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Massendemonstrationen in mehreren Städten: Brasilien — das zerrissene Land

Massendemonstrationen in mehreren Städten : Brasilien — das zerrissene Land

Es sind die größten Proteste in Brasilien seit gut 20 Jahren. In mehreren Städten des Landes sind Tausende auf die Straße gegangen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Die Brasilianer nutzen den Confed-Cup, um zu zeigen, dass die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land viele Menschen wütend macht.

Seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 hat es in dem lateinamerikanischen Land selten solche Massendemonstrationen gegeben wie in diesen Tagen. Meist verliefen sie friedlich, in Rio de Janeiro jedoch kam es zu Ausschreitungen, als Demonstranten in das Staatsparlament eindringen wollten.

Seit der Confed-Cup — laut Fifa die "Generalprobe" für die WM 2014 — in Brasilien gestartet ist, wollen die Proteste nicht abebben. Was als kleiner Protest in Sao Paulo gegen die Erhöhung von Ticketpreisen im Nahverkehr begann, richtet sich nun gegen weit mehr: Korruption, Kriminalität, soziale Missstände.

Die Demonstranten wissen, dass dank der anstehenden Großereignisse wie Fußball-WM und Olympische Spiele 2016 ihr Land mehr Aufmerksamkeit bekommt denn je. Und so wollen sie die Chance nutzen, auch auf die Schattenseiten aufmerksam zu machen. Denn der wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens ist am ärmeren Teil der Bevölkerung vorbeigegangen.

Die "WM für Reiche"

Entsprechend wird auch gegen die Massenausgaben für die sportlichen Großereignisse demonstriert. "Ich lass' die WM sausen und will mehr Geld für Gesundheit und Bildung", skandierten etwa einige Demonstranten. "WM für Reiche" ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit Brasilien die Runde macht. Dabei dürften Aussagen, wie die von Fifa-Chef Sepp Blatter vor den Protesten, dass der Fußball stärker sei als die Unzufriedenheit der Menschen, sicherlich nicht dazu beitragen, die Stimmung zu verbessern.

Denn gerade die Zwangsumsiedelungen im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf die WM machen gerade den Ärmsten im Land zu schaffen. Ganze Favelas, wie die Armenviertel heißen, wurden und werden im Zuge von WM und Olympia platt gemacht. Zwar bietet die Regierung Ersatzwohnungen oder Geld, doch beides reicht nur, um sich in den Randregionen der Großstädte niederzulassen.

Kritik kam daher auch schon von den Vereinten Nationen. Raquel Rolnik, UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf angemessenes Wohnen, hatte erst vor wenigen Tagen solche Zwangsräumungen und Umsiedelungen im Zuge von Sportereignissen kritisiert. Dies sei "unglücklicherweise" in Brasilien nicht anders.

Hinweise auf Vertreibungen

In den vergangenen Jahren habe sie Hinweise auf Vertreibungen erhalten, die zum Teil gegen Menschenrechtsstandards verstoßen hätten, so Rolnik. Anwohner seien in einigen Fällen nicht befragt oder an den Entscheidungen nicht beteiligt gewesen.

Auf der anderen Seite loben Einwohner der Favelas aber auch, dass in einigen von diesen Wohnvierteln Drogenbosse vertrieben wurden und nun die Friedenspolizei unterwegs ist, wie etwa der Deutschlandfunk Mitte Mai berichtete.

Allerdings gibt es auch hier Kritik. So zitiert der Sender die Bewohnerin Luciana, die sagt: "Ich bin mir absolut sicher, dass das alles nur wegen der WM und der Olympiade passiert. Vorher hat sich auch niemand um uns gekümmert." Und sie fügt noch hinzu: "Sobald die Großereignisse vorbei sind, interessiert sich wieder keiner mehr für uns."

Diese Befürchtungen dürfte auch der eine oder andere Demonstrant haben, der in diesen Tagen in den Städten Brasiliens auf die Straße geht. Das Beispiel der WM in Südafrika hat schließlich gezeigt, dass aus den großen Hoffnungen vom wirtschaftlichen Umbruch nur wenig geblieben ist.

mit Agenturmaterial

Hier geht es zur Bilderstrecke: Massendemonstrationen in Brasilien

(das)