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Corona macht viele Brasilianer obdachlos

Opfer der Krise : Corona macht viele Brasilianer obdachlos

Weil sie wegen der Pandemie ihren Job verloren haben, können die Menschen ihre Miete nicht mehr bezahlen. Die meisten Wohnungsbesitzer lassen nicht mit sich reden. Die Folge: Tausende Familien landen auf der Straße.

(ap) Dass sie mit ihrer Familie auf einem Parkplatz landen würde, war selbst in den schlimmsten Zukunftsvorstellungen von Jussara de Jesus undenkbar. Doch dann kam Corona, die junge Brasilianerin verlor ihren Job, konnte die Miete nicht mehr bezahlen und fand mit ihren drei Kindern nur einen notdürftigen Unterschlupf in einem Elendsviertel von São Paulo, das auf dem Areal eines Lkw-Parkplatzes aus dem Boden wächst.

„Wir konnten es uns nicht einmal leisten, eine Bretterbude zu bauen“, sagt Jussara de Jesus ernüchtert. „Wir kamen mit ein paar Plastikplanen an.“ Ihre Arbeit als Friseurin war verloren, als die Kundschaft inmitten der Corona-Ausbreitung ausblieb. Damit waren die umgerechnet knapp 130 Euro Miete im Monat nicht mehr aufzubringen, die Familie wurde auf die Straße gesetzt.

Im neuen Slum „Jardim Julieta“ leben mittlerweile schon mehrere Tausend Menschen. Und es werden immer mehr Familien, die wegen Corona keine Miete mehr zahlen können, ihre Wohnungen verlassen müssen und in Bruchbuden landen. Schon vor der Pandemie zählten die Behörden allein in der Metropole São Paulo mit ihren zwölf Millionen Einwohnern mehr als 200.000 Familien, die eine angemessene Wohnung brauchten.

In den vergangenen Monaten wuchs die Zahl weiter. Für den Staat São Paulo mit etwa 46 Millionen Einwohnern schätzt die Menschenrechtsgruppe Labcidade, dass etwa 2000 Familien seit März ihre Wohnungen verloren haben und zahlreiche weitere davon bedroht sind. Ähnliche Entwicklungen gebe es im ganzen Land, sagt Labcidade-Koordinatorin Raquel Rolnik, eine ehemalige UN-Sonderbeauftragte für Wohnen. „Wir werden bald noch viel mehr Menschen auf der Straße sehen“, erwartet Rolnik. „Die Politik hat keine Strategie für diese Fälle.“

In „Jardim Julieta“ schlugen die ersten drei Dutzend Neubewohner Mitte März ihre Hütten auf, Hunderte weitere Familien folgten seitdem. Die meisten wurden ausgerechnet dann aus ihren Wohnungen geworfen, als die Behörden zum Daheimbleiben aufriefen: Ungeachtet der Appelle von Menschenrechtlern und Anwälten gewährten zahlreiche Vermieter keinen Mietaufschub.

„Wenn du nicht zahlst, stehst du auf der Straße“, ist auch die Erfahrung von Karina Valdo. Die 38-Jährige putzte im Krankenhaus, bevor sie mit ihrem dritten Sohn schwanger wurde. Für die etwa 100 Euro Miete verdingte sich danach nur noch ihr Mann als Tagelöhner – bis das Coronavirus auch dem einen Strich durch die Rechnung machte. Valdo verkaufte, was sie konnte, dem Vermieter reichte das aber nicht zur Stundung der Miete.

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Bei ausstehender Miete werde etwa in São Bernardo do Campo am Rande von São Paulo besonders aggressiv vorgegangen, sagt Francisco Comaru, Professor für Stadtplanung. „Die Behörden machen genau das Gegenteil von dem, was sie jetzt machen sollten“, beklagt Comaru. „Es ist, als ob sie nicht verstehen würden, was wir gerade durchmachen.“

Die Familie Valdo landete wie Jussara de Jesus in „Jardim Julieta“. Doch nicht einmal der Notunterschlupf in der Favela bringt ihnen Sicherheit. Sie leben in ständiger Angst vor neuer Vertreibung. Viele ihrer Nachbarn mussten bereits aus einem anderen Slum-Viertel weiterziehen, das im Juni von der Polizei abgerissen wurde.

Kürzlich hat die Polizei Valdo, De Jesus und ihren Mitbewohnern eine Frist gesetzt, das Gebiet zu verlassen. Menschenrechtler versuchen, die Räumung vor Gericht noch zu stoppen. Sie hoffe auf ein Urteil in ihrem Sinne, sagt Karina Valdo. Mehr noch als das Coronavirus fürchte sie, mit ihren drei Kindern wieder auf die Straße geworfen zu werden. „Für die Regierung sind Menschen wie wir wie Staub“, sagt Valso. „Wir existieren nicht.“