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Alexander Dugin: Russlands neuer Rasputin

Alexander Dugin : Russland hat wieder einen Rasputin

Der einflussreiche Politikwissenschaftler Alexander Dugin hat mit seiner Idee eines großrussischen Reiches viele Anhänger. Dugins Weltbild ist geprägt von einer tiefen Verachtung für den Westen. Sogar Wladimir Putin ist ihm neuerdings zu zögerlich.

Langer dunkler Bart, düsterer Blick - auch äußerlich ähnelt Alexander Dugin (53), der sich als Vordenker der russischen Politik sieht, dem Geistheiler Rasputin, der 1907 die Zarin Alexandra in seinen Bann zog. Die Schlacht um die Integration des postsowjetischen Raumes sei die Schlacht um Kiew, meint der Professor und Vordenker der "eurasischen" Ideologie. "Je schlechter es dem Westen geht, desto besser geht es Russland", lautet sein Credo, das seit einem Jahr auch die offiziellen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen beherrscht.

Mit dem militärischen Eingriff machte der Kreml deutlich: Die politischen und geopolitischen Veränderungen seit dem Ende des Kalten Krieges sind aus Moskauer Sicht korrekturbedürftig. Bisherige Regeln gelten nicht mehr. "Wenn wir in der Ukraine gewinnen, werden wir mit der Expansion der Befreiung von amerikanischer Ideologie in Europa beginnen", schrieb Alexander Dugin unmittelbar nach der Annexion der Krim.

Mit tiefem Hass auf den Westen und geopolitischen Planspielen ist Dugin aufgewachsen. Sein Vater diente als General im Militärgeheimdienst der Sowjetunion. Dugin ist einer der bekanntesten Intellektuellen in Russland geworden und im staatlichen Fernsehen ständig präsent - eine Kultfigur, deren Reden nicht selten zu Predigten werden. Er ist ein endlos Dozierender, aber zweifellos ein Universalgelehrter, der zum Stichwortgeber der jüngeren postsowjetischen Eliten aufstieg.

"Das Ziel des vollendeten Eurasismus ist ein Europa von Lissabon bis Wladiwostok, ein großes eurasisches Kontinentalreich", sagt Dugin. Die Vormachtstellung falle der russischen Ethnie zu. Für Russland sei dieses Reich "quasi naturgegeben". Dass das Imperium vorübergehend verschwand, sei ein historischer Irrtum, der behoben werden müsse. "Revolutionärer Expansionismus", nennt sich das in der Theorie der "Neo-Eurasier" um Dugin, die sich auf die eurasische Schule der Emigration nach der Oktoberrevolution 1917 berufen - ein Etikettenschwindel, da die "Neo-Eurasier" die Ahnen an Radikalität und faschistischem Gedankengut übertreffen.

 Grigori Jefimowitsch Rasputin ist eine berühmte Figur der russischen Geschichte. Im Jahr 2013 spielte in Gerard Depardieu im Film "Raputin".
Grigori Jefimowitsch Rasputin ist eine berühmte Figur der russischen Geschichte. Im Jahr 2013 spielte in Gerard Depardieu im Film "Raputin". Foto: afp, -

Der antiwestliche Impetus ist indes beiden Bewegungen eigen. Sie berufen sich auf die Idee der "russischen Besonderheit", die auf einem zivilisatorischen Sonderweg zwischen Ost und West beruhe. Dahinter verbergen sich Ressentiments gegen Demokratie, Pluralismus und Liberalität. Kollektiv und Staat sind die Leitprinzipien, denen sich das Individuum unterzuordnen hat. Autorität darf nicht infrage gestellt werden, das russische Ich ist kollektiv.

