Bagdad öffnet Grüne Zone

Mauerfall : Bagdad öffnet Grüne Zone

Erstmals seit 16 Jahren ist das symbolträchtige Gebiet in der irakischen Hauptstadt wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Es ist früh am Morgen. Bagdad wirkt ausgestorben. Die sechs Millionen Einwohner der irakischen Hauptstadt schlafen noch. Es ist der erste Tag der dreitägigen Feierlichkeiten nach dem Ende des Ramadan. Gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brennt, werden sie an den Platz ziehen, der jahrelang für die Bagdader nahezu unzugänglich war: die Grüne Zone. 30 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin, fallen nun in Bagdad die Mauern. Am Dienstag wurden die letzten Betonblöcke um den gesicherten Regierungsbezirk abgebaut. Die Bevölkerung erhielt freien Zugang zu den gut zehn Quadratkilometern, die bis dahin eine No-go-Zone war.

„Wir werden keine Zeremonie haben“, sagt einer der diensthabenden Offiziere der irakischen Armee am berühmtberüchtigten Denkmal der „Schwerter des Sieges“, das bislang von hohen T-Walls umgeben war. So heißen hier die Betonstehlen nach Berliner Art, weil ihr Fuß nach unten gespreizt ist. Nur die Schwerter selbst, die zwei 40 Meter hohe Bögen formen, ragten über die Mauern hinaus. Saddam Husseins bronzene Hände links und rechst waren nicht zu sehen. Jetzt ist alles frei zugänglich. Man kann unter und zwischen den Schwerterbögen flanieren. Das Monument wurde aus den Resten irakischer Waffen und Panzern aus dem ersten Golfkrieg (1980 – 1988) gegen den Iran gegossen.

Der blutige Krieg mit über einer Million Toten endete als Patt mit einem Waffenstillstand, den Saddam Hussein für sich als Sieg beanspruchte. Das Stützgerüst der Hände und die Schwerter aus Edelstahl kommen aus Deutschland, die Außenkontur der Hände aus Bronze wurde in England gegossen. Noch heute bewahrt die Gießerei den original Daumenabdruck Saddam Husseins auf, der für die Hände Modell stand. „Die Öffnung der Grünen Zone soll ruhig vonstatten gehen, ohne großes Aufsehen“, sagt der Offizier der irakischen Armee noch und zieht sich zurück unter seinen Sonnenschutz, der wie ein kleiner Carport aussieht.

Mit der Öffnung der Grünen Zone hat Iraks Premierminister Adel Abdul Mahdi sein Versprechen eingelöst, das er bei seinem Amtsantritt im Oktober vergangenen Jahres gegeben hat. Der Bezirk soll ein normales Stadtviertel von Bagdad werden. Seit November wurde Schritt für Schritt abgebaut: Checkpoints aufgelöst, Stacheldraht entfernt, Betonblöcke auf Tieflader geladen und abgefahren. Hundertausende sollen es gewesen sein. Allein in den vergangenen zwei Monaten hat Bagdads Stadtverwaltung 10.000 Mauerteile abfahren lassen, wie ein Angestellter berichtet. Die Betonblöcke wurden zum Militärflughafen Al Muthana im Zentrum von Bagdad gefahren und dort abgekippt. Einige von ihnen finden Wiederverwertung in einem Ring, der derzeit um die Stadt gezogen wird, um Terroristen vor dem Eindringen zu hindern. Andere dienen dem Hochwasserschutz. Wieder andere werden als Baumaterial für Silos verwendet.

Die hoch gesicherte Zone war teuer. Zwischen 300 und 800 US-Dollar kostete ein Mauerteil, je nach Tiefe und Durchmesser. Übrig bleiben jetzt nur noch Teile unmittelbar vor den Ministerien und vor dem ehemaligen Palast Saddam Husseins, der vom amerikanischen Administrator Paul Bremer bewohnt wurde und seit dessen Abgang vom irakischen Premierminister genutzt wird. Auch die US-Botschaft, die sich – neu gebaut – entlang des Tigrisufers zieht, wird auf absehbare Zeit noch von Mauern umgeben sein. Die Straße dorthin ist abgesperrt. Passieren darf nur, wer einen speziellen Ausweis hat. Auch irakische Anwohner müssen diesen vorzeigen, wenn sie zu ihren Häusern wollen.

Mit dem Fall der Mauern um die Grüne Zone in Bagdad geht eine Ära zu Ende. Schon Saddam Hussein hat sich und seinen innersten Kreis dort eingemauert. Ihre größte Ausdehnung aber fand die Grüne Zone unter der amerikanischen Besatzung, als der Terror außerhalb tobte und Bagdad zur roten, blutigen Zone wurde. In der Grünen Zone war man halbwegs sicher. Botschaften und amerikanische Firmen wie Halliburton oder K&B siedelten sich ebenso dort an wie irakische Spitzenpolitiker. Der Irak wurde aus einer Blase heraus regiert. Eine Stadt in der Stadt entstand, mit eigenen Supermärkten, Restaurants, Cafés. Diejenigen, die dort nicht wohnten oder arbeiteten, hatten keinen Zugang. Und die, die dort wohnten, kamen nur selten raus. Parallelwelten entstanden. Eine Situation, die durch die verbesserte Sicherheitslage nicht mehr zu rechtfertigen war. Als 2016 die Grüne Zone von Demonstranten gestürmt wurde, diese über die Mauerteile kletterten und sich auf die Sitze des dortigen Parlaments setzten und Mitbestimmung forderten, wurde klar, dass etwas geschehen muss.

Einen Kilometer von den Schwertern entfernt stehen drei Polizisten im Schatten einer Akazie an der Kreuzung, wo alle großen Straßen der Grünen Zone sternförmig zusammenlaufen. „Klar“, sagen die zwei jüngeren, „ist das toll, dass die Mauern weg sind und die Leute nicht mehr stundenlang durch Sicherheitskontrollen müssen, um hierher zu kommen“. Der eine der beiden war elf Jahre alt, als Saddam Hussein 2003 von US-Besatzungstruppen gestürzt wurde.

Er kennt die Grüne Zone nur als Hochsicherheitstrakt. Es sei ein völlig neues Gefühl, jetzt hier Dienst zu tun, meint der andere. Der ältere im Kreise ist dagegen nachdenklich. Er hat Zweifel wegen der Sicherheitslage. Wenn sich der Konflikt zwischen Amerikanern und Iranern weiter zuspitze, sagt er, würden sie es hier in der ehemaligen Grünen Zone sofort zu spüren bekommen.

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