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180 Nationalitäten leben in Amsterdam - Vielfalt als Erfolgsrezept

Mehr als 180 Nationalitäten leben in Amsterdam : Vielfalt als Erfolgsrezept

Die niederländische Hauptstadt Amsterdam ist für ihre Weltoffenheit bekannt. Menschen aus mehr als 180 Staaten leben dort. Warum ist das so? Eine Spurensuche.

Eine Straßenbahn rattert heran. Der Fahrer hupt, um den Touristenherden, die den Bahngleisen wenig Beachtung schenken, seine Anwesenheit mitzuteilen. Fahrradfahrer huschen vorbei. Einheimische sind leicht an der rasanten Fahrweise zu erkennen und an den Handbewegungen, die ein baldiges Abbiegen signalisieren. Wochenendbesucher wirken auf ihrem geliehenen Drahtesel eher wie eine Boje, der die Strömung nichts anzuhaben scheint.

Der Dam, Amsterdams bekanntester Platz. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten befinden sich hier. Der Königliche Palast und die Nieuwe Kerk etwa. Doch der Dam hat noch eine ganze andere Bedeutung. Von hier entwickelte sich Amsterdam zu einer der wichtigsten Industrie- und Kulturmetropolen Europas, in der heute Menschen aus 180 Nationen leben. Die Vielfalt ist das Erfolgsrezept Amsterdams.

Gut drei Kilometer vom Dam entfernt liegt in südöstlicher Richtung im Stadtteil Amsterdam-Oost die Nachbarschaft Dapperbuurt. Sie ist bekannt für ihren Tagesmarkt, der neben dem Albert-Cuyp-Markt einer der größten und meistbesuchten in Amsterdam ist. In den Warenauslagen der Verkäufer liegen exotische Früchte, afrikanische Kosmetikartikel, Tücher, türkische Süßspeisen, geräucherter Schinken. An den Straßen reihen sich libanesische Restaurants an spanische, surinamische und japanische.

„Wir sind doch alle Touristen“

Sobhi Khatib wartet in der Bar Botanique, mediterranes Ambiente. Das Avocado-Sandwich ist beliebt. „Wir sind doch alle Touristen“, sagt Khatib und deutet auf die Menschen um ihn herum. Der 35-Jährige ist staatenlos. Khatib stammt aus Palästina, das derzeit von 136 der 193 UN-Mitgliedsländer als eigenständiger Staat anerkannt wird. Deutschland, aber auch die Niederlande sind nicht darunter. Trotzdem fühlt er sich hier willkommen.

„Ich habe bereits in mehreren Städten gelebt, doch es gibt nur zwei, in denen ich mich von Anfang an wohl gefühlt habe: Das waren Berlin und Amsterdam“, sagt Khatib. In Tel Aviv studierte er an einer britischen Universität, schloss das Studium mit einem Bachelor ab. Früh stand für ihn fest, dass er nicht nach Palästina zurückkehren möchte. „Mein Vater sagte mir, ich solle gehen und mein Leben leben. Meine Mutter konnte es dagegen nicht verstehen“, sagt Khatib. Auch viele seiner Freunde fragten, warum er Palästina verlassen wolle. Das Land gehe zugrunde, wenn alle jungen Menschen wie er gingen. Aber Khatib hörte auf den Rat seines Vaters und verließ Palästina.

Eigentlich wollte er nach Paris, doch für ein Praktikum zog es ihn zunächst nach Deutschland. Erst in die Wagner-Stadt Bayreuth, später nach Mainz, wo er einige Monate für das ZDF arbeitete, bis er schließlich in Berlin beim arabischen Nachrichtensender Al Dschasira landete. Für seinen Master ging Khatib jedoch kurz darauf nach Pisa, wo er seine heutige Frau Elena kennenlernte. Sie war es auch, die Khatib nach Amsterdam lockte. „Elena hatte eine Stelle in den Niederlanden bekommen, und wir führten eine Fernbeziehung“, erklärt Khatib. „Eines Tages rief sie mich an und fragte mich, ob ich sie liebe. Ich sagte: ,Natürlich liebe ich dich’, woraufhin sie entgegnete: ,Willst du mich heiraten?’ Ich war so perplex, dass ich zuerst lachen musste. Doch ich habe ,ja’ gesagt.“

Khatib zog mit seiner künftigen Frau nach Amsterdam. Sie heirateten in der Stadthalle. „Für mich war das schon sehr besonders, denn an demselben Ort fand einst die erste Hochzeit eines homosexuellen Paares statt“, sagt Khatib. Von Anfang an habe er bei Amsterdam ein gutes Gefühl gehabt. „Es interessiert hier niemanden, wie du aussiehst. Ganz anders übrigens als in Bayreuth“, sagt Khatib und lacht.

