Bolivien: Falscher Tweet über Attentat auf Morales schockt Anhänger

Stunden vor Präsidentenwahl in Bolivien : Falscher Tweet über Attentat auf Morales schockt Anhänger

Nur Stunden vor Beginn der Präsidentenwahl in Bolivien hat ein Hackerangriff auf das Twitter-Konto des Staatsfernsehens für große Aufregung gesorgt. Über den gekaperten Account wurde die Nachricht verbreitet, Amtsinhaber Evo Morales sei bei einem Attentatsversuch schwer verletzt worden.

Der Präsident antwortete mit einem Auftritt auf einer Pressekonferenz in der Region Chapare, wo er kurz zuvor mit Kollegen seiner Bewegung für die Rechte der Coca-Bauern noch Fußball gespielt hatte. Der Tweet über den angeblichen Anschlagversuch auf Morales war der erste einer Reihe von unsinnigen Nachrichten, die über den gehackten Account vermeldet wurden. In einer hieß es etwa, die USA führten Krieg gegen Bolivien.

Es wird erwartet, dass sich Morales bei der Wahl am Sonntag eine dritte Amtszeit sichert. Damit wäre der erste indigene Staatschef Boliviens der am längsten amtierende Präsident des Landes. Eigentlich schreibt die Verfassung zwei fünfjährige Amtszeiten vor. Doch ein Gericht urteilte vergangenes Jahr, dass Morales' erste Amtszeit wegen einer vorherigen Überarbeitung des Grundgesetzes von der Begrenzung ausgenommen sei.

Evo Morales ist eine Institution

Evo Morales ist in Bolivien eine Institution. Stadien, Märkte, Schulen, staatliche Unternehmen und sogar ein Dorf sind nach ihm benannt. Der erste indigene Präsident des südamerikanischen Landes wird bei der Wahl am Sonntag aller Voraussicht nach eine beispiellose dritte Amtszeit gewinnen. In Umfragen lag der 54-Jährige zuletzt rund 40 Prozentpunkte vor dem populärsten seiner vier Herausforderer. Erste Ergebnisse werden am frühen Montagmorgen erwartet.

Morales schlägt seit langem Kapital aus seinen Ursprüngen, seiner anti-imperialistischen Rhetorik und der immer festeren Kontrolle über staatliche Institutionen, die seine Partei Movimiento al Socialismo (MAS) vorangetrieben hat. Doch seine andauernde Popularität ist wohl vor allem der wirtschaftlichen und politischen Stabilität des Landes zuzuschreiben.

Seit Morales' Amtsantritt 2006 hat ein Boom bei den Rohstoffpreisen dazu geführt, dass die Exporteinnahmen um das Neunfache anstiegen. Das Land hat zudem 15,5 Milliarden Dollar an internationalen Reserven angehäuft. Und das Wirtschaftswachstum lag mit durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr deutlich über dem regionalen Durchschnitt. Morales hat die Gewinne dazu genutzt, um Subventionen für Schulkinder und Pensionen für die älteren Bürger einzuführen. Eine halbe Million Bolivianer haben den Weg aus der Armut geschafft.

"Ich stimme für Evo" sagte die 42 Jahre alte Brotverkäuferin Juana Acarapi. "Er kriegt Dinge gebaut und er ist einer von uns." Acarapi gehört wie Morales zur indigenen Volksgruppe der Aymara im armen Hochlandplateau Boliviens. Bei einer Kundgebung in der Stadt El Alto bahnte sich Acarapi mit ihren Ellenbogen einen Weg durch die Menschenmenge, um die Hand des Präsidenten zu fassen.

Bei Veranstaltungen wie der in El Alto, einer Stadt, die auf die Hauptstadt La Paz hinabblickt, versucht der Präsident jedem das Gefühl zu verleihen, er sei wichtig. Er bezeichnet die Frauen als "Schwester" und die Männer als "Boss". Morales' Botschaft ist simpel: Ich bin einer von euch.

In der jüngsten Umfrage vor der Wahl lag der Amtsinhaber mit 59 Prozent deutlich vor seinem schärfsten Rivalen, dem Zement- und Schnellimbiss-Magnaten Samuel Doria Medina. Nach einer Erhebung von Equipos Mori vom 3. Oktober dürfte Morales in allen neun Departamentos des Landes einen Sieg einfahren. Sein Ziel am Sonntag lautet nicht nur, seine vorherige Bestmarke zu übertreffen - bei der Wahl 2009 hatte er 64 Prozent der Stimmen für sich entschieden. Es geht ihm auch darum, eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Senat und Unterhaus aufrechtzuerhalten, wie der Politikwissenschaftler Marcelo Silva von der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz sagte.

