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Baumwolle der Schande: Zwangsarbeit in Usbekistan

Menschenrechte : Baumwolle der Schande

Viele Jahre wurden in Usbekistan Hunderttausende zur Arbeit in den Feldern gezwungen. Die Abschaffung dieser Praxis fällt schwer.

„Zwangsarbeit gibt es hier nicht mehr“, sagt Sherzod Kudbiev mit zufriedener Miene. „Sie ist jetzt rechtswidrig. Und wir tun alles, damit sie auch nicht trotzdem passiert.“ Der bullige Mann verschränkt die Arme und lehnt sich in seinen gepolsterten Stuhl. Vor dem dunklen Himmel im Zentrum von Taschkent, der sich hinter der Fensterscheibe zeigt, wirkt er wie eine Mischung aus kompromisslosem Türsteher und mächtigem Strategen. Immerhin haben sie hier, in seinem Arbeitsministerium von Usbekistan, vor Kurzem dieses große Problem aus der Welt geschafft. „Das hat uns lange Stunden gekostet“, gesteht der Minister. „Aber es war alle Mühe wert.“

Denn endlich, das erwähnt Sherzod Kudbiev gern, werden die Bemühungen auch im Ausland honoriert. „Große Fortschritte“ attestierte etwa die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) nach monatelanger Beobachtung in einem Bericht letzten November. Ebenso lobte die EU zuletzt die Reformen in dem lange Zeit verschlossenen Land. 

Usbekistan, das mit 32 Millionen Einwohnern größte Land Zentralasiens, befindet sich auf Wiederbelebungskurs. Über Jahre war die Agrarnation durch eine Abschottungspolitik, die der ab dem Zerfall der Sowjetunion 1991 regierende Diktator Islam Karimov betrieb, international isoliert. Seit aber mit dessen plötzlichem Tod im Herbst 2016 der vorige Premierminister Shavkat Mirziyoyev die Präsidentschaft übernahm, geht ein überraschend frischer Wind durchs Land. Politische und ökonomische Reformen sind im Gange. Überall ist man derzeit guter Dinge, dass bessere Zeiten bevorstehen.

Die Ministerposten hat der neue Präsident mit jüngeren Personen besetzt, die dem Land auch dank ihrer geringeren Vorbelastung aus dem alten System neues Leben einhauchen sollen. Die Grenzen zu den Nachbarländern wurden schon geöffnet. Die Medien sollen unabhängiger, die Wirtschaft soll liberalisiert werden. Und was dem Ansehen Usbekistans besonders geschadet hat, die tief verwurzelte Praxis der Zwangsarbeit, soll ein Ding der Vergangenheit sein.

Es ist die wohl wichtigste Aufgabe für den erst 37-jährigen Sherzod Kudbiev. Und vielleicht die schwierigste. Kaum ein Land der Welt hat in einem seiner bedeutendsten Wirtschaftssektoren so systematisch die Menschen- und Arbeiterrechte der eigenen Bevölkerung verletzt wie Usbekistan. In der zumeist staatlich betriebenen Baumwollernte, die Usbekistan zum achtgrößten Produzenten und fünftgrößten Exporteur dieses Rohstoffs weltweit macht, sind über Jahrzehnte Menschen zum Pflücken gezwungen worden.

Von den 2,6 Millionen Pflückern, die nach wie vor jedes Jahr von Mitte September bis Ende November auf den Feldern die weißen Blüten mit den Händen sammeln, stufte die ILO noch 2017 rund 14 Prozent als Zwangsarbeiter ein. Demnach mussten gut 360.000 Menschen, mehr als ein Prozent der Bevölkerung, gegen ihren Willen in den Feldern arbeiten. Bis vor einigen Jahren waren auch regelmäßig Minderjährige betroffen. Selbst aus der sonst eher pragmatischen Kleidungsindustrie haben sich an die 300 Unternehmen zusammengetan, von Adidas über H&M bis Zara, die den Handel mit usbekischer Baumwolle aus diesem Grund bis auf Weiteres ablehnen.

Doch glücklicherweise gebe es neue Tatsachen, ist im Arbeitsministerium zu vernehmen. Für Sherzod Kudbiev, der erst Mitte 2018 vom Bezirksbürgermeister in Taschkent auf seinem aktuellen Posten katapultiert wurde, lag die Lösung in simplen Prinzipien. Den ausgebildeten Makroökonomen nervt es ein wenig, die Sache noch einmal zu erklären, aber für das Ansehen seines Landes tut er es doch. Von einem Assistenten lässt sich Kudbiev einen Zettel mit Details bringen und liest vor: „Wir fördern betriebswirtschaftliche Strukturen auf den Baumwollfeldern und schaffen Steueranreize für eine hohe Produktion. Die Löhne für die Ernte haben wir mit Subventionen erhöht, damit sich genügend Freiwillige finden.“ Ökonomisch ergebe es einfach keinen Sinn mehr, Menschen zum Schuften zu zwingen.

