Bürgerkrieg in Syrien: Assads Armee nimmt Damaskus unter Beschuss

Bürgerkrieg in Syrien : Assads Armee nimmt Damaskus unter Beschuss

Mit Unterstützung von Panzern und Hubschraubern hat die syrische Armee am Mittwoch den Süden von Damaskus angegriffen. Dabei wurden in zwei Stadtteilen nach Darstellung von Oppositionellen mindesten 40 Menschen getötet. Die Soldaten würden gezielt Jagd auf Männer machen, um sie hinzurichten. Bewohner sprachen vom schwersten Beschuss der Gegend in diesem Monat.

Der Angriff habe sich offenbar gegen Rebellen gerichtet, die die beiden Stadtteile in den vergangenen Tagen als Deckung benutzt hatten, um den Militärflugplatz Masseh mit Mörsern anzugreifen, berichtete ein Aktivist. Kämpfe wurden auch aus der Wirtschaftsmetropole Aleppo und dem Grenzgebiet zum Irak gemeldet. Die Auseinandersetzungen griffen erneut auch auf die nordlibanesische Hafenstadt Tripoli über. "Der Lärm des Bombardements erschüttert ganz Damaskus", sagte eine Frau in Kafar Sussa, einem der angegriffenen Stadtteile von Damaskus. In ihrem Viertel wurden nach Angaben der Oppositionellen mindestens 22 Menschen getötet, in einem Nachbargebiet 18. Die Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte bestätigte, dass in Kafar Sussa zwölf Tote gegeben hat.

Die in Großbritannien ansässige Organisation berichtete außerdem, dass am Mittwoch, drei junge Männer in Damaskus ums Leben kamen, als ein Sprengsatz in ihrem Auto explodierte.Unklar blieb, ob es sich um einen Anschlag handelte oder ob der möglicherweise für ein anderes Ziel gedachte Sprengsatz versehentlich explodierte.

Soldaten sollen Journalist getötet haben

Die Streitkräfte von Präsident Baschar al-Assad gingen offenbar in großer Zahl vor. "Jetzt sind 22 Panzer in Kafar Sussa und hinter jedem stehen mindestens 30 Soldaten. Sie stürmen Häuser und richten Männer hin", sagte ein Oppositioneller, der sich Bassam nannte. Andere Assad-Gegner berichteten, Soldaten hätten einen mit dem Volksaufstand sympathisierenden Journalisten aus nächster Nähe erschossen.

In der südwestlich von Damaskus gelegenen Vorstadt Muadamija hätten Soldaten seit Dienstag 86 Menschen getötet, die Hälfte davon gezielt. Nach Angaben der Syrischen Beobachterstelle für Menschenrechte kamen an Dienstag landesweit mehr als 250 Menschen ums Leben, darunter 171 Zivilisten. Diese und andere Angaben konnten nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden.

Gefechte in Aleppo

In der Millionenstadt Aleppo erlebten Reuters-Journalisten im Minutentakt das Feuer aus Gewehren und den Einschlag von Granaten. Das staatliche Fernsehen meldete, die Soldaten bekämpften die "Überbleibsel der bewaffneten Terrorbanden". Aus Damaskus zeigte das Fernsehen angeblich erbeutete Waffen.

Im Grenzgebiet zum Irak kämpften Soldaten und Rebellen um einen Kontrollpunkt. Im libanesischen Tripoli dauerten die Kämpfe zwischen Sunniten und Assads alawitischen Glaubensbrüdern bis in den Mittwoch an. Dabei wurden Sanitätern zufolge mindestens zehn Menschen getötet und 100 andere verletzt. Einwohner sprachen von den schwersten Auseinandersetzungen seit dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1991.

Die russische Zeitung "Kommersant" berichtete unter Berufung auf einen ungenannten Mitarbeiter des Außenministeriums, die Regierung in Damaskus wolle ihre Chemiewaffen nicht einsetzten. Sie habe in einem "vertraulichen Dialog" zudem versichert, in der Lage zu sein, das Arsenal sicher zu verwahren. Der Informant sagte dem Blatt, Russland halte es für vollkommen glaubwürdig, dass die USA ihre Drohung mit einem Militäreinsatz wahr machten, sollte Syrien die Massenvernichtungswaffen einsetzen. Das Ministerium wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Bericht äußern.

Obama warnt Assad

US-Präsident Barack Obama hat Syrien ungewohnt deutlich vor "enormen Konsequenzen" gewarnt, falls die Regierung im Kampf gegen die Rebellen ihr Chemiewaffenarsenal einsetzt. Es gilt als das größte in der Region und soll unter anderem aus Sarin, Senfgas und dem Nervengas VX bestehen. Besonders in Israel wird aber auch befürchtet, dass die Waffen in die Hände von radikalen Islamisten fallen, die sich den Aufständischen angeschlossen haben. "Kommersant" berichtete, die USA hätten die Rebellen eindringlich gewarnt "nicht einmal in die Nähe der Lager- und Produktionsstätten" vorzurücken.

Die Regierung in Damaskus will die C-Waffen nach offiziellen Angaben nicht gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Allerdings gibt es Zweifel an dieser Zusicherung. Einem westlichen Diplomaten zufolge war Assad vor kurzem zu einem Angriff mit Massenvernichtungswaffen auf Aufständische bereit, wurde aber von seinem wichtigen Verbündeten Russland davon abgehalten. Die Bundesregierung reagierte zurückhaltend auf Äußerungen aus der syrischen Regierung, Assads Rücktritt sei verhandelbar. "Wir bewerten diese Aussagen nicht über", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Diese Äußerungen seien in ähnlicher Form von verschiedenen nachgeordneten Mitgliedern der syrischen Regierung gemacht worden.

In Damaskus gab es zuletzt eine Eskalation der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Kämpfern der Opposition. Es ist aber nur eine von mehreren Fronten, an denen die Regierung von Präsident Bashar Assad gegen die Aufständischen kämpft, die immer mehr an Boden zu gewinnen scheinen.

(dpa/apd/Reuters)
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