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Insel-Streit: Angst vor Krieg in Asien

Insel-Streit : Angst vor Krieg in Asien

Nach tagelangen Protesten gegen Japan mit zerstörten Geschäften, brennenden Autos und verbarrikadierten Fabriken haben in China jetzt zwar die Aufräumarbeiten begonnen. Doch der Territorialstreit um die Senkaku- oder Diaoyu-Inseln schwelt weiter.

Japanische Aktivisten haben die Inselgruppe besetzt. Chinesische Patrouillenboote sind in die Region vorgestoßen, die von der japanischen Küstenwache kontrolliert wird. Und Peking will jetzt auch unbemannte Flugzeuge einsetzen, um seine Ansprüche zu unterstreichen.

Tokio reagierte darauf mit der Entsendung des Vize-Außenministers nach Peking. Chikao Kawai soll in einem Streit vermitteln, der nur einer von vielen ist im pazifischen Raum. Die Anrainer-Staaten sind zwar wirtschaftlich untereinander eng verbunden, zugleich aber politisch zunehmend entzweit — unter anderem durch solche umstrittenen Grenzen wie im Fall Senkaku/Diaoyu. Offen werden deshalb zurzeit neue Militärbündnisse geschmiedet — in der Pazifik-Region verschieben sich großflächig die Machtverhältnisse.

Die Japaner fühlen sich von potenziellen Feinden regelrecht umzingelt, was der jüngste Insel-Streit zu beweisen scheint: Der große Nachbar China rüstet mit Flugzeugträgern und Raketen offenbar gezielt gegen die mit Japan eng verbündete US-Marine auf.

Auch Russland ist in der Region aktiv

Neuerdings zeige auch Moskau wieder Muskeln in der Region: Russische Militärflugzeuge seien für die meisten Luftraumverletzungen verantwortlich, sagt Kazuaki Iwata vom Verteidigungsministerium in Tokio und zeigt auf einer Karte den Kurs russischer Atombomber, die Japan eng umkreist haben. "Das Motiv ist unklar. Möglicherweise testen sie unsere Luftverteidigung."

Die unberechenbare Diktatur in Nordkorea droht sogar mit dem Einsatz von Atomwaffen. "Zurzeit sind die Nuklearsprengköpfe allerdings noch keine echte Bedrohung. Sie sind viel zu groß für Flugzeuge oder Raketen", sagt Masashi Nishihara, Präsident des Tokioter Friedensforschungsinstituts, der etliche Jahre dem Vorstand des renommierten Londoner Instituts für Strategische Studien angehörte.

Das könne sich aber bald ändern, denn das Land arbeite fieberhaft an kleineren Sprengköpfen. "Nordkorea ist ein großer Unsicherheitsfaktor", heißt es ergänzend im Verteidigungsministerium in Tokio.

USA stationieren Infanterie

Die USA haben auf die Entwicklung mit einem strategischen Kurswechsel von Europa hin zum Pazifik reagiert: 2500 Marineinfanteristen werden in Darwin im Norden Australiens stationiert. Amerika will seine Armee nach dem Abzug aus Afghanistan und dem Irak schnellstmöglich in der Pazifik-Region konzentrieren. Ursprungspläne, die US-Truppen auf der japanischen Insel Okinawa zu reduzieren, wurden verworfen.

Die USA, so betonte Präsident Barack Obama, werde in Ostasien "unsere einzigartige Fähigkeit bewahren, Macht auszustrahlen und Bedrohungen des Friedens abzuwehren" — ein Signal an China, das laut Umfragen jeder zweite Amerikaner als Gefahr ansieht.

Die USA fahren zurzeit eine Doppelstrategie, was durch die soeben beendete Asienreise von Verteidigungsminister Leon Panetta deutlich wird. So wird Neuseeland als Bündnispartner umworben, die US-Verbände in Japan bekommen neue Senkrechtstarter — zugleich erhielt China eine freundliche Einladung zu einem gemeinsamen Marinemanöver im Jahr 2014.

Das "Wall Street Journal" berichtet, dass die USA in Japan und auf den Philippinen eine Radarkette aufbauen, die Nordkorea überwachen soll, aber auch große Teile Chinas beobachten kann. Angst vor China haben auch Vietnam, die Philippinen und Kambodscha. Sie fürchten einen Überfall — Pekings staatseigene Medien drohen ihnen unverhohlen. Das von den USA unterstützte national-chinesische Taiwan ist bereits seit langem ein Zankapfel, den Peking als Teil der Volksrepublik ansieht.

Pekings Schatten ist bedrohlich

Doch die Lage ist noch verworrener: Auch Japan und Südkorea liegen wegen Gebietsansprüchen über Kreuz. So verabschiedete das Parlament in Tokio Ende August eine Resolution, mit der ein Besuch des südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak auf der Insel Takeschima im Japanischen Meer als illegal verurteilt wurde.

Pekings Schatten ist aber für viele Japaner mit Abstand der bedrohlichste: "China hat 2010 Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft nach den USA abgelöst", sagt Masuda Masayuki vom Nationalen Institut für Verteidigungsforschung. "Eine lange Periode der chinesischen Überlegenheit wird folgen. Es ist eine rapide Verschiebung des wirtschaftlichen Mächtegleichgewichts im Gange."

Parallel dazu rüstet China massiv auf, möglicherweise auch, um seine Seewege zu sichern. Denn je mehr die Wirtschaft wächst, desto größer wird der Bedarf an Öl, Gas und weiteren Rohstoffen, die China aus den arabischen Staaten und Afrika importiert. Japanische Experten sprechen auch von einem Machtkampf zwischen Parteibüro und Volksarmee. Die vor der Ablösung stehende Staatsführung sei offenbar über jüngste Raketentests gar nicht informiert worden.

Die bislang unangefochtene Vormachtstellung der USA, dem Beschützer Japans, gerate ins Wanken. "China versucht, auf dem Meer Grenzen zu ziehen", meint Kuni Miyake vom Canon-Forschungsinstitut für globale Studien. "Das ist typisch für Festlandsvölker. Aber es gefährdet die Freiheit der Meere, auf die wir als große Handelsnation angewiesen sind."

Unabhängig vom Ausgang des Streits um die Senkaku-Inseln werde Peking immer wieder militärisch drohen, vermutet der Friedensforscher Nishihara: "Die Spannung wird in den kommenden vier bis fünf Jahren deutlich zunehmen. Es muss unser großes Ziel sein, einen Krieg zu verhindern."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Protestwelle gegen Japan in China

(RP/csi/jre/sap)