Bergarbeiter in de USA klammern sich an Trump

Reportage : Die sich an Trump klammern

Im Kohlerevier von West Virginia stehen die Zeichen trotz Donald Trumps kohlefreundlicher Politik auf Krise. Es herrscht Ernüchterung. Dennoch halten viele fest an diesem Präsidenten, ihrer letzten Hoffnung.

Zwischen all die bunten Bilder im Flur seines Hauses hat Chris Hackney ein großes Schwarz-Weiß-Foto gehängt. Es zeigt Straßenzüge, in denen das Wasser so hoch steht, dass sie nur noch in Booten passiert werden können. Zu sehen ist das überflutete Williamson, eine Kleinstadt im Kohlerevier West Virginias, eigentlich idyllisch gelegen im Tal eines Flusses namens Tug Fork, der nach sintflutartigen Regenfällen über die Ufer trat und eine Seenlandschaft bildete.

„Es war der Tiefpunkt“, sagt Hackney über die Katastrophe im April 1977, die sich tief eingegraben hat ins kollektive Gedächtnis der Region. Damals, erzählt der ehemalige Grubenarbeiter, hätten die meisten noch geglaubt, nach dem Desaster werde es schnell wieder bergauf gehen. Tatsächlich ging es nur noch bergab. Zählte der Ort vor 40 Jahren noch 7000 Einwohner, so sind es heute nur noch knapp 3000. „Das Herz der Milliarden-Dollar-Kohleflöze“ steht auf einer verblichenen Tafel an einem Hang. Von den soliden Backsteingebäuden an der Hauptstraße, parallel zum Tug Fork River, in denen man nach Hackneys Worten einst alles kaufen konnte, was man zum Leben brauchte, stehen etliche leer.

Make America Great Again? Der Mann mit dem akkurat gestutzten Vollbart lächelt nur müde, wenn man ihn darauf anspricht, was Donald Trump im Herbst vor drei Jahren versprach. Im Mingo County, dem Landkreis, in dem Williamson liegt, erhielt der Kandidat Trump 83 Prozent der Stimmen. „Er ist eben ein exzellenter Verkäufer. Er kann dir verkaufen, was immer er möchte“, sagt Hackney, der sich noch gut an die Bilder des letzten Wahlkampfs erinnert. Da stand der Geschäftsmann aus New York auf einer Bühne in Charleston, der Hauptstadt West Virginias, und setzte sich demonstrativ den Helm eines Bergarbeiters aufs Haupt. „Ihr werdet stolz auf mich sein“, rief er in die Arena. „Trump gräbt nach Kohle“, stand auf Plakaten.

Es kam anders, der große Aufschwung ist ausgeblieben. Anfangs, kurz nach dem Machtwechsel im Oval Office, hatte es durchaus nach einem kleinen Aufschwung ausgesehen. Im Süden West Virginias, in den Bergen um Williamson, wird metallurgische Kohle abgebaut. Das ist Kohle, die man nicht zur Energiegewinnung, sondern in Stahlschmelzen verwendet. Sie findet weltweit Abnehmer, vor allem in Asien. Da aber momentan nicht nur der amerikanische Markt gesättigt ist, sondern auch die Asien-Exporte schwächeln, hagelt es in West Virginia schlechte Nachrichten. Ein Unternehmen namens Blackhawk Mining hat angekündigt, dass es im Herzen des Reviers, im Mingo County und im Logan County, drei Gruben dichtmachen wird. 342 Kohlekumpel verlieren ihre Jobs, ungefähr ein Sechstel derer, die in beiden Kreisen noch in Schächte einfahren.

Selbst wenn sie in anderen Branchen Arbeit finden, ist es ein schwerer Schlag für die Gegend. Kein Kleinunternehmer zahlt die 38 Dollar Stundenlohn, die man für Schichten in einem Bergwerk bekommt, und in aller Regel gibt es weder Krankenversicherung noch Betriebsrente. Nach Schätzungen der Energy Information Administration, einer Statistikbehörde, werden in diesem Jahr in den USA zehn Prozent weniger Steinkohle gefördert als im vergangenen. Für 2020 rechnen die Experten mit einem Minus von elf Prozent gegenüber 2019. Der Hauptgrund: Kohlekraftwerke gehen vom Netz, weil sie gegen billiges, im Zuge des Fracking-Booms reichlich vorhandenes Erdgas nicht bestehen können.

Hackney glaubt nicht mehr an den von Trump beschworenen Höhenflug. Aber er kann verstehen, warum sich viele an das Versprechen klammern. „Wenn jemand sagt, wir werden wieder groß, dann brennt im Fenster immer noch diese Kerze der Hoffnung. Du willst nicht, dass sie erlischt.“ Er hat selber unter Tage malocht, wie schon sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater. Hackney war weggezogen aus Williamson, um im Nachbarstaat Kentucky Ingenieurwissenschaften zu studieren. An der Uni lernte er seine spätere Frau Jessica kennen, ihr erstes Kind wurde geboren, das Netzwerk der Großfamilie daheim ersparte ihnen teure Babysitter. Also ging es zurück, zurück auch in den Schacht.

