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Armenien/Azerbaidschan: Darum wird um Berg-Karabach gekämpft

Streit zwischen Armenien und Aserbaidschan : Darum geht es im lange vergessenen Berg-Karabach-Konflikt

Lange galt der Konflikt um Berg-Karabach als eingefroren – nun ist der Streit zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Gebirgsregion im Südkaukasus wieder voll entbrannt. Erstmals seit 1994 wird wieder direkt an der Waffenstillstandslinie gekämpft.

In der Konfliktregion Berg-Karabach im Südkaukasus kommt es immer wieder zu neuen schweren Kämpfen.

Die aktuelle Lage

In der Nacht zum Mittwoch gab es erneut schwere Angriffe. Fast stündlich heulten in Stepanakert, der Hauptstadt der selbst ernannten Republik Berg-Karabach, die Alarmsirenen. Kurz darauf seien jedes Mal schwere Explosionen zu hören gewesen. Die Kämpfe werden auf der gesamten Frontlänge fortgesetzt, ließ das aserbaidschanische Verteidigungsministerium wissen. Nach armenischer Darstellung versuchten Truppen des verfeindeten Nachbarlandes, im Südosten des Konfliktgebietes an der Grenze zum Iran weiter vorzurücken. Armenien habe mit Angriffen darauf reagiert, teilte das Verteidigungsministerium mit.

Am Wochenende hatten aserbaidschanische Truppen die Stadt mit fast 50.000 Einwohnern erstmals unter Beschuss genommen. Laut örtlichen Behörden sei etwa die Hälfte der Bevölkerung auf der Flucht, darunter vor allem Frauen und Kinder.

Seit Beginn der Kämpfe gibt es bisher nur unvollständige Berichte über die Opferzahlen. Demnach starben bisher mindestens 286 Menschen in Berg-Karabach, darunter mehr als 46 Zivilisten. Vermutlich starben jedoch weit mehr Menschen. So meldete die Regierung in Baku (Aserbaidschan) bislang keine Opfer unter ihren Militärangehörigen. Armenien schätzt, dass bereits mehr als 3700 armenischen Soldaten umkamen.

Worum es geht

Im Mittelpunkt des Konflikts steht die kleine Gebirgsregion Berg-Karabach, die halb so groß ist wie Hessen und weniger als 150.000 Einwohner hat – hauptsächlich ethnische Armenier.

Die zu Sowjetzeiten innerhalb Aserbaidschans autonome Region Berg-Karabach hatte während des Zusammenbruchs der UdSSR ihre Unabhängigkeit proklamiert. Vorausgegangen war der Erklärung ein Krieg mit 30.000 Toten Anfang der 90er Jahre. Die selbsternannte „Republik Berg-Karabach“ wird zwar von keinem Staat der Welt anerkannt; Experten sprechen jedoch von einem „De-facto-Staat“, der von Armenien militärisch und wirtschaftlich unterstützt wird. Sieben an Berg-Karabach angrenzende Territorien werden zudem von armenischen Streitkräften kontrolliert.

Völkerrechtlich zählen Berg-Karabach und die angrenzenden Territorien aber nach wie vor zu Aserbaidschan, das die Kontrolle über die Region wiedererlangen will.

Die aktuelle Eskalation

Die Eskalation um Berg-Karabach hat sich nach Expertenangaben seit Monaten angekündigt. Bereits im Juli habe es an der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan Gefechte mit 17 Toten gegeben, betont der Südkaukasus-Koordinator der Friedrich-Ebert-Stiftung, Felix Hett.

Mehrere Faktoren hätten dazu geführt, dass der Konflikt nun wieder voll entbrannt sei: So spielten innenpolitische Erwägungen von Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew eine Rolle sowie dessen Frustration darüber, dass er seine Interessen in zahlreichen Verhandlungen nicht habe voranbringen können. Bestärkt fühle sich Aserbaidschan zudem, weil es in einer „präzedenzlosen Weise“ Unterstützung von der Türkei erhalte. Im Online-Dienst Twitter hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zugesagt, das Nachbarland mit „allen Mitteln“ zu unterstützen.

Maßgeblicher Einfluss Russlands und der Türkei

Im Kaukasus ringen Russland und die Türkei seit Jahrzehnten um Einfluss. Während Russland historisch Armeniens Schutzmacht ist und auch enge Wirtschaftsbeziehungen zu Aserbaidschan unterhält, ist die türkische Rolle in der Region emotional extrem aufgeladen. In Umfragen zeige sich regelmäßig, dass die türkische Bevölkerung in Aserbaidschan ihren wichtigsten Verbündeten sehe, sagt Hett. Unter dem Motto „Eine Nation – Zwei Staaten“ pflegen die beiden turksprachigen Nachbarstaaten seit einigen Jahren eine „Bruderschaft“.

Auf der anderen Seite erhöhe die offene türkische Unterstützung für Aserbaidschan die Bedrohungswahrnehmung in Armenien massiv – gerade vor dem Hintergrund der überragenden Bedeutung des Genozids von 1915 für die armenische Identität. Es herrsche ein „nationaler Konsens“ in Armenien, dass der „Kampf um Karabach auch ein Kampf um das nationale Überleben ist“.

Dass Erdogan Aserbaidschan gerade jetzt offensiver unterstützt, habe zum einen innenpolitische Gründe, sagt der Leiter des Südkaukasus-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Tiflis, Stefan Meister, mit Verweis auf die derzeitige Wirtschaftskrise in der Türkei. Zum anderen wolle Erdogan „in der Nachbarschaft der Türkei auch machtpolitisch eine wachsende Rolle spielen“. Derzeit beteilige sich Ankara insbesondere durch Waffenlieferungen und der Bereitstellung von technischem Knowhow – etwa zur Steuerung von Drohnen – an dem Konflikt.

Der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge soll Ankara darüber hinaus mehr als 300 pro-türkische Kämpfer von Syrien nach Berg-Karabach verlegt haben.

Entscheidender Akteur ist aus Sicht der Experten jedoch Russland. Moskau wolle den Kaukasus in seiner Einflusssphäre behalten – und das gehe nach vorherrschender Lesart am besten, wenn der Konflikt nicht dauerhaft gelöst werde, sagt Hett.

Reaktionen auf den Konflikt in Berg-Karabach

Bereits am 1. Oktober hatten Frankreich, Russland und die USA in einer gemeinsamen Erklärung die Eskalation verurteilt. Sie fordern eine sofortige Einstellung der Kampfhandlungen und eine Rückkehr zur Waffenruhe. Die russische Regierung hatte zudem angeboten, zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten Aserbaidschan und Armenien zu vermitteln. Dies hatte der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan jedoch abgelehnt.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev hatte zuvor angekündigt, seine Militäroperation bis zu einem Rückzug Armeniens aus dem Gebiet fortsetzen. Erst dann werde es eine Waffenruhe geben. Aufrufe zum Dialog seien deshalb sinnlos, Verhandlungen würden kein Ergebnis bringen.

Auch viele andere Regierungen fordern einen Stopp der Kämpfe, darunter Deutschland. Am Mittwoch tagt zudem das Europa-Parlament und beschäftigt sich ebenfalls mit dem Konflikt.

(AFP/KNA/june)