China setzt Ein-Kind-Politik mit Zwangsabtreibungen durch

Zu starkes Bevölkerungswachstum : China setzt Ein-Kind-Politik mit Zwangsabtreibungen durch

Gong Qifeng kann sich noch genau daran erinnern, wie sie um Gnade flehte. Ihr Kopf, ihre Arme, Knie und Knöchel wurden am Krankenhaushausbett fixiert, bevor man ihr Wehen auslösende Medikamente verabreichte.

Damals war sie im siebten Monat schwanger mit ihrem zweiten Kind — ein Verstoß gegen die strenge Ein-Kind-Politik in China. Nach 35 Stunden Wehen wurde ihr Baby tot geboren. Und die Behörden in der südchinesischen Provinz Hunan hatten ihr Ziel erreicht.

"Das waren die schlimmsten Schmerzen meines Lebens, schlimmer als die Schmerzen bei einer Geburt", erzählt die 25 Jahre alte Gong. "Und nun sind es seelische Schmerzen. Ich fühle mich wie eine wandelnde Leiche." Nach der Zwangsabtreibung vor zwei Jahren wurde bei ihr Schizophrenie diagnostiziert.

Zwangsabtreibungen gelten in China als legitimes Mittel, um das Bevölkerungswachstum in Grenzen zu halten. Sie sind allerdings verboten, wenn die Mutter über den fünften Monat der Schwangerschaft hinaus ist. Für Gongs Spätabtreibung wurde bislang niemand zur Verantwortung gezogen und auch andere Frauen in ähnlichen Situationen kämpfen um Gerechtigkeit und Entschädigung. Beobachter gehen davon aus, dass die Zahl erzwungener Spätabtreibungen rückläufig ist. Genaue Statistiken gibt es nicht.

China kündigte im November an, seine strenge Ein-Kind-Politik zu lockern und Eltern unter gewissen Umständen ein zweites Kind zu erlauben. Die kommunalen Behörden sind aber weiterhin verpflichtet, die Zahl der Geburten zu kontrollieren. Die Lockerung hätten für Gong keinen Unterschied gemacht, weil Paare nur dann ein zweites Kind bekommen dürfen, wenn beide Partner Einzelkinder sind.

"Das System hat sich nicht verändern", sagt Liang Zhongtang, Demograf an der Akademie für Soziale Studien in Shanghai. "Man darf nicht mehr Kinder bekommen, als die Regierung erlaubt."

Die Zentralregierung verbietet zwar erzwungene Spätabtreibungen, fordert jedoch gleichzeitig von den örtlichen Behörden, die Ein-Kind-Politik durchzusetzen. Eine Schwangerschaft kann aber schon mehrere Monate fortgeschritten sein, bevor die Behörden überhaupt davon erfahren. Und sie schreitet fort, während die Beamten versuchen, eine Einigung mit den Eltern zu erzielen, beispielsweise über eine hohe Geldstrafe.

"Zu Problemen kommt es, wenn die Beamten die Politik ernsthaft durchsetzen wollen", erklärt Liang. "Wenn die Beamten nicht brutal sind, kann die Politik aber nicht durchgesetzt werden."

Die kommunistische Regierung führte die Ein-Kind-Politik um das Jahr 1980 ein, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen. Die meisten Paare in den Städten dürfen ein Kind bekommen, Paare auf dem Land zwei, wenn das erste ein Mädchen ist.

Foto von totem Fötus ging 2012 um die Welt

Im Juni 2012 stellte die Familie von Feng Jianmei aus Shaanxi ein Foto ihres zwangsabgetriebenen, sieben Monate alten Fötus' ins Internet und löste einen Skandal aus. Die Öffentlichkeit reagierte empört, internationale Medien berichteten. Mehrere Beamte in Fengs Gemeinde wurden entlassen und ihre Familie erhielt mehr als 70.000 Yuan (8500 Euro). Doch auch im Fall dieses seltenen Sieges wurde kein Beamter strafrechtlich verfolgt und die Zahlung wurde als Hilfe bezeichnet, nicht als Entschädigung.

Gongs Ehemann Wu Yongyuan sagt, er habe sich keine großen Sorgen gemacht, als er von der zweiten Schwangerschaft seiner Frau erfahren habe. Einige Familien in seinem Dorf haben zwei oder sogar drei Kinder. Als die örtlichen Behörden für Familienplanung aber von Gongs Schwangerschaft Wind bekamen, wurde sie abgeholt.

Wu sagt, nach der Zwangsabtreibung habe sich seine Frau verändert. Sie sei leicht in Tränen ausgebrochen, habe ihn und den gemeinsamen Sohn geschlagen und sich völlig zurückgezogen. Im Mai 2013, 18 Monate nach der Abtreibung, diagnostizierte ein Arzt bei ihr Schizophrenie. Wu forderte eine Entschädigung von seiner Gemeinde, weil die Erkrankung eine Folge der Abtreibung sei. Er wurde abgewiesen.

Im vergangenen Monat reiste das Paar nach Peking und richtete eine Petition an zuständigen Behörden dort. "Wir verlangen, dass die Beteiligten bestraft werden. Wir wollen eine offene Entschuldigung und Gerechtigkeit", schrieb Wu darin. "Und wir verlangen eine Entschädigung für die körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, die uns zugefügt wurden."

An einem Montagnachmittag wurden Wu und Gong, die noch ihren pinkfarbenen Schlafanzug trug, vom Vermieter ihres kleinen Zimmers in Peking auf die Straße gesetzt, nachdem ein Reporter aufgetaucht war.
Kurz danach kam die Polizei und nahm das Paar mit.

Einige Stunden später erhielt ein Journalist eine Textnachricht von Wu. "Wir werden wahrscheinlich nach Hause geschickt", schrieb er. "Der Parteichef unserer Gemeinde hat uns angerufen, damit wir für Verhandlungen nach Hause kommen."

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(ap)
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