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Angela Merkel kritisiert Wladimir Putin beim G 20-Gipfel in Brisbane

Brisbane/Düsseldorf : Putin beim G 20-Gipfel isoliert

Die Krise in der Ukraine bestimmte das Gipfeltreffen in Australien. Der Kreml-Chef war der böse Bube des Treffens.

Der russische Präsident Wladimir Putin (62) wird sich in seiner Rolle auf dem Gipfel der 20 mächtigsten Industrie- und Schwellenländer (G 20) im australischen Brisbane nicht gänzlich unwohl gefühlt haben. Immerhin beherrschte er mit seiner Politik die Schlagzeilen. Man sprach intensiv mit ihm und selten gut über ihn. Putin - der böse Bube von Brisbane. Doch das muss ihm schon vor seiner Anreise klar gewesen sein. Sein Konfrontationskurs in der Ukraine-Politik hatte vor allem den Westen gegen ihn aufgebracht, der seinerseits mit drückenden Wirtschaftssanktionen reagiert hatte. Die eigentlichen Gipfelthemen - etwa wie die Weltwirtschaft angekurbelt werden könne, wie man die Finanzmärkte besser in den Griff bekommen kann und wie die Ebola-Seuche zu bekämpfen ist - rückten in den Hintergrund.

Dennoch werden die massive Kritik am Kreml-Kurs und der Vorwurf, Völkerrecht gebrochen zu haben, von Putin nicht abgeprallt sein wie Erbsen von der Wand. Das Gesprächsklima war eisig trotz sommerlicher Temperaturen. Man sah Putin oft isoliert am Tisch, am Rande des offiziellen Politiker-Laufstegs beim Familienfoto mit gequältem Gesichtsausdruck. Putin steht unter Druck.

Und dann die Abreise: Ohne Mittagessen und noch vor Unterzeichnung des Abschlussprotokolls hatte Russlands starker Mann die Bühne Brisbanes verlassen. War das eine Flucht aus einer diplomatischen Ausgrenzung oder eine kalkulierte Brüskierung des Gastgebers? Er müsse schließlich heute wieder arbeiten, erklärte Putin entschuldigend. Außerdem müsse er einen langen Flug nach Moskau antreten, und ein wenig schlafen wolle er auch noch. Ist das der robuste 24-Stunden-Politiker, der auf Fotos mit nacktem Oberkörper reitet, der nach Schätzen taucht und sich in Macho-Posen gefällt?

Putin weiß, dass der Großteil der Russen hinter seiner Politik steht, auch wenn die westlichen Wirtschaftssanktionen die Wirtschaft empfindlich treffen. Der Ölpreis fällt; damit brechen Einnahmen weg. Der Rubel verliert massiv an Wert, und der Zugang zu den Finanzmärkten wird blockiert.

Schuld an allem ist die sich weiter zuspitzende Ukraine-Krise. Der Westen wirft Putin vor, die prorussischen Rebellen im Osten der Ukraine unter anderem mit Waffen zu unterstützten. Bis tief in die Nacht hatte Putin in seinem Hotel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel mehrere Stunden darüber und über mögliche Auswege aus der Misere gesprochen. Merkel hat seit Langem von allen westlichen Politikern den besten Draht zum Kreml-Chef, doch das allein kann die verhärteten Positionen nicht aufsprengen. Merkel will die Sanktionen nicht verschärfen, auch wenn heute in Brüssel die EU-Außenminister darüber beraten.

Die Kanzlerin ist über Putins Sturheit verärgert. Sie will trotzdem mit Moskau im Dialog bleiben "Es ist wichtig, jede Gesprächsmöglichkeit zu ergreifen und zu nutzen", sagte Merkel gestern nach einem Treffen mit Australiens Regierungschef Tony Abbott in Sydney. Zum Inhalt des Putin-Gesprächs kein Wort. Das sei vertraulich gewesen, sagte die Kanzlerin. Auch aus den Gesprächen mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker oder anderen Spitzenpolitikern wurde nichts bekannt. Für ein Treffen von US-Präsident Barack Obama mit Putin reichte es nicht, dazu war das Klima zu vergiftet. An eine weitere Verschärfung der Sanktionen denkt Obama aber zurzeit nicht. Es werde jedoch überlegt, wie man den Druck auf Moskau bei Bedarf erhöhen könne.

Und Putin? Der sieht im Angriff die beste Verteidigung. Die Sanktionen gegen Russland seien ein Verstoß gegen internationales Recht. Er werde sich dem Westen mit seinen geopolitischen Interessen niemals beugen, droht er. Die Strafmaßnahmen machten dem Land zu schaffen, aber Russland überstehe das. Er sehe gute Chancen für eine Beilegung des Konfliktes in der Ukraine.

(RP)