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Afghanistan: Taliban erobern Masar-i-Scharif und rücken auf Kabul vor

Bürgerkrieg in Afghanistan : Taliban erobern Masar-i-Scharif und rücken auf Kabul vor

Die Lage für die Regierung in Afghanistan spitzt sich zu: Bei ihrem Eroberungsfeldzug durch das Land haben die militant-islamistischen Taliban jetzt auch noch Masar-i-Scharif erobert und sind bis auf wenige Kilometer auf die Hauptstadt Kabul vorgerückt.

In Masar-i-Scharif, der Hauptstadt der Provinz Balch, wo die Bundeswehr noch bis Juni ihr Hauptquartier hatte, hätten sich am Samstag Soldaten der Armee und regierungstreue Milizen den Aufständischen ergeben, sagte der Abgeordnete Abas Ebrahimsada der Nachrichtenagentur AP.

Die Taliban übernahmen am Samstag auch die Kontrolle über die Provinz Logar unmittelbar südlich von Kabul und rückten nach Angaben der von dort stammenden Abgeordneten Hoda Ahmadi auf bis zu elf Kilometer an Kabul heran. Zudem fiel Scharana, die Hauptstadt der Provinz Paktika an der Grenze zu Pakistan, an die Aufständischen, wie ein Abgeordneter aus dieser Provinz, Chalid Assad, mitteilte. Die Kämpfe dort hätten am Morgen begonnen, dann hätten Stammesälteste interveniert und einen Abzug der Regierungsvertreter ausgehandelt. Der Gouverneur und Beamte hätten kapituliert und seien auf dem Weg nach Kabul. Die Taliban eroberten am Samstag zudem Maimana, die Hauptstadt der Provinz Farjab im Norden, wie eine örtliche Abgeordnete bestätigte. Zehntausende Zivilisten sind vor der Offensive der Taliban geflohen.

Erstmals seit Beginn der Blitzoffensive der Taliban wandte sich Präsident Aschraf Ghani in einer Fernsehansprache an die Nation. Er versprach, die, wie er sagte, Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre würden nicht aufgegeben. „Wir haben Konsultationen begonnen, innerhalb der Regierung mit Stammesältesten und politischen Führern, Repräsentanten verschiedener Ebenen der Gemeinschaft ebenso wie mit unseren internationalen Verbündeten“, sagte Ghani. „Bald werden die Ergebnisse mit Ihnen geteilt.“ Ins Detail ging er nicht.

Am Mittwoch war Ghani nach Masar-i-Scharif geflogen und hatte mit den Milizenkommandeuren Raschid Dostum und Mohammed Nur gesprochen, die mehrere tausend Kämpfer befehligen, die die Stadt verteidigen sollen. Sie sind zwar noch mit der Regierung verbündet, aber bei früheren Gefechten in Afghanistan hatten ehemalige Warlords immer wieder die Seiten gewechselt.

Der Abgeordnete Ebrahimsada sagte, am Samstag habe sich in Masar-i-Scharif zuerst die Armee ergeben, dann hätten auch verbündete Milizen die Kampfmoral verloren. Gebäude der Provinzregierung sowie das Büro des Gouverneurs seien unter Kontrolle der Taliban. Die früheren Warlords Dostum und Nur seien geflohen.

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Mit Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen, der Ende des Monats abgeschlossen werden soll, haben die Taliban große Gebietsgewinne in Afghanistan erzielt und zuletzt viele Provinzhauptstädte erobert, darunter Herat und Kandahar, die zweit- und drittgrößten Städte des Landes und jetzt auch Masar-i-Scharif, die viertgrößte. Etwa 20 der 34 Provinzen sind unter ihrer Kontrolle. Die USA entsenden an diesem Wochenende 3000 Marineinfanteristen zur Evakuierung ihrer Botschaft nach Kabul; die Vorhut traf am Freitag ein, ein weiteres Kontingent am Samstag.

Die Taliban veröffentlichten unterdessen ein Video, in dem einer ihre Kämpfer die Übernahme des Radiosenders der südlichen Stadt Kandahar bekanntgibt. Der Mann, dessen Name nicht genannt wurde, erklärte, dass der Sender in „Stimme der Scharia“ umbenannt worden sei. Er werde nun Nachrichten, politische Analysen und Koran-Rezitationen senden. Anscheinend wird keine Musik mehr gespielt.

Die Taliban regierten von 1996 bis 2001 Afghanistan mit einer harschen Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia. Frauen durften ihr Zuhause nur unter Auflagen verlassen, Musik war verboten.

Salima Masari, eine der wenigen Frauen, die in Afghanistan Bezirksgouverneurin ist - sie regiert einen Bezirk nahe Nasar-i-Scharif - sagte, sie werde sich sicher nicht ergeben. „Es wird keinen Platz mehr für Frauen geben“, sagte sie mit Blick auf eine mögliche erneute Taliban-Herrschaft. Dort wo die Aufständischen die Kontrolle übernommen hätten, seien Frauen bereits wieder in ihren Wohnungen und Häusern eingesperrt.

(felt/dpa)