Erste Blütezeit und Katastrophen

Auf der Suche nach den Ursachen für Amsterdams Weltoffenheit kommt man unweigerlich wieder am Damplatz im Herzen der Stadt vorbei – dort, wo alles begann. Im 13. Jahrhundert bestand die Region aus einer weiten Sumpflandschaft. Um das Jahr 1250 herum siedelten sich die ersten Bauern und Fischer an. Der weiche, wässrige Boden und die vielen kleinen Flüsse machten eine Bebauung schwierig. Daher errichtete man Dämme, die das Wasser aufhielten und die Siedlung vor Sturmfluten schützten. An der Stelle des heutigen Königlichen Palastes bändigten die Bauern mit einem Damm den Fluss Amstel. Später ergab sich daraus der Name Amsterdam.

Wie es danach weiterging, weiß am besten Kees Zandvliet. Er ist Professor für Geschichte an der Universität Amsterdam und forscht seit Jahren zur Historie der Stadt. Zand­vliets Büro liegt im ersten Stock eines Anbaus des Amsterdam-Museums – einem ehemaligen Waisenhaus. Im Erdgeschoss ist das Museumscafé zur Mittagszeit gut besucht. „Die heutige Vielfalt Amsterdams lässt sich auf zwei Episoden in der Geschichte der Stadt zurückführen“, sagt Zandvliet. Er erzählt vom sanften Aufstieg. Noch einige Hundert Jahre lebten die Bewohner hauptsächlich vom Fischfang. 1369 trat Amsterdam der Hanse bei. Der Handel wuchs, was immer mehr Kaufleute anzog. In die erste Phase der Blütezeit fielen jedoch auch mehrere Katastrophen, derer noch heute – der Überlieferung nach – auf dem Stadtwappen in Form von drei Kreuzen gedacht wird: Fluten, Feuer und die Pest.

Die Vorreiterstellung übernahm zunächst eine ganze andere Stadt: Antwerpen, das damals wie Amsterdam unter der Herrschaft der Burgunder, später der spanischen Habsburger (ab 1522) stand. Mehrere Jahrzehnte war Antwerpen reichste Handelsstadt Europas – bis zur Rebellion der Niederländer gegen die spanische Obrigkeit.

Amsterdam profitierte vom Niedergang Antwerpens

Es war ein Religionskrieg: Calvinisten gegen Katholiken. Der protestantische Norden der damaligen Niederlande erklärte 1579 formell seine Unabhängigkeit von der spanischen Krone. Es kam zu schweren Gefechten wie 1584 bei der Belagerung Antwerpens durch spanische Truppen. Die Stadt musste nach einem Jahr kapitulieren, wirtschaftlich gebeutelt und teilweise zerstört. „Als die Holländer kurz darauf als Vergeltung den Unterlauf der Schelde sperrten, war der Untergang Antwerpens besiegelt“, sagt Zandvliet. Die Wirtschaft der südlichen Provinzen brach danach zusammen. Von den etwa 100.000 Bewohnern Antwerpens blieben nur 40.000. Viele der gut ausgebildeten und erfahrenen Abwanderer zogen in den Norden und ließen sich in Amsterdam nieder – die erste bedeutende Episode.

Verlässt man die heutige quirlige Metropole weiter in südöstlicher Richtung, erreicht man die kleine Gemeinde Diemen, 26.000 Einwohner, hauptsächlich Studenten und Jungunternehmer. Die Start-up-Dichte ist hier sehr hoch, weil Arbeitsraum im Vergleich zum preislich entglittenen Stadtkern Amsterdams bezahlbar ist.

