Wasserschwund in China: 27.000 Flüsse sind verschwunden

Wasserschwund in China: 27.000 Flüsse sind verschwunden

Sag mir wo die Flüsse sind. Peking sucht nach 27.000 verschwundenen Strömen und bereitet höhere Wasserpreise vor

Eine trockene Zahl lehrt Chinas Umweltpolitiker und Klimaforscher das Fürchten. Dem traditionell wasserarmen Reich der Mitte, dessen Einwohner pro Kopf mit einem Viertel des Wassers auskommen müssen, das im Weltdurchschnitt verbraucht wird, sind mehr als 27.000 Flüsse abhanden gekommen.

So viele fehlten seit ihrer letztmaligen Zählung vor knapp 30 Jahren. Da wurde amtlich festgestellt, dass es in China mehr als 50.000 Flüsse mit jeweils mindestens 100 Quadratkilometer Wasseroberfläche gibt. Heute seien es nur noch 22.909 Flüsse, enthüllte der erste nationale Wasserreport der Volksrepublik.

Drei Jahre von 2010 bis 2012 arbeiteten seine Herausgeber, das Ministerium für Wasserressourcen (MWR) und das Staatliche Statistikamt (NBS) an ihrer ersten landesweiten Untersuchung zum Zustand der Flüsse, des Grundwassers, der Bewässerungsprojekte und Reservoire. Peking hatte als Stichtag den 31. Dezember 2011 gewählt.

Schuldiger gesucht

China "fehlen 27.000 Flüsse", schlagzeilten Pekinger Zeitungen. Vize-Wasserbauminister Qiao Yong schob in den CCTV-Hauptnachrichten die Schuld dafür auf Klimawandel, Erderwärmung und der "Wirtschafts-und Gesellschaftsentwicklung." Er meinte die Folgen der massiven Industrialisierung, des Städtebaus, der Bevölkerungzunahme und dem Raubbau an der Natur seit Beginn der Reformen, die das Land zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf Kosten verheerender Umweltschäden machte.

Der Vizeminister nannte auch einen zweiten Grund. Frühere Untersuchungen seien ungenau gewesen im Vergleich zur heutigen Mess-Technologie. Nach Auswertung neuer topographischer Karten im Maßstab 1: 50.000 hätte sich gezeigt, dass die meisten Flüsse nicht verschwunden sind, aber weniger Wasser führten. Aktuell gebe es heute 45.203 Flüsse, wenn bei der Zählung jeweils nur 50 Quadratkilometer Wasserfläche zugrunde gelegt wird. Ihre Gesamtlänge betrage 1,51 Millionen Kilometer. Die wirtschaftspolitische Zeitschrift "Caixin" erinnerte den Vizeminister, dass er im Oktober 2010 selbst noch China als "Land mit den meisten Strömen der Welt und mit 50.000 Flüssen von jeweils mehr als 100 Quadratkilometer Wasserfläche" angepriesen hatte. "Auf der Suche nach dem verlorenen Wasser", spotteten Blogger über die skurrile Nachforschung in Anspielung auf den Roman von Marcel Proust. "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit."

Ein gigantisches Problem

Das Thema ist allerdings ernst. Peking hat die Wasserversorgung als gigantisches Problem für seine Zukunftsicherung erkannt, zumal 40 Prozent des Flusswasser bereits durch Abwässer verseucht und 20 Prozent völlig unbrauchbar sind. Auch die Anzahl der Seen in einer Größe von jeweils mehr als einem Quadratkilometer ging auf nur noch 2865 Seen dramatisch zurück. Nur, "wenn wir wissen, woran wir sind, können wir unsere Besitzstände schützen", kommentierte die 'Beijing Times'. "Wasser ist das schwache Kettenglied in unserer Entwicklung" Die Zeitung warnte: "Wasser kann ein Boot tragen, aber auch kentern lassen."

