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Brexit: Johnson blickt Neuanfang Großbritanniens entgegen

Noch wenige Stunden bis zum Austritt : Johnson blickt Brexit als Neuanfang Großbritanniens entgegen

Die Briten verlassen die EU. Boris Johnson ist angesichts des nun fast vollzogenen Brexits optimistisch, dies wird jedoch nicht von allen Landsleuten geteilt. Viele Schotten beispielsweise bedauern den Abschied von der EU.

Zur letzten Kabinettssitzung während der EU-Mitgliedschaft Großbritanniens hat Premierminister Boris Johnson seine Regierung am Freitag nach Sunderland gerufen. Die nordenglische Stadt stimmte beim Referendum vor dreieinhalb Jahren für den Brexit. Eine Stunde vor dem Austritt des Landes aus der EU am Freitag um 23 Uhr Ortszeit wollte sich Johnson in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung wenden.

Darin wollte er den Brexit nach Angaben seines Büros „nicht als Ende, sondern als Anfang“ beschreiben und von einem „Moment echter nationaler Erneuerung und des Wandels" sprechen. Die Regierung setzt darauf, den historischen Moment würdig und ohne triumphierende Gesten zu begehen - das Referendum ging seinerzeit nur äußerst knapp mit 52 zu 48 Prozent der Stimmen für den Brexit aus. Regierungsgebäude sollten in den Nationalfarben rot, weiß und blau angestrahlt werden, eine auf Johnsons Amtssitz in der Downing Street projizierte Uhr sollte den Countdown anzeigen.

In seinem Amtssitz wollte Johnson einen Empfang für Minister, Berater, Staatsbedienstete und Brexit-Aktivisten geben, gereicht werden sollten englische Spezialitäten.

Andere Brexit-Anhänger planten offensivere Feiern. Nigel Farage von der britischen Brexit Party, der sich besonders intensiv für einen Austritt des Landes eingesetzt hatte, wollte sich mit Gleichgesinnten auf dem Parliament Square zu patriotischen Liedern und Reden treffen.

Anderen war nicht zum Feiern zumute. Die Anwältin Alice Cole-Roberts sagte am Freitag, sie erwarte nach dem Brexit zunehmende Frustration. „Es ist ein sehr trauriger Tag“, sagte sie.

In Edinburgh wird die EU-Flagge vor dem schottischen Parlament in der Nacht zum Samstag nicht eingeholt. Die Abgeordneten dort stimmten dafür, sie als Symbol für ihren Widerstand gegen den Brexit an Ort und Stelle zu behalten. Die EU-freundliche schottische Regierung wollte am Freitag zwei ihrer Gebäude in den blau-gelben Farben der EU-Flagge anstrahlen. Während England und Wales mehrheitlich für den Brexit stimmten, votierten Nordirland und Schottland für einen Verbleib in der EU, der Großbritannien seit 1973 angehörte.

Die Erste Ministerin Schottlands, Nicola Sturgeon, kündigte am Freitag an, ihre Schottische Nationalpartei werde weiterhin Druck auf die britische Regierung für die Zulassung eines zweiten Unabhängigkeitsreferendums ausüben. „Ich glaube, ein Referendum ist dieses Jahr durchführbar“, sagte sie. Johnson hat ein zweites Referendum ausgeschlossen. 2014 hatte die schottische Bevölkerung mehrheitlich für einen Verbleib im Vereinigten Königreich gestimmt.

Es ist das erste Mal, dass sich ein Mitglied aus der EU verabschiedet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte in Brüssel, bei Sonnenaufgang am Samstag werde ein neues Kapitel „für unsere Union der 27“ beginnen. Der Tag des Brexits werde für Großbritannien einen großen Verlust markieren, auf die Insel kämen einsamere Zeiten zu. „Stärke liegt nicht in "splendid isolation", sondern in unserer einzigartigen Union“, sagte sie.

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der den Brexit mit einer Zunahme der Fremdenfeindlichkeit in Verbindung gebracht hat, erklärte, die britische Hauptstadt werde „eine wahrhaft globale, europäische Stadt“ bleiben. London hatte mit großer Mehrheit gegen den Brexit gestimmt. „Wir werden weiterhin ein Leuchtturm für progressive Ideen, für liberale Werte und für Anstand und Vielfalt bleiben“, erklärte er. Der bevorstehende Abschied aus der EU zerreiße ihm das Herz, sagte Khan.

(ala/dpa)