Brasilien: Dilma Rousseff und Aécio Neves müssen in die Stichwahl

Präsidentenwahl in Brasilien : Rousseff und Neves müssen in die Stichwahl

Das Rennen um die Präsidentschaft in Brasilien entscheidet sich in einer Stichwahl. Amtsinhaberin Dilma Rousseff verfehlte beim Urnengang am Sonntag die absolute Mehrheit und kam auf 41,5 Prozent der Stimmen.

Das teilte die Wahlkommission nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen mit. Ihr konservativerer Rivale Aécio Neves erreichte demnach 33,6 Prozent der Stimmen. Damit kommt es am 26. Oktober zu einer zweiten Wahlrunde mit ihm und Rousseff.

Neves' Stern war erst in der letzten Wahlkampfwoche gestiegen. Umso überraschender kam der Absturz der Sozialistin Marina Silva, die als ärgste Herausforderin Rousseffs gehandelt worden war. In der ersten Wahlrunde landete die ehemalige Umweltministerin mit nur 21 Prozent abgeschlagen auf Platz drei.

Erst Mitte August war Silva war für den bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Eduardo Campos als Präsidentschaftskandidatin der Sozialistischen Partei PBS eingesprungen. Schon wenige Wochen später führte sie die Umfragen mit zweistelligem Vorsprung an. Doch Rousseff und ihre Arbeiterpartei setzten sich mit einer energischen Kampagne zur Wehr. Die Amtsinhaberin holte wieder auf.

Dabei galt Silva vor kurzem noch als mögliche Nutznießerin der weit verbreiteten Geringschätzung für die politische Klasse. Diese Stimmung entlud sich im Sommer in landesweiten Protesten. Doch die Kandidatin sah sich mit heftigen Attacken von Rousseff konfrontiert, die sie als zaghaft und führungsschwach darstellte. Der Experte Paulo Sotero von der US-Denkfabrik Wilson Center sagte zu dem Wahlkampf: "Wir haben schon vorher negative Kampagnen gesehen, aber noch nie auf einer solchen Ebene der Bissigkeit."

Überraschungskandidat Neves ging für die in der politischen Mitte angesiedelte Sozialdemokratische Partei PSDB ins Rennen. Der gelernte Ökonom war früher Gouverneur von Minas Gerais, dem zweitgrößten Bundesstaat Brasiliens. Seine politische Karriere startete Neves im Alter von 23 Jahren als Assistent seines Großvaters Tancredo Neves, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten nach dem Ende der Militärdiktatur in Brasilien. Allerdings wurde Tancredo Neves krank und starb, bevor er sein Amt antreten konnte.

In einer Erklärung vom Sonntagabend nahm Neves auf seine Familiengeschichte Bezug: "Was kann ich anderes sagen und denken als das, was mein Großvater Tancredo vor 30 Jahren sagte, als er die Präsidentschaftswahl gewann: "Wir dürfen uns nicht zerstreuen. Wir sind erst in der Mitte unseres Weges angelangt.""

Neves ist umstritten

Allerdings ist Neves nicht unumstritten. Im Juli berichtete die größte brasilianische Zeitung "Folha de S. Paulo" von einem Fall mutmaßlicher Vetternwirtschaft in Neves' Ära als Gouverneur. Dessen Regierung habe für rund 5,5 Millionen Dollar einen Flughafen auf einem Grundstück bauen lassen, das einem Onkel Neves' gehört habe.
Neves' wies die Anschuldigungen später in einem Leitartikel im selben Blatt zurück.

In Umfragen sagen etwa 70 Prozent der Brasilianer, dass sie sich Reformen wünschen. Kritikpunkt sind vor allem die schlechten öffentlichen Dienstleistungen trotz hoher Steuern. Gleichzeitig sagen jedoch etwa drei Viertel der Brasilianer, sie seien zufrieden mit ihrem Leben. Rousseff steht demnach offenbar für Kontinuität.

Ihre Arbeiterpartei ist seit fast zwölf Jahren an der Macht. In dieser Zeit haben starke Sozialprogramme Millionen von Menschen den Aufstieg aus der Armut in die Mittelschicht ermöglicht. Rousseff hat vor allem bei den Ärmsten Rückhalt. Die Wirtschaft ist jedoch in den vergangenen vier Jahren ins Stocken geraten. Rousseff verspricht, dass der Staat weiter lenkend eingreift, was bei Unternehmen auch für Kritik sorgt.

Ihrem Herausforderer Neves schweben hingegen wirtschaftsliberalere Ansätze vor: Die Zentralbank soll unabhängig werden. Zudem tritt Neves' für mehr Privatisierungen und für Handelsabkommen mit Europa und den USA ein.

Beobachter sagen ein enges Rennen zwischen Rousseff und Neves voraus.
"Nun haben wir eine neue Wahl, bei der alles offen ist", sagte Carlos Pereira von der brasilianischen Denkfabrik Gerutilio Vargas. "Aécio, der noch bis vor kurzem keine Chance hatte, hat sich als sehr starker Kandidat erwiesen."

(ap)
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