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Angela Merkel wandert auf dem Jakobsweg

Spanien-Reise : Negativ-Image abgelegt - Merkel wandert auf dem Jakobsweg

Für viele Spanier war Angela Merkel lange die Buhfrau - wegen der Sparpolitik. Doch davon ist bei ihrem Besuch in Santiago kaum etwas zu spüren. Die Kanzlerin zeigt sich angetan vom Einsatz des spanischen Regierungschefs Mariano Rajoy gegen die Finanzkrise.

Es gab zwar einige Pfiffe, aber auch Beifall. Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde in Santiago de Compostela, der Geburtsstadt des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, überwiegend freundlich empfangen. Als die beiden Regierungschefs in der Altstadt des Wallfahrtsorts im Nordwesten Spaniens gemeinsam zu Abend aßen, harrten Dutzende Menschen bis in die Nacht zum Montag vor dem Restaurant aus.

Ihnen war nicht nach Protesten zumute. Sie wollten die Kanzlerin, in den Augen der Spanier die "mächtigste Frau der Welt", einfach nur einmal sehen oder von ihr Fotos mit dem Handy aufnehmen. In Spanien gibt es schon seit Monaten keine Massendemonstrationen mehr gegen die Sparpolitik, zu der die Rajoy-Regierung von Berlin und anderen EU-Partner angehalten worden war. An einer Protestkundgebung zum Abschluss des Merkel-Besuchs beteiligten sich nur ein paar Hundert Menschen.

Merkel und Rajoy hatten in der Heimatregion des spanischen Regierungschefs ein Heimspiel. Bei der Ankunft der Kanzlerin am Hotel "Hostal de los Reyes Católicos" wurden in der Menge, die sich vor dem alten Palast unmittelbar an der Kathedrale versammelt hatte, zwar anfangs ein paar "Raus!"-Rufe laut. Aber die Stimmung entspannte sich rasch. Mehrere Schaulustige applaudierten den Politikern. Merkel und Rajoy gingen zur Absperrung, die die Polizei errichtet hatte, und schüttelte dort viele Hände.

Rajoy hatte die Kanzlerin in seine Heimat geladen, weil er in der EU die Unterstützung der Deutschen sucht. Spanien beklagt, dass es in den Spitzenämtern der EU nicht angemessen vertreten sei. Nun wirbt Madrid dafür, dass der spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos neuer Chef der Eurogruppe werden soll.

Merkel sieht in Rajoy einen engen Verbündeten, weil der Spanier mit einem drastischen Sparkurs die Finanzkrise in seinem Land in den Griff bekam - obwohl er damit einen regelrechten Einbruch in der Wählergunst in Kauf nehmen musste. Mittlerweile erzielt Spanien wieder ein wirtschaftliches Wachstum. Wenn die Linke in Frankreich, Italien oder anderen Ländern eine Abkehr von der Politik der Einsparungen und der Haushaltssanierung in der EU verlangt, kann die Kanzlerin Spanien als Beispiel dafür anführen, dass der von Berlin verfolgte Weg zum Erfolg führen kann.

Merkel zeigte sich in Santiago nicht nur vom politischen Kurs ihres Gastgebers beeindruckt, sondern sie war auch von dessen Heimat angetan. Von ihrer Wanderung mit Rajoy auf einem Abschnitt des Jakobswegs schwärmte sie: "Die besondere Atmosphäre werde ich nie vergessen. Das ist für mich eine bleibende Erinnerung."

Als die Kanzlerin nach ihrer Ankunft am Sonntag aus dem Flugzeug stieg, trug sie bereits eine helle Freizeitkleidung. Rajoy empfing sie in Jeans und Sportschuhen. Die Politiker legten auf ihrer Wanderung ein strammes Tempo vor und bewältigten die etwa fünf Kilometer lange Strecke in knapp einer Stunde.

Die Route führt durch dichte Wälder und grüne Wiesen. Merkel bekam ein anderes Spanien zu sehen als das, das viele ihrer Landsleute von den Ferien am Mittelmeer kennen. Die Region Galicien ist - wie die gesamte nordspanische Atlantikküste - ein regenreiches Gebiet. Die Zeitung "La Voz de Galicia" äußerte die Hoffnung, dass der Besuch der Kanzlerin der Region auch touristischen Nutzen bringt. "Merkel gibt dem Pilgerstrom aus Deutschland einen neuen Auftrieb", titelte das Blatt. Schon jetzt sind die Deutschen unter den mehr als 200 000 Santiago-Pilgern im Jahr die stärkste Ausländergruppe.

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(DEU)