Brasilien: Karneval in Rio 2018 gegen das Establishment und Korruption

Kritik an Korruption: Karneval in Rio gegen das Establishment

Die politischen Botschaften sind beim Karneval in Brasilien in diesem Jahr deutlicher als in den Vorjahren. Das Land steckt in einer politischen Krise, die Bevölkerung ist angesichts der grassierenden Korruption frustriert. Feiern geht trotzdem.

Der Höhepunkt des Karnevals in Rio de Janeiro ist mit einer deutlichen Ansage gegen das Establishment gestartet. Angesichts der politischen Skandale und wirtschaftlichen Flaute zeigten die prächtigen Paraden der Sambaschulen in der Nacht zum Montag Umzugswagen gegen die Führung des Landes. Wie erwartet, waren Präsident Michel Temer und Rio de Janeiros Bürgermeister Marcelo Crivella nicht anwesend.

Bis zum Beginn umfassender Korruptionsuntersuchungen 2014 war die jährliche Veranstaltung im Sambódromo ein Magnet für Politprominenz gewesen. Einen kräftigen Ton gegen das Establishment hatte bereits der Karneval in Recife und São Paulo gesetzt - sowohl in Kostümierungen als auch in den Liedern, die auf Straßenpartys gesungen wurden.

Temer, dessen Umfragewerte im einstelligen Bereich liegen, verbrachte seine letzte Karnevalszeit als Präsident mit einer Gruppe von 40 Leuten an einem Strand südlich von Rio. Die Zeitung "O Globo" lichtete Crivella zu Beginn der Parade am internationalen Flughafen von São Paulo ab. Wo sich der Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro, Luiz Fernando Pezão, befand, war unklar.

Ein Hintern aus Plastik

Normalerweise nutzen die Brasilianer die insgesamt fünftägigen Feierlichkeiten, um ihren Alltag zu vergessen. Im Vergleich zu den Vorjahren war die politische Botschaft in diesem Jahr aber deutlich schwerer zu überhören: "Dies war die größte politische Kritik seit Mitte der 80er Jahre, als die Militärdiktatur in Brasilien zum Ende kam", analysierte der Karnevalshistoriker Luiz Antônio Simas.

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Im Oktober wird in Brasilien eine Präsidentschaftswahl stattfinden, deren bisher umstrittenster voraussichtlicher Kandidat Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist. Dessen Unterstützer waren bei den Karnevalsfeierlichkeiten ebenso auf den Straßen aktiv wie Kritiker. Die einen nutzten Kostüme und Poster, um die brasilianische Justiz zu kritisieren, die Lula verurteilt hat. Die anderen stellten Puppen zur Schau, die den früheren Staatschef in Gefängniskleidung zeigten.

Die meiste Kritik erntete vermutlich dennoch der Bürgermeister von Rio. Die Sambaschule Mangueira etwa hatte einen Umzugswagen mit einem Hintern aus Plastik gebaut, auf dem Crivellas Name stand. Der früher als evangelikaler Bischof tätige Politiker hat die öffentlichen Mittel für die Sambaschulen gekürzt und meidet die jährliche Feier. In der Vergangenheit hat er zwar gesagt, nichts gegen Karneval zu haben, die Veranstaltung im Sambódromo sei aber "nur eine Party".

"Diese Politiker zerstören unsere Hoffnung"

"Der Bürgermeister hat keine Ahnung, was Karneval ist und trennt seine Religion nicht von der wichtigsten Party der Stadt", sagte die Feiernde Lucia Araujo, die eine Tiara mit der Aufschrift "Crivella raus" trug. "Die Tiara bedeutet nicht, dass ich nicht will, dass die anderen auch alle gehen. Diese Politiker zerstören unsere Hoffnung für ein besseres Brasilien, sie müssen alle gehen."

Zum Abschluss der Party im Sambódromo am Dienstagmorgen wollte die Sambaschule Beija-Flor bei ihrer Präsentation das politische Klima in Brasilien mit Frankenstein vergleichen. Damit sollte auf die Spaltungen im Land und die Gleichgültigkeit gegenüber Konflikten hingewiesen werden.

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(wer)
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