Boris Jefimowitsch Nemzow: Perspektivlosigkeit des Systems?

Russland : Putin-Gegner fürchten weitere Morde

Die Ermordung des Kreml-Kritikers Boris Nemzow wirkte wie ein Auftrag. Berlin fordert rückhaltlose Aufklärung. Außenpolitiker sehen hinter der Tat die Perspektivlosigkeit des Systems Putin.

Der Mord an dem prominenten Putin-Gegner Boris Nemzow hat Entsetzen ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf "zu gewährleisten, dass der Mord aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden". Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich "traurig und wütend". Bundespräsident Joachim Gauck sprach von einem "unermesslichen Verlust". Bei einem Trauermarsch bekundeten Demonstranten Furcht vor weiteren Morden: "Wer ist der Nächste?", war auf Plakaten zu lesen.

Der 55-Jährige frühere Vize-Regierungschef war unweit der Kreml-Mauern am späten Freitagabend von einem Unbekannten mit vier Schüssen in den Rücken getötet worden. Seine ihn begleitende ukrainische Freundin Anna Durizkaja überlebte den Anschlag. Die Ukraine forderte die Moskauer Behörden auf, diese wichtige Zeugin in ihre ukrainische Heimat zurückkehren zu lassen.

Nemzow hatte für gestern einen Protestmarsch gegen die Politik Putins organisiert. Vor seiner Ermordung hatte er angekündigt, die Anwesenheit russischer Truppen in der Ukraine sei belegbar. "Der Grund der Krise ist, dass Putin eine sinnlos aggressive, für unser Land und für viele Bürger tödliche Politik des Krieges gegen die Ukraine begonnen hat", sagte Nemzow kurz vor seinem Tod in einem Interview.

Putin selbst lobte Nemzow in einem Telegramm an dessen Mutter als aufrichtigen Menschen, der "seine Spur in der Geschichte Russlands hinterlassen" habe. Es werde "alles getan, damit die Organisatoren und Täter dieses hässlichen und zynischen Mordes ihrer verdienten Strafe zugeführt werden", versicherte Putin. Russlands früherer Ministerpräsident Michail Kasjanow betonte gestern: "Keiner, der sich gegen Putin stellt, kann sich sicher fühlen."

Der stellvertretende CSU-Chef und Bundesminister Christian Schmidt berichtete im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er Nemzow persönlich erlebt und ihn "als strategischen und demokratischen Politiker geschätzt" habe. Der politische Mord, dem Nemzow zum Opfer gefallen sei, erfordere nicht nur Aufklärung und Bestrafung der Verantwortlichen, sondern "auch allseits eine klare Distanzierung von der gefährlichen Überzeugung, politisch Andersdenkende wären vogelfrei", betonte Schmidt.

Für den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), zeigt das Attentat auf einen führenden russischen Oppositionellen, dass in dem System gegen Putin "die Aggression nach außen mit der Aggression im Inneren Russlands einhergeht". Die Tat stelle unter Beweis, dass die Politik des Kreml-Chefs nach außen und nach innen vor allem für Russland selbst perspektivlos sei, betonte Röttgen.

Die russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa sagte, sie wäre glücklich, wenn der Mörder gefasst werde. Sie könne sich jedoch "an keinen politischen Mord erinnern, bei dem die Hintermänner irgendwann gefunden wurden".

(may-)
Mehr von RP ONLINE