Erwartete Offensive : 10.000 Terrorkämpfer werden in der Rebellenhochburg Idlib vermutet

Erwartete Offensive : 10.000 Terrorkämpfer werden in der Rebellenhochburg Idlib vermutet

Alles deutet darauf hin, dass ein Feldzug gegen das letzte große Gebiet der syrischen Rebellen bevorsteht. Während Russland seine Flotte aufstockt, pocht der UN-Syrienvermittler auf mehr Zeit - sonst drohten schlimme Konsequenzen für die Millionen Zivilisten in Idlib.

Vor der erwarteten Offensive auf die Rebellenhochburg Idlib in Syrien hat der UN-Syriengesandte Staffan de Mistura zum Schutz der Zivilisten in der Region aufgerufen.

In der Provinz befänden sich zwar neben 2,9 Millionen Zivilisten auch 10 000 Mitglieder der Terrororganisationen Al-Nusra und Al-Kaida. Diese müssten bekämpft und besiegt werden, aber nicht auf Kosten der Zivilisten, sagte der UN-Diplomat am Donnerstag in Genf.

Erste syrische Angriffe lassen darauf schließen, dass ein Feldzug der syrischen Regierung mit russischer Hilfe gegen Idlib bevorsteht. De Mistura verlangte humanitäre Korridore unter UN-Aufsicht, damit die Menschen vorübergehend in sicherere Gegenden gebracht werden könnten. UN-Generalsekretär António Guterres hatte am Mittwoch vom „wachsenden Risiko einer humanitären Katastrophe“ gesprochen.

Die Nordprovinz Idlib ist das letzte große Gebiet in der Hand von Rebellen des seit 2011 andauernden Syrienkrieges. Unter den 2,9 Millionen Menschen dort wurden nach Angaben de Misturas 1,4 Millionen schon einmal vertrieben. Die Provinz liegt an der Grenze zur Türkei, die keinen neuen Zustrom von Flüchtlingen zulassen will.

Russland stockt derweil seine Seestreitkräfte im östlichen Mittelmeer auf. Bei einem großen Seemanöver vom 1. bis 8. September würden 25 Kriegsschiffe und etwa 30 Flugzeuge eingesetzt, kündigte das Verteidigungsministerium in Moskau am Donnerstag an.

Kremlsprecher Dmitri Peskow zog offen eine Verbindung zur Lage in Idlib, die er kompliziert nannte. „Deshalb ist jede Erhöhung der Vorsichtsmaßnahmen gerechtfertigt und begründet“, sagte er der Agentur Interfax zufolge. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte am Mittwoch gesagt, die „Eiterbeule“ Idlib mit den Rebellen müsse beseitigt werden. Die Zeitung „Iswestija“ schrieb vom „größten Flottenverband seit dem Eingreifen Russlands in den Syrienkonflikt“.

Der demonstrative russische Truppenaufbau soll auch die USA von angeblich drohenden Attacken auf Syrien abhalten. „Der Verstärkung von US-Truppen im Nahen Osten nach zu urteilen, sind neue Raketenangriffe auf Ziele in Syrien nicht ausgeschlossen“, sagte Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums.

Zuletzt hatten die USA, Frankreich und Großbritannien im April Marschflugkörper auf syrische Militäranlagen abgefeuert. Dies sollte die Vergeltung sein für einen Chemiewaffenangriff syrischer Truppen auf die Stadt Duma in der über Monate umkämpften Region Ost-Ghuta. Damaskus und Moskau streiten den Angriff ab.

Syriens Außenminister Walid al-Muallim warf den drei Westmächten vor, einen Angriff zu planen, um den syrischen Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida zu retten. Es wiederhole sich jetzt dasselbe Szenario wie in Ost-Ghuta, sagte er in Moskau nach einem Treffen mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow. „Sie tragen die Verantwortung für das gefährliche Ergebnis dieser Aggression“, erklärte er.

Lawrow wiederholte die seit einigen Tagen von russischen Vertretern vorgetragene Befürchtung, Rebellen könnten in Idlib mit westlicher Hilfe einen Chemiewaffenangriff verüben und der syrischen Seite die Schuld geben. Der russische Minister warf den USA vor, nichts für den Wiederaufbau der Gebiete unter Regierungskontrolle zu tun, sondern nur für die Kurdengebiete östlich des Flusses Euphrat. So trügen die USA zur Spaltung Syriens bei.

Als größte Gefahr bezeichnete der UN-Diplomat de Mistura den Einsatz chemischer Kampfstoffe, die sowohl die Regierung als auch al-Nusra besäßen. Er rief die Konfliktparteien sowie ihre internationalen Unterstützer auf, vor neuen Angriffen eine Lösung für die Zivilisten zu finden. „Warum so eine Eile, warum nicht mehr Zeit für Diskussionen lassen?“, fragte de Mistura.

(ubg/dpa)
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