Annegret Kramp-Karrenbauer: „Bop-bop-bop“-Rufe im Kampf gegen Terroristen

Ministerin Kramp-Karrenbauer in Mali : „Bop-bop-bop“-Rufe im Kampf gegen Terroristen

Annegret Kramp-Karrenbauer ist in der gefährlichen Wirklichkeit des Mali-Einsatzes angekommen. Die Ministerin befürwortet eine Verlängerung des Einsatzes.

„Buh!“ ruft die junge Kadettin. Es ist die übliche „Ouvertüre“, die die malischen Streitkräfte aus alter Tradition dem Befehl „Achtung!“ vorausschicken. Die männlichen Kameraden nehmen Haltung an. Doch als die Polizeisirenen auf dem kleinen Antreteplatz unter Akazien zu hören sind, muss die junge Frau wieder in die zweite Reihe. So weit, dass eine Frau an der Spitze stehen darf, wenn es drauf ankommt, sind sie hier im Offiziersausbildungscamp in Koulikoro anderthalb Autostunden von Bamako entfernt noch nicht. Auch wenn jetzt eine Frau aus dem gepanzerten Fahrzeug steigt und die Ehrenformation abschreitet: Annegret Kramp-Karrenbauer ist in der gefährlichen Wirklichkeit des Mali-Einsatzes angekommen.

Erst in der vergangenen Woche sind mindestens 38 Kameraden der hier auch von Deutschen ausgebildeten Offiziersanwärter Terrorangriffen zum Opfer gefallen. Im Februar hätte es beinahe auch die Deutschen selbst getroffen. Doch die Angreifer konnten beim Eindringen ins „Camp Gecko“ gestoppt werden. Jetzt sind die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal erhöht worden. Die mit der Verteidigungsministerin reisenden Bundestagsabgeordneten schälen sich erst einmal aus ihren Splitterschutzwesten. Schließlich lautet der wichtigste Befund von Oberst Christian Schmidt, dem deutschen Kontingentführer: „Die Sicherheitslage ist fragil, und sie verschlechtert sich.“

Mali, das ist ein einstmals stolzer und unfassbar reicher Staat. Auf dem Pilgerweg nach Mekka soll König Mansa Musa Anfang des 14. Jahrhunderts bei jeder Rast den Bau einer Moschee beauftragt und den Goldpreis in Ägypten nachhaltig erschüttert haben. Doch jetzt droht Mali unter dem Zusammentreffen von Terror, Kriminalität, Migration und Bevölkerungswachstum zu zerbrechen. Das Land ist dreimal größer als Deutschland. Wenn die Bundespolizei nur den gefährlichsten Grenzabschnitt des afrikanischen Landes zu sichern versuchte, hätte sie es mit einer Strecke vom Atlantik bis nach Polen zu tun.

Mag der Islamische Staat im Irak und in Syrien zerschlagen sein, hier hält er weiterhin als ISGS, Islamischer Staat in der Groß-Sahara, größere Landflächen. Andere stehen unter dem Einfluss eines Al-Qaida-Ablegers. Überall operieren weitere bewaffnete Gruppen auf unterschiedliche eigene Rechnung. Und alle verstärken den eskalierenden Konflikt zwischen Dogon und Fulani, zwischen Bauern und Hirten, zwischen Sesshaften und Nomaden. Für die Taktiken und Strategien mitteleuropäischer Militärs also der perfekte Albtraum. Deshalb hat wohl auch Oberst Schmidt „Sympathie für die Überlegung, ob wir hier bleiben“.

Damit meint er kein Herauslösen des deutschen Anteils aus der von 22 Nationen gestellten Ausbildungsmission der EU. Die hat tatsächlich massiv zur Stabilisierung des Landes beigetragen. 2013, nach dem blutigen Bürgerkrieg, habe es faktisch keine Armee mehr gegeben. Schnell viele malische Soldaten auszubilden, sei Gebot der Stunde gewesen. Nun konzentrieren sich die 83 Ausbilder in Koulikoro auf die Ausbildung der künftigen Ausbilder. Gerade bekommen fünf von ihnen von einem belgischen Offizier ein Schießtraining. Magazin rein, spannen, entsichern, und dann rufen alle wild durcheinander „Bop-bop-bop-bop-bop-bop.“ Für echte Munition reichen die Mittel nicht.

157 Deutsche stärken diese Ausbildungsmission. Darunter sind jedoch nur acht Ausbilder. Mehr mit Französischkenntnissen wären wünschenswert. Das Verhältnis von 149 Unterstützern zu acht Ausbildern veranlasst die Abgeordneten zu Nachfragen. Der Oberst hält es für normal. Da sind ja zum Beispiel auch noch die Sanitätskräfte, die auch für andere Nationen einen in dieser Umgebung beachtlichen Behandlungsstandard sicherstellen.

Letztlich ist auch Schmidt für weitere Mandate. Einer seiner Ausbilder nennt den Grund: „Sehr wissbegierig“ seien die malischen Kameraden. Sie genössen es regelrecht, mal Pause von den Gefechten zu haben und sich weiter ausbilden zu lassen, berichtet Hauptmann Dominique L. Etliche seien inzwischen Kompaniechefs in den umkämpften Gebieten und hätten ihm zurückgemeldet, wie erfolgreich sie dank seiner Hilfe seien.

Dennoch stehen auch der deutschen Verteidigungsministerin viele Fragen ins Gesicht geschrieben. Und mit Blick auf die im nächsten Jahr anstehende Entscheidung über Aus oder Verlängerung kann sie über die sich verschlechternde Gesamtlage nicht hinweg sehen. Sie verweist auf die verschiedenen parallelen Missionen. Neben dem Militärtraining das Polizeitraining, die zivil-militärische UN-Mission, den von Franzosen geführten internationalen Anti-Terror-Einsatz. Vielleicht müssten alle überprüft, alle im Zusammenhang gesehen und dann überlegt werden, wo was zu stärken ist, damit die Lage in dieser wichtigen „Drehscheibe für die gesamte Region“ besser wird. Schnell stellt sie klar, dass das nicht automatisch bedeute, dass sich für den deutschen Einsatz etwas ändere. Aber auf den Prüfstand Richtung Aus oder Ausweitung steht auch er.

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