Ärzte in den USA kämpfen gegen den Waffenwahn

40.000 Tote im Jahr : Ärzte machen Front gegen US-Waffenlobby

Amerikanische Mediziner haben ihre bisherige Zurückhaltung aufgegeben und setzen sich für strengere Schusswaffengesetze ein. Schließlich sind sie es, die tagtäglich auf ihren Operationstischen mit den Folgen des Waffenwahns zu tun haben.

Es war ein Freitagabend, der Abend nach einem Footballspiel zweier High-School-Mannschaften. Joseph Sakran tat, was Teenager so tun an einem Freitagabend nach einem Footballspiel. Draußen vorm Sportplatz stand er noch eine Weile herum mit seinen Freunden, man plauderte. Der Schuss, der dann fiel, galt nicht ihm. In der Nähe war es zu einem Streit gekommen, jemand zog seine Waffe und feuerte wild drauflos. Sakran wurde am Hals getroffen. „Die Kugel ging hier rein, schräg hier durch“, sagt er und tippt mit dem Zeigefinger auf seine Kehle, „und an der Schulter trat sie wieder aus.“ In einer Klinik in Fairfax, im Vorortgürtel um Washington, schoben Ärzte einen Tubus in die gerissene Luftröhre, damit er atmen konnte. Seine Halsschlagader war verletzt, die Stimmbänder hatten Schaden genommen. „Eben war ich noch ein unbekümmerter 17-Jähriger, nun brauchte ich dieses Ding in der Luftröhre, damit ich überhaupt leben konnte.“

Demnächst feiert Sakran seinen 42. Geburtstag, doch seine Stimme klingt noch immer, als wäre sie permanent heiser. Woran sich wohl nichts mehr ändern wird. Vier Wochen, erzählt er, lag er damals im Krankenhaus. Nach seiner Entlassung ließen ihn die Selbstzweifel nicht los. Einmal, sagt er, habe er lange in den Spiegel geschaut, im Hals steckte noch immer der Tubus. Offenbar wirkte er dabei so mutlos, dass sein Vater glaubte, einschreiten zu müssen. „Du hast jetzt die Wahl“, zitiert er ihn. „Entweder betrachtest du deine Wunden und bemitleidest dich, oder du nutzt diese Chance, indem du etwas machst, was anderen Leuten hilft.“ Sakran beschloss, Medizin zu studieren. Heute ist er Unfallchirurg am Johns Hopkins Hospital in Baltimore.

Das mag nach einer Erfolgsstory klingen, nach dem amerikanischen Ideal, der Neuerfindung in einer persönlichen Krise. Nur steht Baltimore eben auch, ähnlich wie Chicago, als ein Synonym für den erbitterten Kampf skrupelloser Straßenbanden um die Vormacht, auch wenn sich die Gewalt dort nur auf einige Viertel beschränkt. 271 Menschen kamen voriges Jahr in Baltimore, einer Stadt mit 600.000 Einwohnern, durch Schusswaffen ums Leben. Das Schlimmste an seinem Job, sagt Sakran, sei der Moment, in dem er in ein extra dafür vorgesehenes Zimmer gehen müsse, um den Angehörigen mitzuteilen, dass er leider nichts mehr tun konnte. „Die Leute ahnen schon, dass etwas nicht stimmt, wenn man sie in diesen Raum bittet.“ Manchmal wechselt er vorher den OP-Kittel, weil er nicht in einem blutgetränkten vor die Eltern, Geschwister, Kinder von soeben Verstorbenen treten will.

Ärzte wie Sakran sind, wenn man so will, die genauesten Chronisten des Waffenwahns, der Waffenepidemie, wie manche sie nennen. An jedem Tag werden, statistisch gesehen, 109 Amerikaner erschossen, das sind fast 40.000 im Jahr. Nach einem „Mass Shooting“ – nach dem Blutbad in einem Kino, bei einem Konzert, in einem Gotteshaus oder an einer Schule, wie vor zwölf Monaten an der Stoneman Douglas High School in Parkland in Florida – berichten die Medien. Von weniger spektakulären Fällen nehmen sie dagegen oft nicht einmal Notiz.

Mehr als die Hälfte aller Schusswaffentoten verübten Suizid, auch das gehe weitgehend unter in der Debatte, sagt Sakran. Er hoffe, dass man irgendwann beginne, ein Gespräch unter Erwachsenen zu führen. Dass auch die tägliche Routine zum Thema werde, nicht nur das Massaker eines Massenmörders. Die amerikanische Ärzteschaft jedenfalls ist nach jahrelanger Passivität in die Offensive gegangen, um sich aktiv einzumischen in die Waffendebatte. Es hat mit Sakran zu tun. Und einem Tweet.

