Streit um schärferes Waffenrecht in den USA: 3300 frische Gräber mitten in Washington

Streit um schärferes Waffenrecht in den USA : 3300 frische Gräber mitten in Washington

Die mächtige Waffen-Lobby in den USA steht vor einem wichtigen Erfolg. Denn derzeit sieht es nicht danach aus, dass der Kauf von halbautomatischen Sturmgewehren spürbar eingeschränkt wird. Waffengegner und Hinterbliebene von Opfern haben jetzt in der Hauptstadt mit einer emotionalen Aktion auf sich aufmerksam gemacht.

Auf einmal gibt es 3300 provisorische Gräber auf der National Mall, der grünen Schneise im Zentrum Washingtons, markiert durch Kreuze, Davidssterne und Halbmonde. So viele Amerikaner sind erschossen worden seit dem 14. Dezember, als Adam Lanza an der Sandy-Hook-Grundschule von Newtown Amok lief.

3300 weniger spektakuläre Fälle, oft nur vermeldet in den Kurznachrichten, im Vergleich zu Newtown fast so etwas wie Routine. Deshalb steht Sam Saylor am Rand des symbolischen Friedhofs, kämpft mit den Tränen und erzählt von seinem Sohn. Shane Saylor, ein Zwanzigjähriger, wurde von Kugeln getroffen, als junge Bandenmitglieder aus einem Auto das Feuer auf vermeintliche Rivalen eröffneten und unschuldige Passanten trafen.

"Shane ist tot, weil er nicht schnell genug weggerannt ist. Nur, weil er nicht schnell genug war", klagt sein Vater, ein Pfarrer aus Hartford, der Provinzmetropole Connecticuts. "Nein, wir dürfen nicht mehr nach Hause gehen. Die Art, wie sie in Washington Politik machen, darf nicht mehr dieselbe sein", sagt Saylor und kündigt an, solange Druck zu machen, bis der Kongress sich bewegt und strengere Waffenkontrollen beschließt. Um es optisch zu untermalen, hat eine Initiative von Geistlichen die 3300 Grabsteine auf den Rasen der Parkschneise gesetzt — von dort geht der Blick direkt auf die Kuppel des Kapitols.

Die Stimmen der Hinterbliebenen

Es war eine hochemotionale Woche in der amerikanischen Hauptstadt. Nicht nur Saylor hielt eine bewegende Rede, auch Eltern der toten Kinder der Sandy Hook School reisten an, um schwankenden Senatoren ins Gewissen zu reden. Zuvor hatte das Nachrichtenmagazin "60 Minutes" dokumentiert, wie sie nach dem ersten Schock ihre Stimme finden, verhindern wollen, dass das Land nach intensiver, gleichwohl kurzer Betroffenheit zur Tagesordnung übergeht. Einfach, indem sie aus ihrer Sicht schildern, was in Newtown geschah.

Nelba Marquez-Greene saß im Auto, als ihr Mann Jimmy per SMS aus der im Chaos versunkenen Schule funkte, er habe jetzt Isaiah, den Sohn, bei sich. Ana, die Tochter, noch nicht. Alle zehn oder 15 Sekunden habe sie Jimmy per Kurznachricht nach dem Mädchen gefragt. "Ana?" Und dann, verzweifelt: "Ana!" "Isaiah haben wir doch, ich verstehe nicht, wieso wir Ana nicht haben", beschrieb Nelba Marquez-Green im Nachhinein ihre Gefühle.

Nicole Hockley, die Mutter des sechsjährigen Dylan, sprach von der schrecklichen Vorahnung, als sich der Raum, in dem Eltern auf ihre Kinder warteten, zusehends leerte. Während andere erleichtert heimfuhren, musste sie bleiben. "Aber selbst dann denkst du noch, Dylan ist okay. Weil Dylan so etwas nicht zustoßen kann." Irgendwann kam Dannell Malloy, der Gouverneur Connecticuts, um mitzuteilen, wer jetzt noch hier sitze, dessen Kinder kehrten leider nicht mehr zurück.

Dreht sich die Debatte im Senat?

Dass die Stimmen der Angehörigen die lange festgefahrene Senatsdebatte drehten, davon ist zumindest das Weiße Haus überzeugt. "Ohne sie wären Fortschritte nicht möglich gewesen", meint Jay Carney, Obamas Sprecher. Seit der Nacht zum Freitag steht fest, dass die kleinere, feinere Parlamentskammer beraten und abstimmen wird über ein schärferes Waffengesetz. Wäre es nach den treuesten Verbündeten der Flintenlobby NRA gegangen, wäre selbst dies verhindert worden. Nun aber beschloss der Senat mit 68 zu 31 Stimmen, den Diskurs zu führen, einen Austausch von Argumenten, der sich über zwei Wochen hinziehen kann.

Klar ist aber auch, dass die eventuelle Novelle weit hinter dem "Assault Weapons Ban" zurückbleibt, der 1994 von Bill Clinton durchgesetzt wurde und zehn Jahre später auslief. Dessen wichtigste Klausel, ein Verbot des Verkaufs halbautomatischer Sturmgewehre, steht nicht einmal zur Debatte. Im Kern geht es nur noch darum, Waffenkäufer auch dann zu überprüfen, wenn sie Pistolen, Revolver oder Gewehre nicht in registrierten Läden erwerben, sondern auf dem Basar einer "Gun Show" oder im Internet.

Die Personaldaten der Kunden sollen abgeglichen werden mit einem zentralen FBI-Register, das vorbestrafte oder geistig verwirrte Bürger auflistet. So haben es Joe Manchin und Pat Toomey, ein Demokrat und ein Republikaner, in einem Kompromisspapier vereinbart.

So dürfte es den Senat letztlich passieren, auch wenn die NRA in heftiger Polemik von einem Anschlag auf die Freiheit des Einzelnen spricht, von Zentraldateien als dem Markenzeichen eines kontrollwütigen Staatswesens. Umfragen zufolge halten 90 Prozent der Amerikaner die Ausweitung der "background checks" für vernünftig. Unter den Waffenbesitzern sind es immerhin 85 Prozent.

(felt)
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