Als die Biafra-Kinder die Welt schockten

Zeitgeschichte : Als Biafra-Kinder die Welt schockten

Vor 50 Jahren endete der Krieg zwischen Nigeria und der abtrünnigen Provinz Biafra, in dem Millionen von Menschen verhungerten. Mit einer Luftbrücke wurde noch Schlimmeres verhindert. Es war die Geburtsstunde der humanitären Hilfe.

Es waren Bilder, die um den Globus gingen. Kinder mit dünnen Ärmchen, leeren Blicken, sich deutlich abzeichnenden Rippen und vor Krankheit aufgeblähten Bäuchen. Die sogenannten Biafra-Kinder schockten die Welt. „Wir würden solche Bilder heute nicht mehr zeigen“, sagt Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Und doch erfüllten sie vor 50 Jahren ihren Zweck. Damals, als in Folge des Biafra-Kriegs in Westafrika Millionen von Menschen verhungerten. Damals, als die Biafra-Kinder den Westen wachrüttelten und die Spenden der Bevölkerung wohl Hunderttausende Menschenleben retteten. Es war die Geburtsstunde der humanitären Hilfe, wie wir sie heute kennen.

Vorhergegangen war ein blutiger Konflikt, an dessen Entstehung die europäischen Kolonialmächte entscheidend beteiligt waren. „Es war ein postkolonialer Konflikt. Einer der ersten, bei dem wir den Zusammenbruch eines geschaffenen Landes gesehen haben“, sagt Keßler. Nigeria war nach seiner Unabhängigkeit von Großbritannien 1960 ein Vielvölkerstaat mit willkürlich gezogenen Grenzen. Obwohl dem Land an der Westküste Afrikas wegen großer Erdölvorkommen eine prosperierende Zukunft vorausgesagt wurde, dauerte es nur sechs Jahre, bis der Streit zwischen den Bevölkerungsgruppen das Land entzweite: die muslimischen Hausa und Fulani im Norden, die christlichen Igbo im Süden. Igbo-Militärgouverneur Ojukwu rief im Mai 1967 die Unabhängigkeit Biafras aus, kurz darauf begann ein zäher Krieg, der – zusätzlich zu den Hungertoten – mehr als eine Million Menschenleben kostete, und an dessen Ende Biafra am 15. Januar 1970 kapitulieren musste. Schon 1968 hatte Nigeria den Feind komplett eingekreist und von der Außenwelt abgeschnitten. Das Regime ließ keinerlei Nahrungsmittel mehr durch – ein Todesurteil für je nach Quelle bis zu zwei Millionen Menschen, die verhungerten. „In Biafra wurde Hunger als Kriegswaffe genutzt“, sagt Keßler – viele Nichtregierungsorganisationen sprechen von einem Völkermord.

Dass die Weltöffentlichkeit von diesem Konflikt überhaupt erfuhr, war einem Team von internationalen Journalisten zu verdanken, das im Zuge einer maßgeblich durch Biafra unterstützten PR-Kampagne in das Krisengebiet reiste und erstmals ausführlich über einen afrikanischen Krieg berichtete. Aus einem Kontinent, der als aufstrebend galt, wurde in der öffentlichen Wahrnehmung ein Katastrophengebiet. Bereits im ersten Monat nach dem Spendenaufruf waren 80 Millionen D-Mark zusammengekommen.

Eines der Plakate, das Menschen zum Spenden für Biafra-Kinder animieren sollte. Foto: Biafra

„Mit dem Leid von Biafra sind die Folgen von Krieg und Hunger in Afrika erstmals im Bewusstsein vieler Deutscher angekommen“, sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Die Bilder der hungernden Kinder lösten in Europa einen Sturm des Mitgefühls aus. „Das war eine medienwirksame Katastrophe. Die Bilder, die über die Fernseher geflimmert sind, haben unheimlich viel bewegt. Das hat eine irrsinnige Welle der Solidarität erzeugt“, sagt Martin Keßler.

Europäische und nordamerikanische kirchliche Hilfsverbände, die „Joint Church Aid“, zu denen auch Caritas und Diakonie zählten, sowie das Internationale Rote Kreuz organisierten mit der massiven Spendenunterstützung der Bevölkerung und vielen gekauften oder gestifteten Flugzeugen eine Luftbrücke. Das eingeschlossene Biafra wurde etwa mit Fleischkonserven, Milchpulver und Medikamenten versorgt. „Diese Luftbrücke, die wir mit der Caritas organisiert hatten, das war die erste ökumenische europäische Bewegung“, sagt Keßler.

