1. Politik
  2. Ausland

Zahlreiche Tote am Montagmorgen: Ägypten: Salafisten ziehen sich aus Regierungsstreit zurück

Zahlreiche Tote am Montagmorgen : Ägypten: Salafisten ziehen sich aus Regierungsstreit zurück

Die politische Krise in Ägypten hält an. Die ultra-konservative Nur-Partei sperrte sich erst gegen einen Kandidaten für das Amt des Chefs der Übergangsregierung - nun zieht sie sich aus den Verhandlungen zurück. Am Morgen gab es bereits wieder Tote.

Die einflussreiche salafistische Al-Nur-Partei hat sich aus den Verhandlungen über eine Übergangsregierung in Ägypten zurückgezogen. Dieser Schritt sei eine Reaktion auf das "Massaker" vor dem Sitz der Republikanischen Garde in Kairo, erklärte Parteisprecher Nader Bakkar am Montag im Internetdienst Twitter.

Die islamistische Muslimbruderschaft hatte zuvor mitgeteilt, dass ägyptische Sicherheitskräfte bei der Auflösung einer Demonstration von Anhängern des abgesetzten Staatschefs Mohammed Mursi am frühen Montagmorgen 34 Menschen getötet hätten. Auf sie sei bei einer Sitzblockade vor einer Militäreinrichtung geschossen worden, sagte ein Sprecher. Auch das ägyptische Gesundheitsministerium berichtete am Morgen von 34 Toten.

Auch auf der Gegenseite gab es am Montagmorgen angeblich bereits Tote: Bewaffnete sollen vor dem Hauptquartier der Präsidentengarde in Kairo fünf Anhänger des gestürzten Staatschefs Mursi getötet haben, teilte ein Militärsprecher mit.

Bei der Suche nach einer Übergangsregierung in Ägypten gibt es eine Hängepartie. Gegen den neuen Favoriten für den Posten des Regierungschefs hatte sich nach Angaben des Nachrichtensenders Al-Arabija vom Sonntagabend Nur-Partei ausgesprochen. Dem Sozialdemokraten Siad Bahaa El-Din sei das Amt angeboten worden, berichtete die ägyptische Zeitung "Al-Ahram" online am Sonntagabend. Der Wirtschaftsjurist sagte dem Blatt, es gebe noch keine offizielle oder endgültige Entscheidung.

Auch Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei als Vizepräsidenten lehnen die Salafisten ab, wie Al-Arabija weiter berichtete. Laut "Al-Ahram" sollte ElBaradei dieses Amt übernehmen. Die Ernennung von ElBaradei zum neuen Chef der Übergangsregierung war am späten Samstagabend dementiert worden.

Die Demonstrationen gehen weiter

Viele Ägypter stehen ElBaradei skeptisch gegenüber: Der Nobelpreisträger sei zu lange im Ausland gewesen, verstehe die Menschen im Land nicht, heißt es oft. Der Jurist trat 1964 in den diplomatischen Dienst seines Landes ein. 1984 kam er zur Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, wo er 1997 zum Generaldirektor aufstieg. Die Geschicke der Behörde lenkte er bis Ende 2009. Nach der Entmachtung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi soll der Übergangspräsident Adli Mansur das Land bis zu Neuwahlen führen.

Die ultra-konservative Nur-Partei war früher mit der Muslimbruderschaft verbündet, aus der Mursi stammt. Zuletzt schloss sie sich aber der Oppositionsallianz gegen den am Mittwoch vom Militär abgesetzten Präsidenten an.

In Kairo haben am Sonntagabend erneut Zehntausende Anhänger wie auch Gegner Mursis demonstriert. Die Islamisten, die Mursi unterstützen, versammelten sich mehrheitlich vor einer Moschee im Außenbezirk Nasr City. Andere zogen vor das Verteidigungsministerium oder blockierten die Ausfallstraße zum Flughafen. Bis zum späten Sonntagabend wurden keine Zwischenfälle bekannt.

Helikopter und Kampfjets über der Stadt

Dagegen gab es Verletzte bei Zusammenstößen von Mursi-Gegnern und Anhängern des gestürzten Präsident im Nil-Delta. Laut "Al-Ahram" setzten die Sicherheitskräfte Tränengas ein, um die verfeindeten Gruppen zu trennen.

Gegner der durch das Militär beendeten Herrschaft Mursis strömten in großer Zahl auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos zusammen. Über der Innenstadt kreisten in den Abendstunden fast ununterbrochen Helikopter, zeitweise flogen auch Kampfjets der Luftwaffe über den Tahrir-Platz. Das Spektakel sollte, wie schon in den vergangenen Tagen, die Verbundenheit der Armee mit den Mursi-Gegnern zum Ausdruck bringen.

Die Militärführung hatte am vergangenen Mittwoch den islamistischen Präsidenten abgesetzt. Zuletzt waren am Freitag und in der Nacht auf Samstag bei Ausschreitungen und Zusammenstößen der verfeindeten Lager 36 Menschen getötet und über 1000 weitere verletzt worden.

(dpa/Reuters/AP)