London: Aus rot wird blau

London: Aus rot wird blau

Die Briten erhalten wieder ihren alten Pass. Das führt zu Verwerfungen.

Für viele Brexit-Fans ist es das ultimative Symbol: Nach dem EU-Austritt bekommen die Briten wieder ihren vormals marineblauen Pass zurück. Zurzeit kommt das nationale Reisedokument in burgunderrotem Design daher und trägt dazu auch noch die Aufschrift "European Union". Der Passwechsel von rot zu blau, so hatte Premierministerin Theresa May Ende vergangenen Jahres getönt, würde den Briten die "nationale Identität" zurückgeben und sei "ein Ausdruck unserer Unabhängigkeit und Souveränität".

Da macht es sich jetzt gar nicht so gut, dass die neuen Pässe ausgerechnet von einem ausländischen Unternehmen hergestellt werden sollen. Die britische Regierung hat entschieden, den Druckauftrag an die französisch-niederländische Firma Gemalto zu vergeben, denn die können den Job für umgerechnet rund 57 Millionen Euro weniger erledigen als das britische Traditionsunternehmen De La Rue. Wie zu erwarten, kam es auf der Insel zu einem Wutgeheul, und das nicht nur vom im Bieterstreit unterlegenen britischen Unternehmen.

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Die ehemalige Entwicklungsministerin Priti Patel nannte die Entscheidung eine "nationale Erniedrigung". Bill Cash, Urgestein der Euroskeptiker und Brexit-Hardliner, sprach von "einem völlig unnötigen und symbolisch völlig falschen" Schritt. 52 Prozent der Briten stimmten beim Referendum für den Austritt aus der Europäischen Union. Die andere Hälfte wundert sich kopfschüttelnd, warum eine solch triviale Angelegenheit derartige Resonanz findet. Immerhin hatte Großbritannien auch als EU-Mitglied schon immer die Freiheit gehabt, die Farbe des Reisepasses zu bestimmen, jedoch vorgezogen, die weithin übliche weinrote Version zu wählen. Und die Binnenmarkt-Regeln für die Auftragsvergabe sehen nun einmal vor, dass das Königreich nicht zugunsten britischer Unternehmen ausländische Firmen diskriminieren darf.

Die Affäre illustriert einen grundsätzlichen Widerspruch im Lager der Brexit-Fans. Während man einerseits für den Austritt aus nostalgisch-nationalistischen Motiven gestimmt hat, sieht man andererseits im Brexit die Chance für einen globalen Freihandel, in den Großbritannien eintreten kann, hat es erst einmal die Brüsseler Fesseln abgestreift.

(RP)
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