Auch Hannelore Hensle wollte helfen. Als damals 27-Jährige flog sie im Dezember 1969, als der Krieg in seinen letzten Zügen lag, für die Katastrophenhilfe nach Afrika. „Was dort politisch passiert ist, darüber war ich wenig belehrt“, sagt sie. „Aber man hat diese Hungerbilder gesehen, das war schon beeindruckend.“ Von Sao Tomé, einer Insel im Atlantik, 500 Kilometer von der nigerianischen Küste entfernt, half sie zunächst dabei, Tonnen von Hilfsgütern zu koordinieren, damit diese nach Biafra geflogen werden konnten. „Da haben über 40 verschiedene Wohlfahrtsorganisationen aus der ganzen Welt zusammengearbeitet“, sagt sie. „Das zu koordinieren und zu organisieren war eine logistische Meisterleistung. Ich war da nur ein kleines Rädchen im Getriebe.“

Der entscheidende Teil von Hensles Arbeit sollte allerdings erst Monate später beginnen. Denn während der Krieg vorbei war, ging es für die Biafra-Kinder noch monatelang ums Überleben. Viele waren durch den Krieg von ihren Familien getrennt oder zu Waisen geworden.  In Angola und später in Gabun half Hensle in eigens geschaffenen Kinderdörfern. Ein eigenes Krankenhaus habe es gegeben, eine Schule – und einen Friedhof.

„Es war deprimierend. Der Krieg in Biafra war zu Ende, aber den Kindern ging es trotzdem nur langsam besser.“ Vor allem an den kleinen Festus, einen extrem abgemagerten und kranken Jungen, erinnert sie sich noch gut: „Wir haben nicht gedacht, dass solche Kinder überleben können.“ Festus schaffte es – wie die meisten seiner Leidgenossen. „Wir haben sie fast alle zurückgebracht“, sagt Hensle stolz. Sie selber brachte 1971 das letzte Kind aus dem Dorf ins ehemalige Biafra – „endlich zurück in seine Familie“.

Möglich war das nur durch die enorme Spendenbereitschaft und die internationale Kooperation, die es so vorher nie gegeben hatte. „Biafra war so auch die Geburtsstunde für humanitäre Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen und die Gesellschaft für bedrohte Völker“, sagt Entwicklungsminister Müller. Dabei gab es auch Kritik am Vorgehen der Organisationen – insbesondere nachdem ein Versorgungsflugzeug von der nigerianischen Armee abgeschossen wurde. „Vieles, was damals gemacht wurde, wäre heute undenkbar. Man war blauäugig, über feindliche Linien zu fliegen“, sagt Keßler. Schließlich erteilte Nigeria seinen Truppen Schießbefehl gegen alle nicht genehmigten Flugzeuge. Auch die Landungen auf viel zu kleinen Landebahnen und die teils dürftige Wartung der Maschinen waren höchst fragwürdig. 21 Besatzungsmitglieder starben bei den mehr als 7300 – gegen internationales Luftfahrtrecht verstoßenden – Luftbrückenflügen.

Hannelore Hensle, die später Chefin der Diakonie Katastrophenhilfe wurde, bewundert die Piloten: „Es gab eine Menge, die wären auch umsonst geflogen. Die haben die Nahrung ins Land und später die Kinder rausgebracht. Man darf nicht vergessen: Die sind jede Nacht rübergeflogen in der Hoffnung, nicht abgeschossen zu werden.“

Seit der Luftbrücke hat sich in der Humanitären Hilfe viel getan. Vor einem Hilfseinsatz werde penibel analysiert. „Das fängt beim Markt an und reicht bis hin zu Inklusion und Genderfragen“, sagt Keßler. „Es gibt Industriestandards, UN-Standards, EU-Standards, Vorgaben des Auswärtigen Amtes. Wie kann man Hilfe so gestalten, dass der regionale Markt nicht leergefegt wird? Verträgt der Markt Cash? Gibt es genügend Güter?“

Auch bei der Art und Weise, auf die Spender erreicht werden sollen, ist man weiter. Biafra-Kinder würden heute auf keinem Plakat mehr landen. „Heute haben wir ein anderes Verständnis von Menschenwürde. Wir würden mit dieser Emotionalität nicht mehr arbeiten.“

Dass es damals ohne die schrecklichen Bilder dieses Mitgefühl, die Luftbrücke und die Rettung Hunderttausender Menschenleben gegeben hätte, ist allerdings unwahrscheinlich. „Diese Bilder haben sich bei einer ganzen Generation eingebrannt“, findet Entwicklungsminister Müller.