In einem Industriegebiet, das so in jeder Kleinstadt zu finden ist, liegt die Schneiderei von Amelia Fernhout. Die 28-Jährige bezeichnet sich als „Allround Fashion Specialist“. Sie entwirft Kleider für Frauen und hat mit „ROTNF“ („Revelation Of The Fashion“) ein eigenes Modelabel gegründet. Amelia Fernhout stammt aus der Zentralafrikanischen Republik. „Viele wissen überhaupt nicht, dass es dieses Land gibt“, sagt Fernhout. Neben ihrem Schreibtisch steht ein Kleiderständer mit schwarzen und dunkelgrünen Abendkleidern. Das sanfte Rattern einer Nähmaschine ist zu hören.

Amelia Fernhout kam im Alter von sechs Jahren nach Amsterdam. Ihre Mutter hatte sich vier Jahre zuvor in einen Niederländer verliebt, den sie bei dessen Reise durchs Land kennengelernt hatte. „Ich erinnere mich noch, dass wir im August mit unseren dicksten Wintermänteln und Tierfellen am Flughafen Schiphol standen. Die Leute müssen uns für verrückt gehalten haben, aber das Einzige, was ich damals über die Niederlande wusste, war, dass es dort angeblich kalt ist“, sagt Fernhout.

„Jeder ist hier anders“

In der Zentralafrikanischen Republik, dem ärmsten Land der Erde, habe sie nie viele Freunde gehabt, erzählt die 28-Jährige. „Ich war ein sehr scheues Mädchen.“ All das habe sich geändert, seit die Familie in Amsterdam lebt. „Hier habe ich sofort Freunde gefunden. In Amsterdam ist einfach alles gut. Niemand schaut dich hier an, als seist du anders. Denn hier ist jeder anders.“

Gegenüber dem Anderen war Amsterdam schon immer aufgeschlossen. Kaufleute, die aus Antwerpen die Stadt erreichten und für den Aufschwung Amsterdams sorgten, erhielten zum Dank weitreichende Rechte, egal ob sie Juden, Protestanten oder Katholiken waren. Auch die Herkunft spielte keine Rolle. Die Toleranz Amsterdams sprach sich herum. Immer mehr Händler und Intellektuelle kamen, sie führten die Stadt schließlich ins Goldene Zeitalter: eine gut 100-jährige wirtschaftliche wie kulturelle Blütezeit im 17. Jahrhundert. Es war die zweite bedeutende Episode der Stadt.

Fast 7000 Kaufmanns- und Lagerhäuser sowie 1300 Brücken aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zeugen heute noch vom Goldenen Zeitalter. Ende des 17. Jahrhunderts verlor Amsterdam allerdings an wirtschaftlichem Einfluss, weil ein Krieg mit Frankreich und England wichtige Handelsrouten nach Südasien blockierte. Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist Amsterdam wirtschaftlich von Rotterdam abgehängt. „Amsterdam blieb aber das Zentrum für Meinungsbildung in den Niederlanden – und auch weit darüber hinaus“, sagt Historiker Kees Zandvliet.

Die „letzten Mohikaner“

Vor zwei Jahren begann die Stadt, dem Mythos der 180 Nationen auf die Spur zu gehen. Man rief alle Einwohner, die nicht aus den Niederlanden stammen, auf, sich zu melden. Am Ende stand das Projekt „180 Amsterdammers“. Tatsächlich fand die Stadt für 180 Nationen einen Vertreter. So manche Staatsangehörigkeit gibt es nur wenige Male. Amelia Fernhout und ihre Mutter sind laut der Erhebung die einzigen Menschen in Amsterdam, die aus der Zentralafrikanischen Republik stammen.

Das Projekt machte noch weitere „letzte Mohikaner“ der Öffentlichkeit bekannt: den Musiker Ussumane N‘djai zum Beispiel. Er lebt seit 2001 in Amsterdam und kommt ursprünglich aus Guinea-Bissau – wie sonst niemand in der Stadt. In Videos auf Youtube trägt N‘djai, schwarze Rastalocken, meist einen Poncho in den Landesfarben seiner früheren Heimat: Schwarz, Rot, Grün, Gelb. „In meinem Land herrscht Krieg, politische Unruhen sind an der Tagesordnung“, sagt N‘djai. Seine Kinder musste er in dem westafrikanischen Küstenstaat mit seiner Schwester alleinlassen. „Ich vermisse sie so sehr und hoffe, dass ich sie bald nach Amsterdam holen kann. Die Stadt hat mir Freiheit gegeben. Das wünsche ich mir auch für meine Kinder“, sagt N‘djai.