Wenn ihm dies gelingt, könnte Morales die Verfassung so ändern, dass er beliebig oft wiedergewählt werden kann. Derzeit sind nur zwei fünfjährige Amtszeiten als Präsident möglich. Ein Gericht urteilte vergangenes Jahr, dass Morales' erste Amtszeit von der Begrenzung wegen einer vorherigen Überarbeitung der Verfassung ausgenommen sei.
Der Staatschef hat nicht gesagt, ob er sich um eine vierte Amtsperiode bemühen will. Er erklärte lediglich, er werde "die Verfassung respektieren".

Zur Wahl stehen am Sonntag alle Sitze im 36 Mitglieder umfassenden Senat und im 130 Mitglieder starken Unterhaus. Nach Angaben Silvas ist damit zu rechnen, dass oppositionelle Parteien Gewinne machen.

Zu den Morales-Denkmälern in Bolivien zählen ein Museum in seiner Heimatstadt und das Dorf Puerto Evo, das als Ersatz für eine durch Überflutungen verwüstete Siedlung im Departamento Pando entstanden ist. In der Hauptstadt La Paz wird derzeit ein zweiter Präsidentenpalast gebaut - ein 20-stöckiges Zentrum, zu dem auch ein Hubschrauberlandeplatz gehört.

Zu Morales' öffentlichen Verdiensten gehören der Kommunikationssatellit "Tupac Katari", eine Düngemittelfabrik und das neue Seilbahnsystem von La Paz. Sein neuestes Versprechen: die Hauptstadt durch Atomenergie erstrahlen zu lassen. "Wir werden dem Imperium, den Verrätern, Separatisten und Neoliberalen eine Niederlage verpassen", sagte Morales bei seiner abschließenden Wahlkampfveranstaltung am Mittwoch.

Trotz seiner Äußerungen sei Morales kein Sozialist, urteilte der Politikwissenschaftler Eduardo Gamarra von der Florida International University. Der Präsident habe "mit einigen Abweichungen", so Gamarra, "das vorherige Wirtschaftsmodell verfolgt". Er habe Umweltschützer und viele Ureinwohner vor den Kopf gestoßen, indem er sich für den Bergbau und eine geplante Dschungelstraße durch ein indigenes Reservat einsetzte. Vor langer Zeit habe Morales eine ernstzunehmende Opposition aus dem Weg geräumt, indem er Grundbesitz von Magnaten im Osten konfiszierte. Von diesen flüchteten einige ins Exil, um einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen.

Bolivien - eines der ärmsten Länder Südamerikas

Trotz der wirtschaftlichen Fortschritte bleibt Bolivien eines der ärmsten Länder Südamerikas. Viele Ökonomen glauben, dass Land sei zu stark von Rohstoffen abhängig. In der ersten Jahreshälfte 2014 machten Erdgas und Minerale 82 Prozent der Exporteinnahmen aus. Nicht zu unterschätzen ist auch die Kokainwirtschaft im Untergrund. Der frühere peruanische Drogenzar Ricardo Soberón schätzt, dass sich die jährlichen Einnahmen mit Kokain in Bolivien auf 2,3 Milliarden Dollar belaufen - rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Morales fördert die traditionelle Verwendung der Kokapflanze, erklärt aber, eine Nulltoleranz gegenüber Kokain zu haben. Doch die Fähigkeit seiner Regierung, gegen Kriminalität und Korruption anzukämpfen, wird in Frage gestellt. Der Wahrnehmungsindex der Organisation Transparency International stufte Bolivien vergangenes Jahr als das drittkorrupteste Land Südamerikas ein, hinter Venezuela und Paraguay. Morales' Gegner werfen ihm vor, Millionen an staatlichen Mitteln für seinen Wahlkampf ausgegeben zu haben, wodurch er sich einen unfairen Vorteil verschafft habe.

Einer seiner Kritiker, Román Loayza, sagte, er kenne Morales sehr genau. "Wir kämpften und wohnten viele Jahre zusammen und liefen bei vielen Protestmärschen mit", sagte Loayza. "Er ist aber nicht mehr länger der bescheidene Anführer, den wir kannten. Jetzt ist er arrogant, ein strenger Herrscher, der die Macht genießt."

(ap)
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