Bis 2015 fuhr er dort ein. Dann kauften Chris und Jessica ein altes Haus, eines der ältesten in Williamson, um es zu renovieren. Nun werben sie damit, dass man bei ihnen wohnen könne wie im 19. Jahrhundert. Touristen kommen, um in Geländewagen über steile, oft schlammige Wege zu holpern, auf den Spuren eines blutigen Konflikts zwischen zwei hartnäckig verfeindeten Familienclans, den Hatfields und den McCoys, deren Fehde bereits Stoff für mehrere Hollywoodfilme bot. Man könnte sagen, dass die Hackneys die Zukunft in der Vergangenheit sehen.

Die Fahrt von Williamson nach Logan, rund 50 Kilometer, führt durch eine traumhaft schöne Landschaft. Links und rechts die herbstbunten Wälder der Appalachen, in den Dörfern postkartenschöne Kirchen, roter Backstein mit weißen, pfeilschlanken Türmchen. Hier und da Reklame nach der Zeile eines Country-Songs: „Almost Heaven, West Virginia“. Nur telefonieren kann man nicht, denn irgendwo ist nach einem Sturm ein Kabel gerissen oder ein Mast umgestürzt, sodass die Kommunikation tagelang zum Erliegen kommt. Die veraltete, anfällige Infrastruktur: Danny Godby weiß, dass sie potenzielle Interessenten davon abhält, in der Stadt Logan zu investieren.

Eine andere Barriere ist das Drogenproblem. Man kann nicht sicher sein, dass man genügend Arbeitskräfte findet, die einen Drogentest bestehen. Die Opioid-Epidemie ist zwar abgeflaut, dafür grassiert nun die Sucht nach Methamphetamin, einem Pulver, das den Körper ausmergelt, Gehirnzellen zerstört, Halluzinationen und schwere Depressionen auslösen kann. Und weil Drogenbesitz grundsätzlich mit Freiheitsentzug bestraft wird, ist die Zahl der Inhaftierten rasant gestiegen – aktuell die größte Sorge im Rathaus von Logan. Godby, einst Baseballprofi, heute für den Etat zuständig, hatte zu Jahresbeginn noch 100.000 Dollar pro Monat dafür veranschlagt. Tatsächlich sind die Kosten auf mehr als 160.000 Dollar im Monat gestiegen, sodass er vor wenigen Tagen die Reißleine ziehen musste. Um die Gefängnisrechnung bezahlen zu können, hat Logan County einen Einstellungsstopp für öffentlich Bedienstete verhängt.

Jim Winkler, Besitzer eines auf Bergwerkspumpen spezialisierten Reparaturbetriebs, hat seinerzeit auf der Wahlkampfbühne direkt hinter Trump gestanden. Noch heute erzählt er davon voller Stolz. Der Präsident, lobt Winkler, tue, was er könne, an ihm liege es nicht. Er habe Umweltauflagen gelockert und alles aus dem Weg geräumt, was der Kohleindustrie das Leben schwer gemacht habe. Er sei ja kein Dinosaurier, er wisse um den Wert der Diversifizierung. „Aber im Augenblick ist die Kohle das, was wir hier haben. Wir können unmöglich auf sie verzichten.“

Art Kirkendoll ist ein Urgestein der Demokratischen Partei. Früher saß er für die Demokraten im Senat West Virginias, heute berät er die Verwaltung im Logan County. Der 68-Jährige hat noch Zeiten erlebt, von denen es hieß, die Blauen, die Demokraten, könnten bei Wahlen einen Esel ins Rennen schicken, selbst der würde gegen die Roten, die Republikaner, gewinnen. Heute klingt er wie der republikanische Präsident, der im Weißen Haus regiert. Nur dass er von Trump eine noch härtere Gangart einfordert. Vor allem gegenüber China, das sich nicht an Spielregeln halte, sodass es die Amerikaner, die jede Regel befolgten, mit einem Konkurrenten zu tun hätten, der den Ball nur bergab zu rollen brauche, während sie ständig bergauf spielen müssten. Kommt Kirkendoll erst in Fahrt, redet er beinhartem Protektionismus das Wort.

Chris und Jessica Hackney, ein ehemaliger Bergmann und seine Frau, vor ihrem Haus in Williamson. Foto: Frank Herrmann

„Würden wir unsere Grenzen abriegeln, unsere Häfen schließen, wir wären das einzige Land der Erde, das auch so zurechtkäme“, glaubt er. Schließlich gebe es nichts, was es in Amerika nicht gebe, fossile Brennstoffe im Überfluss eingeschlossen. Das Land bräuchte nichts zu importieren, es wäre unabhängig. „Aber unsere Politiker sitzen nur da und lassen sich vom Rest der Welt vorschreiben, was wir zu tun haben.“ Trump unterscheide sich da schon ein wenig von seinen Vorgängern im Amt. Aber auch er, findet Art Kirkendoll, könnte energischer sein.