Cantor verliert gegen Brat: "Tea Party" gelingt politisches Erdbeben

Überraschungs-Coup bei Vorwahlen : Der "Tea Party" gelingt ein politisches Erdbeben

Ein Tea-Party-Politiker in den USA hat quasi aus dem Nichts den Top-Republikaner Eric Cantor vom Thron gestoßen. Während manche den Sieg der Demokratie feiern, fürchten sich andere vor dem Schreckgespenst der Radikalisierung.

Auf der Liste der wichtigsten Kontrahenten von US-Präsident Barack Obama in Washington stand Eric Cantor weit oben, vielleicht gar an der Spitze. Der Republikaner führte als Chef der dominanten Republikaner-Fraktion im Repräsentantenhaus mehrfach schwere Frontalangriffe auf den Mann im Weißen Haus an.

Nun wird er Medienberichten zufolge Ende Juli sein Amt niederlegen. Er ziehe damit die Konsequenz aus der überraschenden Niederlage bei der Vorwahl, berichteten die "Washington Post" und das Fachblatt "Politico" am Mittwoch.

Er wirkte wie für Größeres bestimmt, sollte laut Experten bald den republikanischen Parlamentsvorsitzenden John Boehner ablösen. Gar das höchste Amt des Staates schien für Cantor greifbar. Doch nun ruinierte eine im Vorfeld wenig beachtete parteiinterne Vorwahl zu den Kongresswahlen wahrscheinlich seine gesamte politische Karriere.

Der 51-Jährige verlor am Dienstagabend in seinem Wahlbezirk im Staat Virginia völlig überraschend und mehr als deutlich gegen einen unbekannten Wirtschaftsprofessor. David Brat löste mit seinem Sieg "ein politisches Erbeben" aus, wie Kommentatoren übereinstimmend meinen. Sie sprechen von einem Umsturz und Schock. Fast nie in der Geschichte scheiterte ein so hochrangiger Politiker bei Vorwahlen.

Es ist auch einer größten Erfolge der ultrakonservativen Tea Party seit ihrer Gründung 2009 als Gegenbewegung zu Obama und gemäßigten Republikanern. Brat machte sich in seinem Wahlkampf die Positionen der Bewegung am rechten Rand der Partei zu eigen: Der Katholik will einen extrem sparsamen Staat und lehnt ein strengeres Waffenrecht ab.

Er ist gegen Abtreibung und vor allem gegen die Einbürgerung von Immigranten, die illegal ins Land kamen. Vor allem bei diesem Thema griff er Cantor massiv an, der wie Obama eine Einwanderungsreform unterstützt, die Millionen einen Weg in die Legalität ebnen soll. "Das Gesetz ist tot", urteilt nicht nur das Fachblatt "Politico" nun.

Der Sieg des 49-Jährigen wird auch als Lehre für alle beschrieben, die schon das Ende der Radikalen verkündet hatten. "Der Tod der Tea Party wurde stark übertrieben", frohlockt der republikanische Parteistratege Erick Erickson in Anlehnung an das berühmte Zitat des Schriftstellers Mark Twain.

Doch: Bisher sammelte die Gruppe in den Vorwahlen vor allem Niederlagen. In Kentucky etwa siegte kürzlich der republikanische Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, klar gegen einen Widersacher, der immense Finanzhilfe von Tea-Party-Unterstützern erhalten hatte.

Kann Cantors Niederlage da wirklich "ein schlechtes Omen für die moderaten" Republikaner sein, wie die "New York Times" kommentiert? Aus seinem Wahlbezirk kommen ganz andere Töne. Er habe sich schlicht zu wenig um seine Wähler gekümmert, heißt es da. Selbst am Wahltag kam er nicht nach Hause. Und statt sich persönlich den Bürgern zu stellen, ging er in TV-Talkshows. Brat verhöhnte Cantor als "Mini-Prinzen".

Wahrscheinlich hat Cantor seinen Gegner nur unterschätzt. Umfragen kurz vor der Wahl sahen den Top-Republikaner mit 30 Prozentpunkten vorn. Vielleicht dachte er, sein millionenschwerer Finanzvorteil werde es schon richten. Sein Team gab während der Kampagne gut 160.000 Dollar für Essen in Steak-Restaurants aus. So viel Geld habe Brat für seinen gesamten Wahlkampf gehabt. "Ihr habt heute gezeigt, dass nicht Geld wählen geht, sondern Ihr", rief er seinen Anhängern zu.

Zu beachten sei auch, dass Brat auf nationaler Ebene in keiner Weise von der Tea Party unterstützt worden sei, meint der Politikchef des US-Senders NBC, Chuck Todd. Die Gruppe habe Cantor gar nicht angreifen wollen, da er konservativ genug sei. Der Herausforderer habe seinen Sieg vor allem seinen enthusiastischen Unterstützer zu verdanken, die für ihn von Tür zu Tür gezogen seien.

Einig sind sich die Analysten aber, dass die sogenannte Grand Old Party nun vor einer Zerreißprobe steht. "Cantors verblüffende Niederlage ist der größte Bruch für die Republikaner" seit mindestens acht Jahren, schreibt "Politico". Die Partei werde nach dem Verlust ihres Führungsmitglieds Monate brauchen, um sich an der Spitze neu aufzustellen. Und wer auch immer nach oben rücken wolle, der müsse nun erst einmal an der Tea Party vorbei.

(dpa)
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