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Industrie- und Wirtschaftsmetropole Syriens: Aleppo — Kampf um eine Schlüsselstadt

Industrie- und Wirtschaftsmetropole Syriens : Aleppo — Kampf um eine Schlüsselstadt

Elf Tage dauern die Kämpfe um die syrische Stadt Aleppo inzwischen an. Hundertausende Menschen haben die Flucht ergriffen. Und es ist zu erwarten, dass sich die Situation noch verschärft. Denn Aleppo ist ein wichtiger Faktor im Kampf um die Vorherrschaft in Syrien.

Flüchtlinge berichteten der Nachrichtenagentur AP von unablässigem Trommelfeuer in Aleppo, von Lebensmittel- und Kraftstoffknappheit und saftigen Schwarzmarktpreisen für Waren des täglichen Bedarfs. Die Menschen hetzen zwischen dem Knallen der Schüsse durch die Straßen, sie werfen sich ins Auto — nur weg.

Die Furcht vor einem Massaker oder einer blutigen Entscheidungsschlacht treibt immer mehr Menschen in die Flucht. "Das Leben in Aleppo ist unerträglich geworden. Ich sitze in meinem Auto und fahre gleich los", sagt ein syrischer Schriftsteller am Telefon.

Seit Tagen dauern nun schon die Kämpfe an. Mal melden die Rebellen Erfolge, mal die Regierungstruppen. Mehrere Stadtteile sind inzwischen von den Gefechten betroffen. Hilfsorganisationen vermuten, dass noch tausende Einwohner der Zwei-Millionen-Metropole in der Stadt eingeschlossen sind. Jene sunnitische Stadt, die eigentlich bislang Machthaber Baschar al-Assad die Treue gehalten hat, der der schiitischen Sekte der Alawiten angehört.

In Aleppo kreuzen sich die Handelswege

Denn Aleppo war schon immer eine Stadt, in der sich verschiedene Ethnien und Religionen mischten. Eine weltoffene Stadt mit einer uralten Geschichte. Es gibt unzählige Baudenkmäler, einige stehen auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Was davon noch geblieben ist, kann dieser Tage niemand sagen.

Doch es ist nicht Aleppos kulturhistorische Geschichte, die den Kampf um die Stadt zu einem strategisch wichtigen und vielleicht auch entscheidenden macht im syrischen Krieg. Vielmehr ist es die für das Land wichtigste Wirtschaftsmetropole.

Hier kreuzen sich Handelswege aus dem Osten und aus dem Süden, hier werden Waren aus Indien, Ägypten, Jerusalem und Europa gehandelt. Die Grenze zum Libanon ist rund 200 Kilometer entfernt, die zur Türkei gerade einmal 60 Kilometer.

Dementsprechend ist die Eroberung der Stadt vor allem für die Rebellen wichtig, denn sie können über die Türkei ihre Versorgung sichern. Die Eroberung einer direkten Straßenverbindung in das Nachbarland ist ein wichtiger Erfolg für die Rebellen, da hierüber nun Nachschub für die Kämpfer transportiert werden kann.

Die Stadt versorgt Syrien

Aber auch für Assad ist und bleibt Aleppo wichtig. Auch weil er hier bislang auf Unterstützung von den Sunniten zählen konnte, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Inzwischen dreht sich die Stimmung allerdings.

Dementsprechend nannte der US-Verteidigungsminister Leon Panetta den Angriff der Regierungstruppen auf die Stadt auch den "Sargnagel" für Assad. Denn das sei ein neues "tragisches Beispiel" für die blinde Gewalt des Regimes Und es wird die Stimmung zugunsten von Assad wohl kaum drehen.

Wie der britische Sender BBC berichtet, weiß das Regime um Assad, dass die Unruhen in der Industrie- und Finanzmetropole Auswirkungen auf das ganze Land haben. Denn die Stadt versorge Syrien. Die landwirtschaftlichen Prdoukte, die einen Großteil der Wirtschaft des Landes ausmachten, würden in den Provinzen rund um Aleppo produziert. Und die größten Firmen agierten aus der Stadt heraus.

Umso mehr werden sich die beiden Seiten darum bemühen, die Oberhand über die Metropole zu erlangen. Und die Menschen werden weiter fliehen — wenn sie es denn noch können. Hilfsorganisationen jedenfalls warnen jetzt schon vor einer humanitären Katastrophe.

mit Agenturmaterial

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(das)