Bundeswehr in Jordanien: Aus der Luft „Beduinen“ als IS-Terroristen entlarven

Besuch bei der Bundeswehr in Jordanien: Aus der Luft "Beduinen" als IS-Terroristen entlarven

Nach dem Umzug aus der Türkei beteiligt sich die Bundeswehr nun von Jordanien aus am Kampf gegen den Islamischen Staat in Syrien und im Irak. Ein Ortsbesuch vor dem Hintergrund des heißen Krieges.

Am Morgen nach der längsten Nacht der Sondierungen in Berlin steht Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Rande des Flugfeldes im jordanischen Al Azraq und versteht nichts mehr. Gerade will sie sich bei der Crew eines Luftwaffen-Tankflugzeuges für ihren Einsatz bedanken, als ein F-15-Jet mit ohrenbetäubendem Lärm über das Camp donnert.

Es ist der Sound des Krieges, des Krieges gegen den IS. Wenn gleich Bomben auf eine der wenigen verbliebenen Stellungen des islamistischen Terror-Kalifates fallen, dann haben auch die Deutschen dazu beigetragen: Das Tankflugzeug ist jeden Tag in der Luft, um den Sprit für die Angriffe zu liefern, und auch zwei der vier Aufklärungstornados sammeln täglich vom Hauptquartier in Katar gerne genommene Informationen über die Lage in Syrien und im Irak.

17 Millionen Liter Flugbenzin hat der deutsche Tanker in über 1100 Einsätzen bereits in der Luft abgegeben. Seit 2015 zunächst vom türkischen Incirlik aus, seit vergangenem Herbst von Jordanien aus. Die türkischen Gastgeber hatten Bundestagsabgeordneten den Besuch ihrer Bundeswehrsoldaten verwehrt. Das konnte das Parlament eines Staates mit einer Parlamentsarmee nicht hinnehmen. Also wurde mit 200 Containern umgezogen. Binnen zwei Monaten entstand ein kleines deutsches Dorf aus dem Nichts. Mit deutscher Gründlichkeit und Akkuratesse. Die Operationszentrale, die Unterkunfts-, die Verpflegungs- und Gemeinschaftsgebäude, alles tipptopp. Die Stiefel werden auf den Wegen dazwischen zwar noch etwas staubig, aber die Paletten mit roten Pflastersteinen für die Gehwege stehen schon bereit.

Das Kalifat sei inzwischen "physisch zerschlagen", fasst es Kontingentchef Oberst Stephan Breidenbach im Gespräch mit der Ministerin zusammen. "Warum wird dann die Infrastruktur noch weiter ausgebaut?", will der mitgereiste Linken-Abgeordnete Alexander Neu wissen. Wenig später erläutert die Ministerin, dass der IS sich in Rückzugsräumen einnistet, dass das Kalifat zwar zerschlagen, aber noch nicht geschlagen sei. Staffelkapitän Major Dominique G. schildert es aus der Sicht eines Tornado-Piloten. In den ersten Jahren habe die Allianz vor allem Informationen über "feste Strukturen" angefordert. Jetzt glichen die Erkundungsflüge mehr einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

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Die Nadel im Heuhaufen, das sind zum Beispiel Terroristen in der Wüste. Die sich als Beduinen tarnen. Die Profi-Auswerter der Luftwaffe bekommen die Bilder bereits während des Fluges zugesandt. Und dann gehen sie die Lage am Boden Millimeter für Millimeter durch. Gibt es auffällige Verteidigungsstellungen? Sind das Kamele oder Pickups? Verraten Waffen die wahre Identität? Die Ergebnisse gehen an das militärische Hauptquartier, wo ein Bundeswehroffizier darüber entscheidet, welche Aufklärungsmission die Deutschen überhaupt übernehmen und was dann mit den Bildern geschieht. Er hat eine "rote Karte", die er zieht, wenn die Vorgaben des Bundestages nicht eingehalten werden. Wie oft er das schon getan hat? Militärisches Geheimnis.

Auch vieles andere ist geheim an diesem Ort, an dem nicht irgendwas geübt oder irgendwas demonstriert wird. Sondern von wo es täglich in den heißen Krieg gegen den islamistischen Terror geht. "Deutschland signalisiert: Wir sind verlässlich im Kampf gegen den IS", betont von der Leyen. Eigentlich hatte sie ihre Soldaten bereits letzten Spätherbst besuchen wollen. Doch da kollabierten gerade die Jamaika-Sondierungen.

In den nun erfolgreicheren Sondierungen haben sich Union und SPD darauf verständigt, die Obergrenze der im Anti-IS-Krieg einsetzbaren Soldaten deutlich abzusenken. Für von der Leyen kein Problem. Die derzeit festgeschriebenen 1200 stammen noch aus einer Zeit, als die deutsche Marine einen französischen Flugzeugträger eskortierte. Aktuell sind in Jordanien gerade mal 288 Soldaten. "In einem weiteren Schritt wollen wir dieses Mandat zur umfassenden Stabilisierung und zur nachhaltigen Bekämpfung des IS-Terrors insbesondere durch capacity building weiterentwickeln", heißt es im endgültigen Sondierungspapier in einem nicht jedem Bürger verständlichen Denglisch. Kapazität-Bauen?

Vermutlich wissen die Beteiligten auch noch nicht so genau, wohin die Reise für Deutschland im militärischen Kampf gegen den IS geht. In den nächsten Wochen und Monaten werde das mit den Verbündeten, in der Regierung und im Bundestag intensiv besprochen, kündigt von der Leyen an. Sie muss ihr Statement vor den Kameras unterbrechen. Nebenan startet gerade die nächste Militärmaschine. Der Kampf geht weiter.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ursula von der Leyen besucht die Bundeswehr in Jordanien

(may)
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