Die Offenlegung, wie es um das kostbare Nass wirklich bestellt ist, dient nicht nur der Aufklärung. Die Wirtschaftzeitung "National Business Daily" nannte Transparenz am Mittwoch eine notwendige Voraussetzung, um zur "beschleunigten Reform der Wasserpreise" und damit zum Schutz, Einsparung und Wirtschaftlichkeit der lebenswichtigen Ressource und ihrer Bewertung nach Marktpreisen zu kommen. Die Zeitung zitierte Wasserbauminister Chen Lei. Er habe auf einer kürzlichen Sitzung seines Ministeriums verraten, dass eine solche Reform nach der Umstrukturierung der neuen Regierung auf die Tagesordnung kommen soll. Schwerpunkte seien die Bewässerung der Landwirtschaft, Klärung der Besitzrechte und Aufteilung des Wassers. Preisreformen würden sich auch vorteilhaft auf die geplante verstärkte, neue Urbanisierung Chinas auswirken.

China steckt mitten in der Wasserkrise

Die in hohem Tempo wachsende Wirtschaft und die steigenden Ansprüche von 1.35 Milliarden-Menschen verbrauchen immer mehr des immer knapper werdenden Wassers. Nach dem neuen Report sind es jährlich 621 Milliarden Kubikmeter Wasser, die China konsumiert. Davon entfallen mit rund zwei Drittel den Löwenanteil auf die Land- und Forstwirtschaft, auf die Industrie ein Fünftel, auf die Stadtbevölkerung 47 Milliarden Kubikmeter Wasser und auf das Dienstleistungsgewerbe 24 Milliarden Kubikmeter Wasser.

Die Wasserkrise hat sich verschärft, stellt der Report fest. Chinas Flüsse haben einen Großteil ihrer Regulierungsfunktionen für die periodisch auftretenden Fluten und Dürren verloren. In den mehr als 93.000 größeren Reservoiren und Stauseen wird nicht genug Wasser gespeichert, um eine effektive Versorgung und Agrarbewässerung zu garantieren. Wasserkraft liefert allerdings viel Strom. China unterhalte 46.758 Wasserkraftwerke mit einer installierten Gesamtkapazität von 333 Gigawatt und baut derzeit 1324 große Wasserkraftwerke mit noch einmal 110 Gigawatt Stromleistung dazu.

Der Grundwasserspiegel sinkt

Sauberes Nutz- und Trinkwasser zu beschaffen wird kostspieliger. Der Bericht zählt 97,5 Millionen Brunnen in China, die das immer tiefer absackende Grundwasser anzapfen. Im statistischen Durchschnitt kommt inzwischen ein Brunnen auf jeweils 14 Chinesen. Mehr als 400 der 657 Städte des Landes hängen mit ihrer Versorgung vom Grundwasser ab. 60 Städte haben es erschöpft.

Die 23 Millionen-Einwohner-Metropole Shanghai legt sich inzwischen Regenwasser-Auffangreservoirs zu. Peking baut für Milliardensummen einen 1240 Kilometer langen Nord-Süd Kanal, um ab 2014 seine chronische Wasserkrise zu mildern. "Für die Aufteilung und Entschädigung des durch mehrere Provinzen antransportierten Wassers gibt es noch keinen Gesamtplan. Wir haben in China noch keinen echten Markt für Wasser", schreibt die National Business Daily.

Der Etat für Umweltschutz wächst

In der als Kornkammer und als Industriegebiet wichtigen nordchinesischen Ebene (Peking, Tianjin, Hebei, Shandong und Henan) sind nur 22,2 Prozent des Grundwassers zur Wasserversorgung direkt nutzbar. Das ergab eine nach sechs Jahren Untersuchungen veröffentlichte Analyse des Nationalen Bodenamts, über die am Mittwoch die Wirtschaftzeitung "21. Century Business Herald" berichtete. Mehr als 56 Prozent des Grundwasser müssten über Wasserwerke geklärt werden.

Die Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden zwingt Chinas neue Regierung, ihren Etat für Umweltschutz zu erhöhen. Pekings Zentralbehörden stellen 9,3 Milliarden Yuan (1,1, Milliarden Euro) für 2013 zur Verfügung, 47,2 Prozent mehr als 2012. Diese Zahl nannte das Finanzministerium jetzt auf seiner Webseite. Zusammen mit allen Provinzen und Lokalregierungen sollen sich Chinas Ausgaben auf 210 Milliarden Yuan (rund 25 Milliarden Euro) erhöhen. Das sind 18,8 Prozent mehr als im Vorjahr, oder mehr als das doppelte Wirtschaftswachstum.

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(RP/pst/csi)