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Selbstmordanschläge: Attentat-Serie im Irak - 400 Tote

Selbstmordanschläge : Attentat-Serie im Irak - 400 Tote

Mossul (RPO). Die Zahl der Todesopfer nach den Selbstmordanschlägen im Nordirak ist nach Angaben der Behörden auf 400 gestiegen. Selbstmordattentäter hatten beim bisher schwersten Anschlag dieses Jahres zudem hunderte weitere Menschen verletzt.

Die vier Attentäter richteten mit der nahezu gleichzeitigen Explosion von Autobomben ein Blutbad in den Siedlungen der Jesiden westlich von Mossul an. Die Zahl der Opfer werde vermutlich noch steigen, erklärte der Bürgermeister der nahegelegenen Stadt Sindschar, Dhakil Kassim.

Die Anschläge richteten sich gegen Angehörige der traditionellen Jasidi-Sekte. Die rund eine halben Million Mitglieder, auf Deutsch auch als Jesiden bekannten Jasidi-Minderheit, sprechen kurdisch. Ihr Glaube ist älter als der Islam. Sie verehren Gott und die Propheten aus Bibel und Koran. Ihre Gebete richten sich aber vor allem an den obersten Erzengel Melek Taus, der oft als Pfau dargestellt wird. Dieser Engel ist in anderen Religionen als Luzifer oder Satan bekannt; daher rührt das Missverständnis, die abgeschieden lebenden Jesiden seien Teufelsanbeter.

Ihre Mitglieder sind zumeist Kurden. Die extremistische Organisation Islamischer Staat im Irak hat die Bewohner der Region vor einer Woche auf Flugblättern vor einem Anschlag gewarnt und die Jesiden als anti-islamisch bezeichnet. Auf irakischen Webseiten wurde außerdem ein Video verbreitet, das die Steinigung einer 18-Jährigen im April zeigen soll, die zum Islam übergetreten war.

Die Bomben explodierten am Dienstagabend in Wohnsiedlungen bei Kahatanija, 120 Kilometer westlich von Mossul. Mindestens 30 Häuser wurden zerstört, wie der höchste Regierungsvertreter in dieser Region mitteilte, Abdul Rahman al Schimiri. Helfer suchten mit Schaufeln und bloßen Händen in den Trümmern nach weiteren Opfern, sagte Bürgermeister Kassim. Die endgültige Zahl der Opfer werde möglicherweise erst in zwei Tagen feststehen.

Augenzeugen zufolge brachten US-Hubschrauber Verletzte in Krankenhäuser ins 100 Kilometer entfernte Dahuk. Neben Rettungswagen würden auch Privatautos eingesetzt, teilte die Polizei mit. Der 40 Jahre alte Ghassan Salim berichtete, viele Verletzte seien in der Garage der überfüllten kleinen Klinik oder auf der Straße untergebracht.

Der 30-jährige Chadir Schamu sagte, er habe mit einem Freund im Zentrum von Tal Asir den Abend genossen, als Explosionen die Stille zerrissen. "Mein Freund und ich wurden hoch in die Luft geschleudert", sagte Schamu. "Ich weiß immer noch nicht, was ihm zugestoßen ist. Etwas später spürte ich, wie ich von Leuten zu einer Ambulanz getragen wurde." In dem Rettungswagen seien zwölf Verletzte gewesen, darunter ein Mann, dem beide Beine abgerissen worden seien. Nach eineinhalb Stunden qualvoller Fahrt sei er dann im Krankenhaus von Dahuk eingetroffen.

Sunnitische Rebellen drohten den Angehörigen der Religionsgruppe daraufhin mit Rache. Zwei Wochen nach der Steinigung der jungen Frau töteten Bewaffnete 23 Jesiden, nachdem sie ihren Bus gestoppt hatten. Am Dienstag waren in die Leichenhalle in Kirkuk die Leichen von zwei Jesiden eingeliefert worden, die zu Tode gesteinigt worden waren.

Bürgermeister Kassim machte die Terrororganisation Al Kaida im Irak für die Anschläge verantwortlich. "Die angegriffenen Leute sind arme Jesiden, die mit dem bewaffneten Konflikt nichts zu tun haben", sagte Kassim.

Der Terrorakt vom Dienstagabend war der schwerste seit dem 23. November vergangenen Jahres. Damals wurden bei der Explosion von fünf Autobomben 215 Bewohner von Sadr City getötet, einem schiitischen Stadtteil von Bagdad.

US-Militärhubschrauber abgestürzt

Beim Absturz eines Militärhubschraubers kamen fünf US-Soldaten ums Leben. Der Helikopter vom Typ Chinook CH-47 sei in der Unruheprovinz El Anbar abgestürzt, teilte die US-Armee mit. Eine Untersuchung solle die Absturzursache klären. In El Anbar sind sunnitische Rebellen aktiv. Zuvor hatte die US-Armee bereits mitgeteilt, dass in Ninewe sowie im Westen von Bagdad am Montag und Dienstag fünf US-Soldaten ums Leben gekommen seien.

Das Weiße Haus prangerte die Anschläge als "barbarisch" an. "Wir verurteilen diese barbarischen Anschläge auf unschuldige Zivilisten", sagte die Sprecherin von US-Präsident George W. Bush, Dana Perino, am Dienstagabend (Ortszeit) in Crawford (US-Bundesstaat Texas). Mit den Attentaten zeigten Extremisten, dass sie zum Äußersten bereit seien, um die Entwicklung des Iraks hin zu einem stabilen und sicheren Land zu stoppen.

Die Anschläge forderten Angaben der Behörden zufolge mindestens 175 Menschenleben. Damit zählt die Attentatserie zu den folgenschwersten seit dem Einmarsch im Irak 2003. Noch höher war die geschätzte Opferzahl mit mindestens 202 Toten und 256 Verletzten am 23. November 2006 bei den Attentaten von Sadr City. Am 2. März 2004 hatte es mehr als 170 Tote und 550 Verletzte bei Attentaten auf die den Schiiten heilige Stadt von Kerbala und eine Bagdader Moschee gegeben.

Der Chef der US-Landstreitkräfte, General George Casey, lobte unterdessen die Arbeit der US-Armee im Irak. "Als ich dort war, gab es jeden Tag Fortschritte (...) und die Fortschritte gehen weiter", sagte der frühere US-Oberkommandierende im Irak. Zugleich betonte er die Verantwortung der irakischen Bevölkerung. Noch sei unklar, "ob die Iraker diese Gelegenheit ergreifen, um zu den für einen Erfolg notwendigen politischen Voraussetzungen zu kommen". Da das Land über Erdöl, Wasser und fruchtbares Land verfüge, seien große Fortschritte möglich, sagte Casey.

Unterdessen sollte der Vizepräsident Tarek el Haschemi mit weiteren Kurdenführern zusammenkommen, um einen Krisengipfel zur Rettung der irakischen Einheitsregierung vorzubereiten. Der Sunnit Haschemi hatte am Dienstag bereits mit dem Präsidenten der kurdischen Autonomieverwaltung im Nordirak, Massud Barsani, gesprochen. Das Bündnis kurdischer Politiker ist die zweitstärkste Kraft im Parlament in Bagdad.

Es gilt auch als wichtigster Vermittler zwischen der von Schiiten dominierten Koalition um Ministerpräsident Nuri el Maliki sowie der sunnitischen Minderheit. Der Krisengipfel der wichtigsten irakischen Gruppierungen soll noch diese Woche stattfinden. Ein genaues Datum ist noch nicht bekannt.

(afp)