1. Politik
  2. Ausland

Biden und Putin in Genf: Der Globus in der Mitte

Biden und Putin in Genf : Der Globus in der Mitte

US-Präsident Joe Biden und Russlands Staatschef Wladimir Putin beharken sich auf neutralem Boden bei ihrem Gipfeltreffen in Genf. Beide versuchen aber wenigstens, sich etwas näher zu kommen.

US-Präsident Joe Biden verzieht keine Miene. Seine Augen bilden dünne Schlitze. Auf der anderen Seite postiert sich der Präsident Russlands, Wladimir Putin. Der Herrscher aus Moskau starrt ebenso ausdruckslos in die Kameras. In der Mitte steht Guy Parmelin, der Bundespräsident der Schweiz. Parmelin, ein jovialer Weinbauer aus dem französischsprachigen Teil Helvetiens, begrüßt die beiden Staatsmänner. Das ungleiche Trio verharrt einige Minuten in der Hitze. Die Flaggen der drei Staaten hängen schlaff neben ihnen.

Parmelin verlässt die Szene. Putin und Biden gehen aufeinander zu. Die beiden Staatslenker, die eine lange gegenseitige Abneigung verbindet, schütteln die Hände, lachen. Zum ersten Mal treffen sich die zwei in ihrer Funktion als Staatsoberhaupt. Biden und Putin beginnen ihren Gipfel in Genf, den einige Medien zum Showdown stilisiert haben, mit deutlicher Körpersprache.

Trotz ihrer Ressentiments und geringer Erwartungen, so scheint die Botschaft zu lauten, versuchen die Rivalen es wenigstens, sich gegenseitig etwas näher zu kommen. Schauplatz ist die Villa La Grange, ein schmuckes Schlösschen aus dem 18. Jahrhundert, inmitten eines feudalen Parks. Die Planer aus Washington und Moskau hatten Genf mit Bedacht ausgewählt – liegt die Diplomatenstadt doch auf neutralem Boden, eben in der Schweiz.

In der Bibliothek der Villa treffen sich Biden und Putin zu ihrem ersten Austausch, flankiert von ihren Außenministern. Ein Globus steht zwischen den Staatschefs. Putin sammelt sich, dankt Biden „für die Initiative, sich zu treffen“. Biden scherzt, sagt: „Es ist immer besser, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen.“ Dann verscheuchen Security-Leute die Kameramänner und Journalisten: „It’s over, go away, please.“ Die Türen schließen sich. In den nächsten Stunden wollen vor allem die US-Amerikaner Tacheles reden. „Ich werde gegenüber Präsident Putin klarmachen, dass es Bereiche gibt, in denen wir kooperieren können, wenn er will“, hatte Biden vor dem Genfer Gipfel gesagt, um dann zu drohen: Falls Putin sich entscheide, nicht zusammenzuarbeiten, „dann werden wir reagieren“.

Immerhin: Bei der Rüstungskontrolle sehen Diplomaten gemeinsame Interessen. So stellt sich schon jetzt die Frage, wie die Kontrahenten das „New Start“-Abkommen über strategische Nuklearwaffen 2026 ersetzen wollen. Bei dem Gipfel wird zwischen beiden Seiten auch konkret über Schritte zur Verhinderung eines Kriegs gesprochen. Dazu gehöre es, dass Diplomaten und Militärexperten beider Seiten zu einem „Dialog zur strategischen Stabilität“ zusammenkommen sollten, um die Grundlagen für künftige Rüstungskontrolle und Maßnahmen zur Minderung von Risiken zu schaffen, sagt Biden an diesem Mittwoch. Wann die Gespräche stattfinden sollen, sagt er nicht. Klares Ziel ist aber offensichtlich, Verhandlungen zu einem Nachfolge-Abkommen über Rüstungskontrolle zu ermöglichen, wenn „New Start“ ausläuft.

  • Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.
    Nach G7-Treffen : Nato tagt erstmals mit US-Präsident Biden
  • Der frühere US-Präsident Ronald Reagan (l.)
    Biden und Putin in Genf : Die Mutter aller Gipfeltreffen
  • Die Staatschefs der Nato-Mitglieder in Brüssel.
    Verteidigungsbündnis mit „neuem Kapitel“ : Nato will Russland und China geschlossen in Schach halten

Wie der Kremlchef berichtet, ist an diesem Tag auch über einen möglichen Austausch von Gefangenen gesprochen worden. „Präsident Biden hat dieses Thema in Bezug auf amerikanische Staatsbürger in Gefängnissen der Russischen Föderation angesprochen“, erklärt Putin am Mittwochabend bei seiner Pressekonferenz nach Abschluss des Treffens. Was er darüber hinaus noch zu sagen hat, macht Mut, aber es bleibt – wie bei solchen Anlässen üblich – auch vergleichsweise vage: „Es können gewisse Kompromisse gefunden werden. Das russische Außenministerium und das US-Außenministerium werden in diese Richtung arbeiten.“

Vor dem mit Spannung erwarteten Gipfeltreffen war insbesondere in den USA spekuliert worden, dass sich die Präsidenten darauf einigen könnten, dass die in Russland inhaftierten Amerikaner Paul Whelan und Trevor Reed gegen die in den USA verurteilten russischen Staatsbürger Viktor But und Konstantin Jaroschenko ausgetauscht werden könnten. Biden erklärt am Ende seiner Pressekonferenz, er werde mit Blick auf die inhaftierten US-Bürger in Russland nicht nachlassen.

Überhaupt scheint der Geist dieses Gipfeltreffens durchaus ein konstruktiver zu sein. US-Präsident Joe Biden wird das mehrstündige Zusammentreffen mit seinem russischen Amtskollegen Putin am Ende als „geradeheraus“ bezeichnen. Während der gesamten Zusammenkunft habe ein „guter, positiver“ Ton geherrscht. Es habe Meinungsverschiedenheiten gegeben, gibt er zu Protokoll, diese seien aber nicht in übertriebener Weise vorgetragen worden, betont Biden, als es Abend wird in Genf. Er habe Putin klargemacht, dass die USA auf Handlungen reagieren würden, die amerikanische Interessen beeinträchtigten. „Putin weiß, dass ich handeln werde.“ Drohungen seien aber nicht ausgesprochen worden. Niemand habe Interesse an einem neuen Kalten Krieg. Das klingt in der Tat ermutigend.

(mit ap und dpa)