Brexit: Theresa May macht Rückzieher bei Abstimmung

Brexit-Posse : May macht Rückzieher – Tusk beruft EU-Gipfel ein

Nach dem Rückzieher bei der Abstimmung über den Brexit-Deal will die britische Premierministerin Theresa May in Brüssel nachverhandeln. Am Donnerstag steigt der nächste EU-Gipfel. Vorher trifft sie Angela Merkel in Berlin.

Die Abstimmung über das Brexit-Abkommen im britischen Parlament wird verschoben. Das sagte Premierministerin Theresa May vor den Abgeordneten in London. Der Termin war ursprünglich für Dienstagabend angesetzt. Wann die Abstimmung stattdessen abgehalten werden soll, war zunächst unklar.

May will nun mit ihren Amtskollegen aus den EU-Staaten und den Spitzen der Europäischen Union nachverhandeln. Doch die Rufe nach einem Rücktritt der Regierungschefin und nach einem zweiten Brexit-Referendum werden immer lauter.

Nach der Absage der Abstimmung im Unterhaus reist Theresa May an diesem Dienstag zu einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Berlin. Das teilten das Büro der Premierministerin und der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert am Montagabend mit.

Auf Wunsch der britischen Seite werde Merkel die britische Premierministerin um 13 Uhr zum Gespräch empfangen, sagte Seibert. Zuvor wird May nach Angaben ihres Büros am Vormittag den niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte in Den Haag treffen. "Es ist jetzt zunächst Sache der britischen Regierung, den europäischen Partnern zu erläutern, wie sie sich das weitere Vorgehen vorstellt”, sagte eine Sprecherin der Bundesregierung.

EU-Ratspräsident Donald Tusk berief für Donnerstag einen Gipfel der 27 bleibenden EU-Staaten ein. Man werde den Deal nicht neu verhandeln, schrieb er im Kurznachrichtendienst Twitter. „Aber wir sind bereit zu diskutieren, wie die Ratifikation in Großbritannien bewerkstelligt werden kann.“ Auch eine Kommissionssprecherin in Brüssel bekräftigte: „Dieser Deal ist der beste Deal und der einzige mögliche Deal.“

May nannte als Grund für die Verschiebung der Abstimmung den Widerstand im Parlament gegen den sogenannten Backstop. „Als Resultat würde der Deal mit großem Abstand abgelehnt werden, wenn wir morgen fortfahren und die Abstimmung abhalten würden.“ Mit dem Backstop im Abkommen soll verhindert werden, dass zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland nach dem Brexit wieder Grenzkontrollen eingeführt werden. In diesem Fall würde ein Wiederaufflammen des Konflikts in der Ex-Bürgerkriegsregion befürchtet.

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon bezeichnete die Entscheidung, die Abstimmung zu verschieben, als „erbärmliche Feigheit“. Die konservative Regierungspartei stelle damit ihre eigenen Interessen über die des Landes, so Sturgeon. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, forderte May auf, entweder beim Abkommen nachzuverhandeln oder eine Neuwahl auszurufen. „Wir haben keine funktionierende Regierung“, so Corbyn.

Die Verschiebung der Unterhausabstimmung erzeugte Ökonomen zufolge Unsicherheit und verschreckte die Anleger. Der Euro geriet gemeinsam mit dem britischen Pfund unter Druck. Am frühen Abend fiel die Gemeinschaftswährung bis auf 1,1357 US-Dollar. Die britische Währung fiel zeitweise bis auf 1,1004 Euro. Dies ist der niedrigste Stand seit August.

„Was für ein Schlamassel!“, teilte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), André Schwarz, mit. Nur etwa drei Monate vor dem Stichtag „wissen die Unternehmen noch immer nicht, was auf sie zukommt und wie es weitergehen soll“.

Großbritannien will Ende März 2019 aus der Staatengemeinschaft ausscheiden. Sollte bis dahin kein Abkommen ratifiziert sein, droht ein ungeregelter Austritt aus der EU mit chaotischen Folgen für die Wirtschaft und andere Lebensbereiche.

Etwa 100 der 315 Abgeordneten aus Mays Konservativer Partei hatten angekündigt, das vorliegende Brexit-Abkommen nicht zu unterstützen. Viele von ihnen fürchten eine zu starke Bindung an die EU. Auch die nordirische DUP, auf deren zehn Stimmen Mays Regierung im Parlament angewiesen ist, kündigte Widerstand an. Sie lehnt Sonderregelungen für Nordirland ab. Von der Opposition darf sich May ebenfalls keine Unterstützung erhoffen. May braucht mindestens 320 Ja-Stimmen, um den Deal sicher durch das Parlament zu bringen.

Mays Posten als Premierministerin wackelt mehr denn je. Britischen Medien zufolge stehen mehrere Politiker als mögliche Nachfolger in der Startposition, darunter Innenminister Sajid Javid und Ex-Außenminister Boris Johnson, einer der größten Widersacher Mays. „Wir können nicht so weitermachen wie jetzt“, sagte einer der schärfsten Kritiker, der Tory-Politiker Jacob Rees-Mogg. „Die Premierministerin muss entweder regieren oder aufgeben.“

Neben Nachverhandlungen mit Brüssel wird in Großbritannien auch über ein zweites Brexit-Referendum spekuliert. Beim ersten Referendum 2016 hatte sich nur eine knappe Mehrheit der Briten für die Loslösung von der Europäischen Union ausgesprochen.

Denkbar ist auch ein Rückzieher vom Brexit. Die Schwelle dafür ist niedriger als gedacht, wie aus einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg hervorgeht. Großbritannien könnte demnach den Brexit einseitig und ohne Zustimmung anderer EU-Länder stoppen. Die britische Regierung erklärte umgehend, das spiele keine Rolle.

Die britische Regierung hatte am 29. März 2017 die übrigen EU-Staaten offiziell darüber informiert, dass das Land die EU verlassen will. Damit begann ein zweijähriges Austrittsverfahren nach Artikel 50 der EU-Verträge, das planmäßig mit dem Brexit genau zwei Jahre später am 29. März 2019 endet. Die EU-Kommission und der Rat der Mitgliedsländer hatten vor dem EuGH argumentiert, das Verfahren lasse sich nur mit einem einstimmigen Beschluss des Rats stoppen.

US-Außenminister Mike Pompeo sicherte dem alten US-Verbündeten Großbritannien auch für den Fall eines No Deals den Fortbestand der besonderen Beziehung beider Länder zu. „Das ist sicherlich für sie wichtig, aber es ist in hohem Maße auch für uns wichtig“, sagte Pompeo dem konservativen Radiosender Salem Radio. London baut für die Zeit nach dem EU-Austritt auf ein Handelsabkommen mit den USA.

(özi/juju/dpa/Reuters)
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