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Nach dem Blutbad in Newtown: Besuch in einer Schieß-Akademie

Nach dem Blutbad in Newtown : Besuch in einer Schieß-Akademie

Seit dem Blutbad in der Schule von Newtown sind die Schieß-Kurse an der Colonial Shooting Academy ausgebucht und die Wartelisten lang. Waffen werden einladend zum Kauf präsentiert – fast wie Juwelen bei Tiffany's.

Seit dem Blutbad in der Schule von Newtown sind die Schieß-Kurse an der Colonial Shooting Academy ausgebucht und die Wartelisten lang. Waffen werden einladend zum Kauf präsentiert — fast wie Juwelen bei Tiffany's.

Ed Coleman lächelt milde, wie alte Männer eben lächeln, wenn etwas in Mode kommt, was vielleicht bald wieder verschwindet. "Das gibt sich wieder", sagt er über die Versuche Barack Obamas, nach dem Massenmord an der Grundschule von Newtown strengere Waffenkontrollen durchzusetzen. "Ein paar neue Paragrafen, und die meisten bleiben im Kongress auf der Strecke." Coleman erinnert es an das Verbot halbautomatischer Sturmgewehre, 1994 beschlossen und 2004 ausgelaufen.

Er sieht eine Achterbahn, auf der es ständig auf und ab geht, wobei sich an einer Konstante nichts ändert: Amerikanische Freiheitsliebe verbinde sich nun mal mit Waffen, das wüssten Europäer zu wenig zu schätzen: "1776 haben wir unsere Unabhängigkeit mit Kanonen errungen. Das liegt uns im Blut."

Größter Schießplatz in Virginia

Angetan mit ausgewaschenen Jeans und khakifarbenem Hemd, leitet Coleman einen Schießplatz, den größten im Staat Virginia, die Colonial Shooting Academy. Ein Name, in dem mehr als nur ein Hauch Südstaatennostalgie mitweht. Der ockerfarbene Betonklotz liegt am Rande von Richmond, umgeben von Baumärkten, Kosmetikstudios und Arztpraxen, gleichförmigen flachen Klötzen, das typische amerikanische Vorort-Ambiente.

Drinnen zieht Kaffeeduft durch eine helle, luftige Halle. In Glaskästen liegen Pistolen — Glocks und Rugers und Sig Sauers — wie anderswo Uhren oder Juwelen. "Fast wie bei Tiffany's", freut sich Coleman und erzählt, worauf es ihm ankam, als er das frühere Möbelhaus umbaute zu einem Waffenladen mit angeschlossenen 51 Schießbahnen. Nichts sollte den Kundenkreis einengen, nichts die Ladys abschrecken, keine Enge, kein Mief, keine dumpfen Parolen. Einladend sollte es sein, wie bei Tiffany's. Das Geschäft boomt, seit die Academy vor acht Monaten ihre Pforten öffnete.

Wartelisten und Rekordumsätze

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Für die meisten Kurse gibt es lange Wartelisten, und der Schock von Newtown hat den Ansturm nur noch verstärkt. Auf den ersten Blick wirkt es paradox angesichts der Gegenbewegung, die das Blutbad auslöste. Denn die Kritiker lassen diesmal nicht locker. Gabrielle Giffords, die Kongress-Abgeordnete aus Arizona, die wie durch ein Wunder den Kopfschuss eines Geistesgestörten überlebte, wirbt mit einer eigenen Initiative für schärfere Regeln. Die Klatschseite Gawker brach ein Tabu und veröffentlichte eine Liste aller "Arschlöcher, die in New York Waffen besitzen".

Coleman stört es nicht, er freut sich über Rekordumsätze, weil alle mit Restriktionen rechnen und sich noch schnell eindecken wollen. Und wer noch nie geschossen hat, kommt abends zu ihm, um es zu lernen. Reese Haller, einer von Colemans Trainern, liebt schwarzen Humor und ermuntert seine Schüler: "Leute, als Erstes gebt ihr mal eure Knarren ab, dann könnt ihr mich nicht erschießen." Irgendwann wird er seinen Schülern diabolisch grinsend empfehlen, den Revolver nachts nicht unters Kopfkissen zu legen, "das kann unerwünschte Nebenwirkungen haben, glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede".

Ex-Polizist trainiert Anfänger

Nach zwei Stunden Theorie ("Erste Schritte Pistole") führt er seine Klasse in einen Keller, verteilt Pappteller an Stelle von Zielscheiben, dicke Ohrschützer und an jeden 30 Patronen. Haller war Polizist, ein Berufsleben lang. Jetzt bessert er seine Rente auf, indem er Anfängern beibringt, wie man eine Pistole hält — grundsätzlich mit beiden Händen — und dass man besser beraten ist, seine Knarre nicht "bei Omar in der Seitengasse" zu kaufen, weil Omar in der Seitengasse sie gestohlen haben könnte.

"Die bösen Jungs suchen sich die Schwachen als Opfer", sagt Haller. "Die bösen Jungs dürfen nicht siegen. Deshalb sitzen wir hier." Elf Männer und vier Frauen hängen an seinen Lippen. Einer trägt chinesische Tattoos auf den nackten Oberarmen, ein anderer feinen Zwirn und Strickweste.

Ein ehemaliger Marineinfanterist möchte sich noch eine Smith & Wesson oder eine Sig Sauer zulegen, bevor Obama Nägel mit Köpfen macht. Zwei Gewehre hat er bereits im Schrank stehen, nur eben noch keine Pistole — "man weiß ja nie, wozu man so ein Ding braucht".

Margaret Garrett, eine allein lebende Witwe, übt Schießen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlt in den eigenen vier Wänden. Es liegt am Stiefsohn. Der war beim Erben leer ausgegangen, als sein Vater starb, Margarets Mann. Nun, glaubt Margaret, will der Stiefsohn sie aus dem Haus ekeln, am Telefon habe er sie bereits bedroht. Für alle Fälle liegt fortan eine Ruger, zielend mit rotem Laserstrahl, auf ihrem Nachttisch.

(RP/nbe)