht im Griff zu haben, sagt Alkhouri. Oder die Menschen würden zunehmend glauben, dass nur die Religion sie vor dem Virus retten könne. Dann wären sie weitgehend immun für wissenschaftliche Ratschläge, was die Zahl der Infektionen weiter in die Höhe treiben würde.

Einige Extremistengruppen arbeiten aber so wie Regierungen weltweit auch an einer Strategie gegen das Virus. So kamen in Somalia im März die Führer der Al-Kaida nahestehenden Al-Shabaab-Miliz zu einem ungewöhnlichen, fünftägigen Treffen zusammen, um über das Virus zu sprechen. Dieses bedrohe die gesamte Welt einschließlich der Muslime, hieß es von der Gruppe.

Ein Sprecher der Organisation sagte später, es stehe aber noch nicht fest, ob man sich an den Aufruf der Vereinten Nationen zu einer Waffenruhe während der Corona-Krise halten und ob man medizinischem Personal Zutritt in die von Al-Shaabab kontrollierten Gebiete gewähren werde.

In Afghanistan sind die Taliban schon weiter. Sie veröffentlichen Videos über Desinfektion und Fotos ihrer Kämpfer, wie diese Gesichtsmasken und Seife verteilten. Und sie gaben Sicherheitsgarantien für alle Helfer, die den Betroffenen beistehen oder gegen die Verbreitung des Virus kämpfen.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed sagte: „Wenn es - Gott bewahre - zu einem Ausbruch in einer Gegend kommt, wo wir die Situation kontrollieren, dann können wir in der Gegend das Kämpfen einstellen.“

(peng/dpa)