Es gehört zu den unangenehmen Fakten in Usbekistans Geschichte, dass diese Praxis erst im letzten Vierteljahrhundert eine Renaissance erlebte. Nachdem das Land, das zu Zeiten der Sowjetunion ein wichtiger Agrarproduzent war, mit dem von Moskau ausgehenden Zerfall des Sozialismus ab 1991 unabhängig wurde, fehlten bald intakte Maschinen für eine breitflächige Bearbeitung der Felder. So wurden für die vom Staat gesetzten Produktionsziele wieder vermehrt menschliche Hände benötigt.

Doch während sich für die erste Ernterunde im September noch meist genügend motivierte Pflücker finden ließen, die bei Löhnen von zuletzt umgerechnet sechs Cent pro Kilogramm rund sechs Euro am Tag einnehmen konnten, raffte sich gen Ende der Erntezeit, wenn die Pflanzen nur noch ein Zehntel der Blüten hergeben, auch gegen eine kleine Lohnerhöhung kaum noch jemand auf. Zu hart die täglichen Schichten, die oft von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends reichen, zu gering der Lohn. So zwangen die lokalen Gebietskörperschaften vor allem staatliche Institutionen wie Krankenhäuser und Universitäten unter Androhung von Kündigungen, Personal für die Ernte abzustellen.

In usbekischen Medien, wenngleich diese auch etwas freier geworden sind, wird über das Thema so gut wie nicht berichtet. Das ist wiederum beachtlich, da schon der letzte ILO-Bericht nur auf einen Anteil freiwilliger Feldarbeit von 93 Prozent kam. Und ein Mitarbeiter einer ausländischen Nichtregierungsorganisation, die in Taschkent ein Büro hat, erklärt unter Bedingung der Anonymität: „Wir wissen, dass auch 2018 wieder mit Zwangsarbeit geerntet wurde. Wir haben es selbst gesehen.“

Einige Tausend Kilometer entfernt von Taschkent wird das Bild noch deutlicher. An einem kalten Januarmorgen breitet Umida Niyazova in einem Café an der Warschauer Straße in Berlin-Kreuzberg Dokumente aus. „Es ist nicht vorbei“, sagt die usbekische Menschenrechtsaktivistin, die ihr Land nach einer kurzen Gefängnisstrafe im Jahr 2008 verließ und aus Angst vor Verfolgung nie zurückkehrte. In Berlin gründete sie das durch UN-Gelder unterstützte Usbekisch-Deutsche Forum für Menschenrechte. Niyazova hat behördliche Papiere von 2018 im Gepäck, die wie in vorigen Jahren von lokalen Betrieben Arbeiter für die Ernte forderten. Ein internes Schreiben vom 18. September mit dem Aktenzeichen „Anordnung 878“ aus Metallurgiebetrieb Uzmetkombinat JSC in der Taschkenter Region beruft sich auf eine behördliche Weisung: „Um die Baumwollernte im Bezirk Bekabad zu unterstützen, ordne ich die Abstellung von 3200 Personen an.“

Weitere Papiere, die Umida Niyazova von Informanten in Usbekistan bezieht, dokumentieren das gleiche Vorgehen. Solche Rhetorik erinnert die Frau an ihre eigene Jugend. „Mitte der 90er Jahre wurde ich als Studentin auch zweimal ins Feld geschickt. Es war hart. Stundenlang mussten wir uns bücken, am Ende taten die Hände weh. Dann mussten wir in einer Hütte bei den Feldern schlafen, am nächsten Morgen ging wieder alles von vorne los.“ Niyazova erklärt das Phänomen damals wie heute durch eine Kombination aus Plan- und Mangelwirtschaft: „An vielen Stellen werden Produktionsziele noch immer staatlich vorgegeben, und wenn diese nicht erreicht werden können, müssen immer frische Hände her.“

Aber Umida Niyazova betont: „Die Dinge haben sich verbessert, die Zahlen sind geringer geworden.“ Sie sei auch vorsichtig optimistisch, dass es unter dieser Regierung weitere Verbesserungen geben werde. Immerhin rede man nun miteinander, und die Behörden antworteten auf kritische Fragen.