Hintergrund zu Krawallen in Den Haag Warum Eritreer immer wieder gewaltsam aneinander geraten

In Den Haag ist es zwischen eritreischen Gruppen zu Ausschreitungen und Randale gekommen. Auch in Deutschland hat es schon Konflikte mit Angriffen auf die Polizei gegeben. Doch was sind die Gründe für die gewalttätigen Auseinandersetzungen?

Den Haag: Schwere Ausschreitungen bei Eritreer-Treffen
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Schwere Ausschreitungen in Den Haag

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Foto: dpa/Wil Looijestijn

Bei Ausschreitungen bei einem Treffen von Eritreern in den Niederlanden sind in der Nacht zum Sonntag mindestens vier Polizisten verletzt worden. Während der Krawalle in der Hauptstadt Den Haag „wurden Steine, Feuerwerk und andere Gegenstände auf Polizisten und die Feuerwehr geworfen“, erklärte die Polizei. „Mehrere Randalierer hatten Waffen, um damit Leute zu schlagen.“ Spezialeinheiten der Polizei setzten Tränengas ein. Zwei Polizeiautos und ein Reisebus brannten aus. Weitere Personenwagen wurden schwer beschädigt, ebenso das Veranstaltungsgebäude, in dem eine der Gruppen ein Treffen organisiert hatte. Einigen Teilnehmern wurde durch die Hitze der Brände in der Veranstaltungshalle schlecht.

Den Polizeiangaben zufolge handelte es sich um rivalisierende Gruppen von Kritikern und Unterstützern der Regierung des ostafrikanischen Landes, die in Den Haag an einem Treffen teilnahmen. Die Randalierer setzten demnach zwei Polizeiautos sowie einen Reisebus in Brand. „Aus dem Nichts waren unsere Kollegen mit sehr intensiver und schwerer Gewalt konfrontiert“, sagte Polizeikommandeurin Marielle van Vulpen. Die Polizei nahm mehrere Menschen fest. Der Bürgermeister verhängte am Ort der Krawalle den Notstand, was der Polizei weiterreichende Befugnisse gab.

Hintergründe des Konflikts

Das am Horn von Afrika gelegene Land wird seit 1993 von Präsident Isaias Afwerki mit harter Hand regiert und gilt als eines der am stärksten abgeschotteten Staaten der Welt. Bei Pressefreiheit, Menschenrechten und wirtschaftlicher Entwicklung rangiert das Land weltweit auf einem der hintersten Plätze. Isayas Afewerki regiert in einer Ein-Parteien-Diktatur das Land. Parteien sind verboten, die Meinungs- und Pressefreiheit stark eingeschränkt. Es gibt weder ein Parlament noch unabhängige Gerichte oder zivilgesellschaftliche Organisationen. Zudem herrscht ein strenges Wehrdienst- und Zwangsarbeitssystem, vor dem viele Menschen ins Ausland fliehen. In Deutschland leben rund 80.000 Eritreer.

Vorherige Zusammenstöße

In letzter Zeit hatte es bereits in Deutschland und anderen Ländern immer wieder schwere Gewalt bei Treffen von Eritreern gegeben. Dabei trafen Unterstützer und Gegner der Regierung in dem Land am Horn von Afrika aufeinander. Im September kam es am Rande einer von eritreischen Vereinen aus der Region Stuttgart organisierten Veranstaltung zu teils massiver Gewalt, die nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Gegnern der eritreischen Staatsführung ausging. Dabei wurden 39 Polizisten und mehrere Teilnehmer der Veranstaltung verletzt. Es gab darüber hinaus insgesamt 228 Festnahmen. Im vergangenen Sommer wurden im hessischen Gießen 26 Polizisten bei Krawallen auf einem Eritrea-Festival verletzt. Nur wenige Wochen später gab es im schwedischen Stockholm 50 Verletzte bei einem Fest von Eritreern. In Tel Aviv wurden im September Dutzende Menschen verletzt, als ein Protest von Gegnern der eritreischen Regierung gegen eine Veranstaltung in der Botschaft des Landes in Gewalt umschlug.

Seit wann gibt es Eritrea?

Das ostafrikanische Eritrea liegt im Nordosten Afrikas am Roten Meer und spaltete sich 1993 nach einem drei Jahrzehnte währenden Krieg von Äthiopien ab und wurde unabhängig. Dort leben rund drei Millionen Menschen. Der Unabhängigkeit ging ein jahrzehntelanger Krieg voraus.

Lebensbedingungen in Eritrea

Etwa jeder zweite Mensch lebt in Eritrea unterhalb der Armutsgrenze. Die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen sind Gründe für Menschen zu fliehen — nach Europa, aber auch in andere Länder wie Sudan, Äthiopien, Jemen oder Israel. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist nicht zuletzt wegen der verbreiteten weiblichen Beschneidung eine der höchsten der Welt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterscheidet vier Typen von Genitalverstümmelung, die schwerste davon wird auch in Eritrea angewendet. Dabei wird teilweise nach der Beschneidung die Vagina bis auf eine kleine Öffnung für Urin und Blut zugenäht. In Eritrea, aber auch in Dschibuti und Somalia sind fast alle Mädchen nach dieser extremsten Form beschnitten, die Infibulation genannt wird.

Eritrea und die äthiopische Provinz Tigray

Tigray hat rund 5,5 Millionen Einwohner und war Schauplatz eines zweijährigen Bürgerkrieges zwischen der äthiopischen Bundesregierung und einheimischen Kräften, bei dem Hunderttausende getötet oder in Nachbarregionen vertrieben wurden. Eritrea war der wichtigste Verbündete der äthiopischen Bundestruppen. Der Krieg endete im November 2022 mit einem Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Rebellen, das Eritrea aber nicht unterzeichnete. Laut Informationen vom Tigray Food Cluster, einem Zusammenschluss von Hilfsorganisationen und unter anderem von den Vereinten Nationen geführt, hieß es, eritreische Truppen kontrollierten Teile der Bezirke Shimblina und Ademeyti vollständig oder patrouillierten dort, so dass Vertriebene nicht in ihre Häuser in der Gegend zurückkehren und ihre Felder nicht bestellen könnten. Die äthiopische Armee sei nicht in der Lage, sie zu schützen. Eritreische Truppen haben nach Angaben von Hilfsorganisationen in der äthiopischen Unruheregion Tigray wiederholt Bauern entführt und Vieh gestohlen.

(mso/afp/dpa)
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