Zivilisten sterben im Gazastreifen: Abbas wirft Israel Völkermord vor

Zivilisten sterben im Gazastreifen : Abbas wirft Israel Völkermord vor

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat die israelischen Luftangriffe im Gazastreifen verurteilt und angesichts der wachsenden Zahl ziviler Opfer von Völkermord gesprochen.

Zugleich stellte er infrage, ob Israel wirklich Frieden mit den Palästinensern wolle. "Sollen diese Aktionen etwa deutlich machen, dass wir in zwei Staaten leben sollen?", sagte er am Mittwoch in Ramallah. In dem eskalierten Nahost-Konflikt geraten neben den Palästinensern im Gazastreifen auch immer mehr Israelis ins Visier von Raketenangriffen. Ungeachtet aller internationaler Friedensappelle weitete sich der gegenseitige Beschuss aus. Militante Palästinenser griffen erstmals seit Jahren wieder Jerusalem und Tel Aviv an. Im Gazastreifen stieg die Zahl der Toten bei israelischen Luftangriffen nach Angaben von Sanitätern auf 40. Auf der Gegenseite schlug ein Geschoss der Hamas sogar in der Küstenstadt Chadera ein, knapp 120 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. So weit hatten militante Palästinenser nie zuvor eine Rakete geschossen.

Nach Schätzungen befindet sich mittlerweile die Hälfte der acht Millionen Israelis in Reichweite der Hamas-Raketen. Es gab sogar unbestätigte Berichte von Einschlägen im Norden des Landes. In der Vergangenheit waren vor allem Orte in einer Entfernung bis 40 Kilometer zum Gazastreifen angegriffen worden.

In dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen mehrten sich die Berichte über zivile Opfer. Bei einem Luftangriff wurden nach palästinensischen Angaben fünf Familienangehörige getötet, darunter eine Frau und zwei Kinder. Seit der Nacht auf Dienstag haben Israels Luftstreitkräfte insgesamt mehr als 400 Tonnen Raketen über dem Gazastreifen abgefeuert, wie die Zeitung "Haaretz" berichtete.

In der Nähe des SOS-Kinderdorfes in Rafah im Gazastreifen gingen nach Angaben der Organisation 15 israelische Raketen auf Hamas-Camps nieder. Die Kinder des Dorfes seien durch die Detonationen traumatisiert. Aus Sicherheitsgründen dürften sie das Dorf nicht mehr verlassen.

Erstmals seit dem Gaza-Krieg Ende 2012 griffen militante Palästinenser wieder Jerusalem und Tel Aviv mit Raketen an. Dort heulten am Dienstagabend und am Mittwoch die Sirenen. Über dem Großraum Tel Aviv wurde am Mittwochnachmittag wieder eine Rakete abgefangen. Im Stadtzentrum war ein dumpfer Knall zu hören.

Israel will die Angriffe noch verstärken

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte nach einer Beratung mit Militärs: "Wir haben entschieden, die Angriffe auf die Hamas und andere Terrororganisationen in Gaza noch weiter zu verstärken." Die Armee sei "auf alle Möglichkeiten vorbereitet". Staatspräsident Shimon Peres warnte im CNN-Interview, sein Land könne "schon bald" eine Bodenoffensive starten, sollte die Hamas nicht mit dem Raketenbeschuss aufhören.

EU und USA warnten vor einer weiteren Eskalation der Gewalt und forderten die Konfliktparteien zur Mäßigung auf. Ziel müsse eine Waffenruhe sein. Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern unter US-Vermittlung waren im April gescheitert. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte in der "Bild"-Zeitung eine Koalition der Vernunft im Nahen Osten. Es dürften nicht noch mehr Unschuldige sterben.

Israel will mit der in der Nacht zum Dienstag gestarteten Offensive den ständigen Raketenbeschuss seiner Städte unterbinden. Insgesamt seien rund vier der acht Millionen Menschen in Israel durch Raketen aus dem Gazastreifen bedroht, sagte ein Armeesprecher. Berichte über Opfer in Israel gab es bislang nicht.

Die israelische Armee setzte in der Nacht zum Mittwoch ihre massiven Angriffe im Gazastreifen fort. Insgesamt seien 290 Ziele beschossen worden, teilte das Militär mit. Seit Beginn der Militäroperation in der Nacht zuvor hätten Luftwaffe und Marine 560 Ziele angegriffen. Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten in diesem Zeitraum 280 Raketen auf Israel abgefeuert. Davon habe die Raketenabwehr rund 50 abgefangen.

Präsident Mahmud Abbas versammelte die Palästinenserführung am Mittwoch zu einem weiteren Krisentreffen. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi sicherte Abbas nach palästinensischen Angaben am Telefon zu, sein Land werde sich für eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas einsetzen. Abbas sprach in einer Fernsehansprache von einer "vorsätzlichen und brutalen israelischen Aggression" im Gazastreifen. Die Arabische Liga forderte den UN-Sicherheitsrat in New York auf, eine Dringlichkeitssitzung wegen der Lage in Nahen Osten einzuberufen.

US-Präsident Barack Obama betonte, dass die USA weiterhin eine Zweistaatenlösung für den einzigen Weg zu dauerhaftem Frieden in Nahost halten. "Die einzige Lösung ist ein demokratischer jüdischer Staat, der in Frieden und Sicherheit lebt, Seite an Seite mit einem existenzfähigen, unabhängigen Palästinenserstaat", schrieb er in einem Beitrag, der am Donnerstag in der Wochenzeitung "Die Zeit" erscheint. Die amerikanische Unterstützung für Israel bezeichnete Obama als nicht verhandelbar.

(ap / dpa)
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