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Der faulende Westen stehe einem messianischen Russland gegenüber, das sich für dessen mentale und geistige Erneuerung bereithält. Die orthodoxe Kirche übernimmt den Part der spirituellen Unterweisung und gibt Anleitung zur sich selbst bescheidenden Demut. Die Weltordnung gleicht in diesem Konstrukt laut Dugin einem Spinnennetz, in dem das Gegeneinander von Freund und Feind erst die nötige Bewegung bringt. Blaupause ist die "konservative Revolution" in den 20er Jahren, die der Wegbereiter des Nationalsozialismus war. Im Rückgriff auf den Nationalbolschewiken Ernst Niekisch, der den Staat vergötterte, gründete Dugin mit dem Schriftsteller Eduard Limonow in den 90er Jahren die Nationalbolschewistische Partei.

Dugins Cocktail aus imperialer Größe, antiliberalem Denken, Ablehnung des Westens, Traditionalismus, Nationalismus und Überlegenheitsphantasien ist inzwischen nicht nur gesamtgesellschaftlich hoffähig - es gibt schlichtweg keinen anderen öffentlichen Diskurs mehr. Kommunisten, Neofaschisten, Klerikale und Vertreter der Kreml-Partei singen alle dasselbe Lied. Dass sich Dugin äußerster Wertschätzung auch in der Spitze des russischen Establishments erfreut, belegt sein Posten als Berater des Duma-Vorsitzenden Sergej Naryschkin.

Erstaunlich ist, dass Russland einen unerbittlichen Propagandakrieg in der Ukraine gegen sogenannte Faschisten führt, sie vor der eigenen Tür aber übersieht: Dugin bekannte sich noch in den 1990er Jahren zum Faschismus, schwärmte für die Waffen-SS und die Organisation "Ahnenerbe" und sagte für Russland das Aufkommen eines "authentischen, radikalen, revolutionären und konsequenten, eines faschistischen Faschismus" vorher. Heute gibt er sich als Leiter des Instituts für Konservatismusstudien eher als Konservativer aus. Rassismus wohnt Alexander Dugins Werk auch inne, spielt aber keine zentrale Rolle.

Nicht zufällig ist Sergei Glasjew, Putins Beauftragter für die Entwicklung Eurasiens und der Zollunion, auch ein Anhänger dieser Ideologie. Dugins "Internationale Eurasische Bewegung" unterhält enge Kontakte zur neuen Rechten in der EU. Duma-Abgeordnete scheuen sich nicht, mit neofaschistischen Parteien wie der ungarischen Jobbik und anderen anti-europäischen Kräften zusammenzuarbeiten. Langfristig soll die Erweiterung der EU verhindert und die europäische Idee endgültig diskreditiert werden. Dugin nennt sein Konstrukt eine "Meta-Ideologie, die allen Feinden der offenen Gesellschaft gemein ist". Der jungen Generation in Russland wird dieses Gedankengut durch Medien, in Schulen und auf der Universität mitgegeben. Wie die politische Elite hat auch sie wieder klare Feindbilder. Auch für angehende Generalstabsoffiziere gehört Dugins Werk "Grundlagen der Geopolitik" als Lehrstoff zur intellektuellen Grundausrüstung.

Seit Sommer ist der Guru mit Präsident Wladimir Putin allerdings nicht mehr ganz zufrieden. Dugin wollte unbedingt, dass Russland in der Ukraine einmarschiert und sich "Noworossija", den Landstrich im Süden an der Schwarzmeerküste, einverleibt. Doch der Kreml-Chef zögerte, setzte mehr auf verdeckte Operationen. Öffentlich machte Dugin seinem Frust Luft: In der Ukraine seien "schreckliche Leute" an die Macht gekommen. "Ich glaube, man muss töten, töten und töten. Ich sage das als Professor", ließ er sich vernehmen. Der Protest in der akademischen Welt kostete ihn die Professorenstelle, mehr jedoch nicht.

Putin sei im Sommer bereits in "seiner Mondphase" gewesen, erläutert Dugin, in der der Kreml-Chef "unter westlichem Einfluss steht". Nur in der Sonnenphase handele der Präsident im Einklang mit der russischen Geschichte und den Gesetzen der Geopolitik. "Das ist dann ein nationaler Putin, ein Patriot."

(RP)