Es begann im November, nachdem die Ärzte-Vereinigung American College of Physicians strengere Gesetze angemahnt hatte. Die NRA, die National Rifle Association, gab ihr daraufhin den Rat, sich auf Dinge zu beschränken, von denen Mediziner etwas verstünden. Jemand sollte diesen aufgeblasenen Anti-Waffen-Ärzten sagen, dass sie in ihrer Spur bleiben mögen, twitterte die Waffenlobby. Worauf Sakran entgegnete: „Wir kümmern uns tagtäglich um diese Patienten. Wo sind Sie, wenn ich all diesen Familien sagen muss, dass einer ihrer Nächsten gestorben ist?“ „Ich war verärgert, weil die NRA uns den Mund verbieten wollte“, beschreibt der Chirurg sein Motiv. „Ausgerechnet uns, die wir an vorderster Front stehen.“

Der Kapitolshügel in Washington, Rayburn Building, Saal 2141. Sakran ist als Zeuge geladen, nicht vor Gericht, sondern vor den Justizausschuss des Repräsentantenhauses. Zwei Plätze neben ihm sitzt Art Acevedo, der Polizeichef von Houston, der vor Monaten, nach einem Amoklauf an einer High School im Umland der texanischen Ölmetropole, kein Blatt mehr vor den Mund nahm. Es sei an der Zeit, „Gott um Verzeihung für unsere Untätigkeit zu bitten“, wetterte er. Es ist, so betont es der Vorsitzende des Ausschusses, der New Yorker Demokrat Jerrold Nadler, seit acht Jahren die erste parlamentarische Anhörung zum Thema Schusswaffengewalt.

Hinterher schildert Sakran, was zu tun ist, wenn Sanitäter einen Verletzten in seine Notaufnahme rollen. In Stichpunkten: Wie viele Einschusslöcher gibt es? Wie viele Austrittswunden? Stimmt die Zahl überein? Wenn nicht, stecken noch Kugeln im Körper. Ist der Blutdruck stabil? Oder sinkt er gefährlich? Droht der Tod durch Verbluten? Manchmal, so Sakran, müsse er zum letzten Mittel greifen, zur Thorakotomie: Der Brustkorb wird aufgeschnitten und auseinandergefaltet, damit ein Herz, das nicht mehr schlägt, mit der Hand massiert werden kann. Nur in einem von zehn Fällen hat die Methode Erfolg. „Wie gesagt, es ist das letzte Mittel“, wiederholt der Doktor.

Raquel Forsythe kommt ohne Umschweife zur Sache. Fragt man sie nach „Stop the Bleed“ („Stoppt die Blutung“), einer Kampagne, für die sie die Trommel rührt, ruft sie als erstes den Schock von Sandy Hook in Erinnerung. Wohl jeder Amerikaner weiß auf Anhieb, was damit gemeint ist: Dezember 2012, ein Massenmord an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, einer postkartenschönen Kleinstadt in Connecticut. Von den Erstklässlern, auf die der chronisch depressive Schütze Adam Lanza angelegt hatte, wurde niemand in ein Krankenhaus eingeliefert. In der nächstgelegenen Klinik wartete sie, alarmiert durch die Schreckensnachricht, vergebens auf verletzte Sechs- oder Siebenjährige. „Keiner hat es überlebt, sie sind alle verblutet“, blendet Raquel Forsythe zurück. In der Folge riefen Mediziner „Stop the Bleed“ ins Leben.

In der Gegend um Pittsburgh, wo Forsythe an einer Universitätsklinik operiert, hat inzwischen ausnahmslos jede staatliche Schule geübt, was zu tun ist, wenn Verwundete in den Klassenzimmern oder auf den Fluren liegen. Wunden an Armen oder Beinen abbinden. Druck anwenden, auch wenn es wehtut, bis hoffentlich kein Blut mehr aus der Wunde läuft. „Die Opfer“, sagt Forsythe, „sollen es wenigstens bis zur Rettungsstelle schaffen.“

Nur weiß sie auch, dass Attentäter, wenn sie ihren mörderischen Feldzug planen, in aller Regel zu einer AR-15 greifen, so wie Lanza. Die Munition eines Schnellfeuergewehrs richtet einen Schaden an, der auch Chirurgen oft vor unlösbare Aufgaben stellt. Zwar sind die Kugeln, die eine AR-15 verschießt, relativ klein. Doch sie fliegen dreimal schneller als Pistolenkugeln. Sie entfalten eine solche Energie, dass sie in weitem Umkreis Gewebe zerstören, Knochen zermalmen, sie zu Splitterstaub pulverisieren, wie Experten es schildern. Nach den Worten Peter Rhees, eines Chirurgen in Arizona, lässt die gerade Schneise einer Pistolenkugel an einen Messerstich denken, die eines AR-15-Geschosses an eine Handgranate. Die Austrittswunde hat bisweilen die Größe einer Orange.

Nach Sandy Hook, sagt Forsythe noch, habe sie geglaubt, der Kongress werde endlich strengere Waffengesetze beschließen. 20 tote Erstklässler, was konnte schockierender sein? Aber selbst nach diesem Weckruf gelang es den Bremsern der NRA mit ihren engmaschigen Kontaktnetzwerken, das Parlament praktisch lahmzulegen. Was nun der Ärzteprotest ändern soll an festgefahrenen Fronten? „Wir verlangen nichts Radikales“, antwortet die Notärztin aus Pittsburgh. Ungefähr jeder zweite ihrer Kollegen besitze ja selber eine Waffe. Den Verfassungsartikel zu kippen, der ein Recht auf privaten Waffenbesitz garantiere, das sei gewiss nicht das Ziel, wenn sich Chirurgen nun einschalteten in den Diskurs. Was man allerdings fordere, seien vernünftigere Regeln, um Exzessen zu begegnen.

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